Studiotour in der Krummhörn  Wie es in der wohl kleinsten begehbaren Galerie der Welt aussieht

| | 30.04.2024 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Künstler Simon Becker in der kleinsten begehbaren Galerie der Welt, einem Schrank in seinem Atelier. Fotos: Ortgies
Künstler Simon Becker in der kleinsten begehbaren Galerie der Welt, einem Schrank in seinem Atelier. Fotos: Ortgies
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Künstler Simon Becker bemalt Schallplatten und Pizzakartons, verwandelt Müll in Kunst und führt seit kurzem durch die wohl kleinste Kunstausstellung der Welt. Uns hat er sein Studio gezeigt.

Visquard - Auf dem ersten Blick ist sie doch recht unscheinbar, die kleinste begehbare Kunstgalerie der Welt. Sie versteckt sich in einem alten Schrank, den Künstler Simon Becker in einem Blaugrau gestrichen hat. Und dieser Schrank steht in Beckers Atelier, in einem Anbau des Einfamilienhauses in Visquard, das der 47-Jährige mit seiner Frau und den drei Söhnen bewohnt. Hinter dem Haus kommt nicht mehr viel. Felder, ein paar Fasane. Der perfekte Ort, um sich ganz auf die Kunst zu konzentrieren.

Seit zwei Jahren ist Simon Becker Ostfriese. Erst vor wenigen Wochen hat er sein Atelier im Anbau des Hauses eingerichtet. Er erfüllt sich mit seiner Kunst einen Traum. „Man sagt ja immer, ‚wenn wir groß sind, dann machen wir dies und das‘ und so schiebt man Pläne und Ziele immer weiter vor sich her.“ Damit war bei Becker und seiner Familie Schluss, sie haben die Stadt verlassen und leben nun in Visquard.

Anfänge als Tattookünstler

Aufgewachsen ist Becker in einer Kleinstadt in der Nähe von Braunschweig. Für Kunst interessierte er sich schon immer. Im Jugendalter fokussierte er sich besonders auf Porträtmalerei, da war er 17 oder 18. Später war er dann in der Tattooszene aktiv und verdiente sein Geld damit, Motive der japanischen Tattookultur zu designen.

Becker arbeitet auf Leinwänden, aber auch auf Pizzakartons, Schallplatten und Holz.
Becker arbeitet auf Leinwänden, aber auch auf Pizzakartons, Schallplatten und Holz.

Dann lebte Becker rund 17 Jahre lang in Braunschweig, arbeitete unter anderem für einem großen Kaffeekonzern. Die Verbindung zur Kunst bestand aber weiterhin, denn in seiner Freizeit gründete der Kunstliebhaber sein eigenes T-Shirt-Label. Das lief sogar so gut, dass er irgendwann vermehrt Anfragen bekam, sein Label zu verkaufen. Kurz vor der Coronapandemie entschied sich Becker dann dazu, diesen Schritt zu gehen und sein Label an einen neuen Eigentümer zu übergeben. Aber für Becker kam nicht infrage, damit auch seine Rolle als Kunstschaffender aufzugeben. Ganz im Gegenteil: Dank des Erlöses von diesem Verkauf konnte er es sich erlauben, sich nun hauptberuflich voll und ganz auf die Kunst zu konzentrieren.

Schwerer Start in Ostfriesland

Nach Ostfriesland hat es ihn und seine Frau sowie die drei Söhne vor rund zwei Jahren gezogen. Nach langen Jahren in Braunschweig haben sie sich die Frage gestellt, wo sie eigentlich ihre Kinder aufwachsen sehen wollen. Möglichst nicht in der Großstadt, lieber in der Natur, am Wasser. „Die Entscheidung für Visquard fiel nicht bewusst“, so Becker. Vielmehr habe es hier einfach ein geeignetes Haus und Grundstück gegeben. Das Haus hatte er mit seiner Familie sogar nach dem Kriterium ausgewählt, dass es ein Nebengebäude gab, welches er als Atelier nutzen kann.

Trotzdem war der Weg nach Ostfriesland für Becker und seine Familie gar nicht so einfach. Das Haus gefiel ihnen zwar, doch es musste noch saniert werden. Aus diesem Grund lebte die fünfköpfige Familie zu Beginn ihrer Ostfrieslandzeit für einige Wochen vorübergehend in zwei Ferienwohnungen in Dornumersiel. Doch auch nach dieser Zeit konnte die junge Familie noch nicht gleich in ihr Haus in Visquard ziehen, einige handwerkliche Arbeiten mussten noch verrichtet werden. Es folgten weitere fünf, sechs Wochen im Gemeindehaus des Warfendorfes, wo sie auf Feldbetten schliefen.

