Jugendbüro statt Bußgeld  Emden wählt bei Schulverweigerern einen besonderen Weg

| | 26.04.2024 07:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bas Reinecke (von links), Birgit Zuther, Simone Meyer-Sommer und Marvin Liebtrau haben Erfahrungen mit den Problemen von Jugendlichen – und warum daraus manchmal Schulverweigerung wird. Foto: Hock
Bas Reinecke (von links), Birgit Zuther, Simone Meyer-Sommer und Marvin Liebtrau haben Erfahrungen mit den Problemen von Jugendlichen – und warum daraus manchmal Schulverweigerung wird. Foto: Hock
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In Emden setzt das Jugendbüro auf andere Ansätze gegen Schulverweigerung. Sozialarbeiter und Pädagogen gehen den teils verborgenen Problemen hinter unentschuldigten Fehltagen auf den Grund.

Emden - Mal die Schule schwänzen, wer hat es in seiner Jugend nicht getan. Das mag zwar nicht sonderlich vorbildlich sein, aber mal vom Unterricht fernbleiben, ist auch kein Drama. Es sei denn, es bleibt nicht bei einem Mal, sondern es kommt immer und immer wieder vor. Dann spricht man von „Schulabsentismus“ oder „Schulverweigerung“. In Emden wird hier das Jugendbüro der Stadt aktiv – und das seit Jahren und mit zunehmendem Erfolg.

Doch was steckt dahinter, wenn schon Grundschüler nicht zum Unterricht erscheinen? Genau diese Frage stellt man sich im Jugendbüro der Stadt Emden regelmäßig. Die größte Stadt Ostfrieslands geht bei Schulverweigerern einen Sonderweg. Statt dass die Schulen die Fälle direkt an die Ordnungsbehörden melden und sofort ein Bußgeld fällig wird, ist das Jugendbüro zwischengeschaltet. 119 Fälle von Schulabsentismus landeten im vergangenen Jahr bei den Sozialarbeitern und Sozialpädagogen (B.A.) Birgit Zuther, 50 Jahre alt, und dem 30-jährigen Marvin Liebtrau. „Die üblichen Schulschwänzer, wie man sie sich vorstellt, die gibt es eigentlich kaum“, sagt Zuther im Gespräch mit dieser Zeitung.

Schulverweigerung: Hintergründe und Hilfe für betroffene Jugendliche

„Typisch“ oder besser „klischeehaft“ stellt man sich unter Schulverweigerern die vor, die einfach keine Lust haben, die vielleicht ein bisschen rebellieren. Die kommen vor, sagen Zuther und Liebtrau, aber „die Gründe sind vielfältiger und der allergrößte Teil der Schülerinnen und Schüler, die nicht zur Schule gehen, brauchen einfach Hilfe“, so Liebtrau. Das Team kümmert sich um die 14- bis 17-Jährigen.

Es seien zunehmend psychische Erkrankungen und Probleme, so die Beobachtung der beiden Experten, die hinter der Schulverweigerung stehen. „Seit Corona ist das noch schlimmer geworden“, so Zuther. Mobbing oder andere Probleme in der Schule würden eine Rolle spielen, aber auch Probleme im Elternhaus. „Ritzen ist gerade wieder ein Riesenthema“, sagt Zuther. Unter „Ritzen“ versteht man eine bewusste Selbstverletzung mit Klingen oder spitzen Gegenständen. Vor allem bei jungen Mädchen und Frauen sei dies verbreitet. „Mädchen neigen eher zu selbstverletzendem Verhalten als Jungs. Jungs werden eher krawallig“, so Zuther.

Maßnahmen gegen Schulverweigerung müssten eigentlich viel früher ansetzen

Es geht beim Jugendbüro aber nicht nur um Schulverweigerer. Darüber hinaus kümmere man sich um junge Menschen zwischen 14 und unter 27 Jahren, die Probleme im schulischen und persönlichen Umfeld haben. „Aber eigentlich setzt das zu spät an“, sagt Liebtrau. „Die Ursachen für die Probleme an den weiterführenden Schulen und im Jugendalter liegen meistens schon in der Grundschule und im Kindesalter begründet.“

Dass die Angebote des Jugendbüros, wie das „Pro-Aktiv-Center“, für 14- bis 17-Jährige, oder das Projekt „Jugend stärken - Brücken in die Eigenständigkeit“, für 15- bis 27-Jährige, nicht schon früher ansetzen, ist im Endeffekt eine Geld- und eine politische Frage. „Solche Projekte sind meistens an Fördermittel gebunden“, sagt Jugendbüro-Leiterin Simone Meyer-Sommer. Die 47-jährige leitet seit April dieses Jahres das Jugendbüro, war aber schon zuvor in der Erziehungsberatungsstelle der Stadt. „Und die Fördermittel geben vor, um welche Altersgruppe es geht.“