Kunst auf Pizzakartons und Schallplatten

Der Aufwand hat sich aber gelohnt, findet Becker. Das schöne Einfamilienhaus am Feldrand mit dem lichtdurchfluteten Atelier bietet dem Künstler genug Raum, seine abstrakten Werke auf Leinwand, Pizzakarton, Holz oder Schallplatte entstehen zu lassen. Mal arbeitet er auf dem Tisch, manchmal auf dem Boden. Es sei auch ganz unterschiedlich, wie lange er für die Fertigstellung eines Bildes braucht. „Manchmal sind das zwei Tage, manchmal mache ich aber auch eine Pause, um ein bisschen Abstand von dem Werk zu bekommen.“ Einen festen Zeitplan habe er nicht, aber: „Ein Bild ist nur dann fertig, wenn ich weiß, daran kann ich jetzt nichts mehr optimieren“, so Becker.

Von außen recht unscheinbar: In diesem Schrank versteckt sich eine Kunstgalerie
Von außen recht unscheinbar: In diesem Schrank versteckt sich eine Kunstgalerie

Sein Prozess während der Erstellung der Bilder folge meist einem ähnlichen Muster. „Die Form ist der erste Gedanke“, sagt Becker. Damit meint er die Form seiner Pinselstriche auf der Leinwand. Dann folge die Aufteilung der unterschiedlichen Elemente auf dem Untergrund. Als Utensilien nutzt Becker meist Pinsel und Spachtel. Für eines seiner aktuellen Werke verwendete er ein großes Holzbrett, um damit die Farbe auf der Leinwand zu verteilen. Inspiration für seine Kunst findet Becker an ganz verschiedenen Orten. Es komme auch schon ab und zu vor, dass er irgendetwas in seinem Alltag wahrnimmt und dann ganz schnell in das Atelier renne, um festzuhalten, was er gerade gesehen hat. „Das ist dann so ein Blitzgedanke.“

Die kleinste begehbare Galerie der Welt

Neu im Atelier hinzugekommen ist der Schrank, der gleichzeitig die kleinste begehbare Galerie der Welt sein soll. Aber stimmt das auch? Becker ist davon überzeugt. Er habe sehr viel gegoogelt und andere kleine Galerien entdeckt, aber keine kam der minimalen Größe seines Schrankes nahe. „Ich glaube, in Baden-Württemberg gibt es einen Künstler, der Kunst in einer Telefonzelle ausstellt. Aber die hat trotzdem noch eine größere Fläche als dieser Schrank hier“, so Becker.

Der Schrank, welcher auch als Durchgang zu dem dahinter liegenden Raum fungiert, bietet gerade genug Platz für ein paar bemalte Schallplatten sowie einige Bilderrahmen, die Becker mit selbst geschossenen und bearbeiteten Fotos der ostfriesischen Landschaft gefüllt hat. Darunter befinden sich zum Beispiel Deichschafe, Heuballen oder auch der Campener Leuchtturm.

Der Künstler integriert oft Müll in seinen Bildern, hier ein altes Tischfeuerwerk.
Der Künstler integriert oft Müll in seinen Bildern, hier ein altes Tischfeuerwerk.

Unverständnis für Umweltsünder

Etwas, was ihn stark beeinflusst, ist die Umwelt. Denn eine Besonderheit seiner Werke ist die Integration von Müll. So findet sich auf einer Leinwand eine Ansammlung von bemalten Kronkorken, auf einer anderen klebt eine alte Fischdose. Den Müll findet Becker am Strand, zum Beispiel in Norddeich oder an der Knock. „Ich gehe mit den Kindern am Strand Müll sammeln, damit sie das gleich lernen.“ Meistens habe er dann schon eine Idee im Kopf, wie er das neue Fundstück weiterverwerten könne. Becker sieht sich nicht als militanten Umweltschützer, aber er findet es einfach unverständlich, wie Leute ihre Zigarettenstummel am Strand wegwerfen können oder Müll aus dem Auto werfen. „Wenn du in der Natur wohnst, dann hast du noch mal ein anderes Bewusstsein für die Umwelt“, sagt er.

Ein Lieblingsbild hat Becker nicht, aber er hänge doch sehr an den Werken, das merke er vor allem beim Verkauf. „Bei jedem Werk erinnere ich mich daran, was ich bei der Gestaltung gedacht und gefühlt habe.“ Deswegen mache er auch immer ein Foto, bevor die Bilder in ein neues Zuhause umziehen. Viele seiner Bilder sind das Resultat von Kundenaufträgen, auch über Bekannte. „Da gibt es immer mal wieder Anlässe, ein Geburtstag oder eine Hochzeit zum Beispiel“, sagt Becker. Seine Bilder verkauft und verschickt Becker über seine Website Erdnüsse und Elefanten, aber auch in der Region vor Ort kann man sie erstehen. So befinden sich mittlerweile einige seiner Werke in der Alten Müllerei in Greetsiel. „Auch Studiobesucher sind gerne gesehen“, sagt Becker. Seine nächste Ausstellung ist im Juli in Dornum, im Herbst folgt eine Ausstellung in Braunschweig.

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