Osnabrücker Vorbild wird zur Blaupause für Emden

Dennoch weiß das Jugendbüro auch, wie es gerade auch beim Thema Schulverweigerung in den jüngeren Jahrgängen aussieht. Warum, das ist ein Ergebnis jahrelanger Erfahrung. Vor rund zehn Jahren hat das damalige Jugendbüro-Team schon festgestellt: „Wenn man guckt, wo die Probleme anfangen, sind wir ganz schnell in der Grundschulzeit.“ Das sagt Bas Reinecke. Der 49-jährige Diplomsozialpädagoge ist seit 2006 im Jugendbüro – und gehörte mit zu denen, die eine revolutionäre und in Ostfriesland bislang wohl einzigartige Idee hatten.

Das Jugendbüro der Stadt Emden

So beschreibt die Stadt Emden die Aufgaben des Jugendbüros: "Das Jugendbüro der Stadt Emden unterstützt und berät junge Menschen zwischen 14 und 27 Jahren, die sich in einer schwierigen oder ausweglosen Situation befinden.

Wir helfen, schulische, berufliche, familiäre und persönliche Probleme zu bewältigen. Dabei ist es nicht wichtig, weshalb die Situation entstanden ist und wie bisher damit umgegangen wurde. Wir haben Zeit, hören zu, können Kontakte herstellen, zwischen Konfliktparteien vermitteln und so manches Problem doch noch ausbügeln.

Das Pro-Aktiv-Center richtet sich an Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Wir suchen nach Lösungen bei Problemen in der Schule und im persönlichen Umfeld.

Das Projekt JUGEND STÄRKEN - Brücken in die Eigenständigkeit richtet sich an Jugendliche zwischen 18 bis 27 Jahren mit Problemen in der Schule, der Ausbildung oder im familiären Bereich. Wir helfen bei der Neuausrichtung der schulischen oder beruflichen Laufbahn und bieten Impulse für eine geänderte Lebensplanung."

Weitere Informationen gibt es hier: jugendbüro-emden.de/

„Uns war aufgefallen, dass die Schulen es ganz unterschiedlich melden, wenn Schüler regelmäßig dem Unterricht fernbleiben“, erinnert sich Reinecke. Es fehlte so auch der Überblick. Aus dieser Erkenntnis entstand eine Idee: „Es wäre doch gut, wenn jeder das einheitlich macht“, ging der Gedanke weiter. „Und damit haben wir ein Riesenfass aufgemacht.“ Denn die Schulen, aber auch andere Akteure mussten nicht nur von einer einheitlichen Meldeweise überzeugt werden, sondern auch davon, dass die Schule die chronische Abwesenheit zunächst an das Jugendbüro meldet – und die dortigen Mitarbeiter erstmal versuchen, eine Lösung zusammen mit Eltern, Schülern und auch der Schule zu finden. Verordnet werden konnte dies nicht. Als Vorbild nahm man sich ein ähnliches Konzept aus Osnabrück.

Konzept geht auf, Zahlen werden immer besser

Es gelang: Aus der Idee wurde eine konkrete Vorgabe, an die sich fast alle Schulen in Emden halten. „Und wir suchen innerhalb von 48 Stunden den Kontakt zu den Schülern und den Eltern“, sagt Liebtrau. „Und dann gibt es ebenso zeitnah ein Gespräch, bei dem wir vor allem nach den Gründen fragen“, ergänzt Zuther. „Wenn es zu einer Meldung an uns kommt, sind die pädagogischen Maßnahmen in der Schule schon ausgeschöpft“, so Liebtrau. Sobald die Gründe klar sind, wird ein Angebot gemacht, wie das Problem zu lösen ist. Da spielt auch das große Netzwerk des Jugendbüros eine Rolle. Erst, wenn das Problem so nicht gelöst werden kann, geht die Meldung weiter an die zuständige Ordnungsbehörde. Dann folgen Bußgelder oder Bußgelder oder Sozialstunden und im schlimmsten Fall auch Jugendarrest.

Ein Freifahrtschein, um Bußgelder herumzukommen, ist das Jugendbüro aber nicht. „Es gibt auch Fälle, da ist unsere Lösung, dass ein Bußgeld verhängt wird“, so Zuther. Das sei zum Beispiel regelmäßig der Fall, wenn Eltern mit ihren Kindern einfach schon vor Beginn der Ferien in den Urlaub fahren. Von den Fällen, bei denen Hilfe von Nöten ist, konnte das Jugendbüro im vergangenen Jahr 44 Prozent der Bußgeldverfahren abwenden. Der beste Wert seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen im Jahr 2018.

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