Mehr als 40.000 Besucher kamen Viel Lob, etwas Kritik – eine EM für die Geschichtsbücher
Das Friesensport-Spektakel in Neuharlingersiel zog die Massen an. Wir beantworten die wichtigste Fragen nach dem Großereignis, das einige beeindruckende Zahlen lieferte.
Neuharlingersiel - Der Ausnahmezustand in Neuharlingersiel ist beendet, die 17. Boßel-Europameisterschaft Geschichte. Nach den letzten Wettkämpfen am Sonntag und einer großen und langen Abschlussparty in der Nacht zu Montag reisten die 400 Sportler und Sportlerinnen am Montag ab und die Helfer erledigten die vielen Rest- und Nacharbeiten. Die Athleten aus Irland, Italien, Niederlande, Schleswig-Holstein und vom Gastgeber Friesischer Klootschießer-Verband (FKV) werden die EM als eine ganz besondere in Erinnerung behalten.
„Es gab viel positives Feedback und die Zuschauerresonanz war auch grandios“, sagte FKV-Medienwart Holger Wilken. Aber es gab auch Kritikpunkte: „Aus Perspektive der Sportler und Sportlerinnen wurde auch berechtigte Kritik für zu lange Wartezeiten bei den Wettkämpfen an uns herangetragen.“
Wie war die Zuschauerresonanz?
Die FKV-Verantwortlichen gehen von mehr als 40.000 Besuchern aus, vielleicht waren es sogar an die 45.000. Die größte Resonanz gab es am Samstag beim Straßenboßeln, als bis zu 13.000 Menschen auf und neben der Strecke den ganzen Tag über unterwegs waren. Aber auch der Feldkampf am Freitag am Deich und der Standkampf am Sonntag am Strand waren Zuschauermagneten. Die Zahlen sind natürlich grobe Schätzungen, es gibt aber auch einige Indizien.
So haben die Iren große Erfahrung mit solchen Zuschauermassen beim Straßenkampf. Zudem gab es Auswertungen, dass in dem kleinen Örtchen Werdumer Altendeich kurz vor Neuharlingersiel, wo geboßelt wurde, mehr als 10.000 Handys im Netz unterwegs waren. Ob es die zuschauerträchtigste EM aller Zeiten war, ist nicht zu sagen. „Auch bei den letzten beiden Europameisterschaften im FKV-Ritt in Norden 1988 und Westerstede 2004 soll sehr viel los gewesen sein.“
Wie fällt die sportliche Bilanz aus?
Der Friesische Klootschießer Verband mit seinen Athleten und Athletinnen aus Ostfriesland und dem Oldenburger Raum gewann als größter Verband wie zu erwarten die Gesamtwertung und führte den Medaillenspiegel mit 28 Medaillen an. Besonders die Frauen überzeugten im Feld- und Standkampf. Beim Klootschießen am Strand gab es den totalen Triumph mit allen drei Einzelmedaillen und dem Mannschaftstitel. „Bei den Frauen müssen wir uns für die Zukunft keine Sorgen im Klootschießen machen“, so Wilken. Bei den Männern muss dagegen wieder mehr Gas gegeben werden.
Enttäuschend aus Sicht des FKV verlief das Straßenboßeln, wo nur der Nachwuchs zwei Einzelmedaillen gewann. Zwar waren die Irländer in ihrer Paradedisziplin favorisiert. „Doch sie konnten Samstag warum auch immer nicht überzeugen. Leider haben wir die Gunst der Stunde nicht genutzt“, so Wilken. Viele FKV-Werfer und -Werferinnen, die am meisten auf der Strecke im Vorfeld trainieren konnten, kamen nicht an ihre Leistungsgrenze. So waren es die Niederländer, die die Schwäche der Iren nutzen konnten.
Was gefiel Sportlern und Sportlerinnen besonders?
Die Atmosphäre zog alle Friesensportler ebenso in den Bann wie das „olympische Dorf. Die komplette Jugendherberge wurde vom FKV gemietet. Die Athleten aus vier Nationen sahen sich mehrere Tage viele Stunden – auch rund um die Wettkämpfe. „Das hat allen super gefallen“, so Wilken. Die zentrale Lage mit allen Wettkampforten in unmittelbarer Nähe sorgte für leuchtende Sportler-Augen – ebenso wie die Festlocation im Hafen. Dort war an allen Abenden nach den Siegerehrungen Party angesagt. Besonders am letzten Abend. „Gegen 2 Uhr musste die Musik aus, aber viele haben noch weitergefeiert. Eine Goldgewinnerin habe ich am Montagmorgen um 8.30 Uhr in der Jugendherberge gesehen, da hatte sie noch nicht geschlafen.“
Wo gab es Kritik?
Der Boßel-Wettkampf am Samstag könnte als längster der EM-Historie in die Geschichte eingehen. „Es gab lange Wartezeiten und Verzögerungen, das war vor allem für die Werfer und Werferinnen nicht gut. Der Kritik müssen wir uns stellen“, so Wilken. Gründe dafür gab es mehrere. Es dauerte, bis die Ordner vor den Würfen die Menschen von den Straßen bekamen. Was im Vorfeld befürchtet wurde, trat auch ein: einige Kugeln landeten in den Gräben, auf jeder Seite gab es einen. Das Eisenkugel-Suchen im Wasser kostete Zeit.
Zudem ließ sich mancher Athlet und manche Athletin auch viel Zeit vor den Würfen. „Manche machen das auch bewusst, das sind Psychospielchen mit der Konkurrenz.“ Auch beim Standkampf am Sonntag gab es eine mehrstündige Verspätung. Dabei waren die Zeitfenster pro Wurfgruppe mit 15 Würfen von fünf Athleten mit 20 Minuten viel zu knapp bemessen.
Was bleibt von der EM hängen?
Viel Positives. Die Organisatoren wollten ihren Friesen- und Heimatsport auf einer großen Bühne präsentieren, sich fit für die Zukunft machen und auch Werbung beim Nachwuchs machen. „Das ist uns alles gelungen. Diesen Hype müssen wir nun nutzen und Dinge, die wir schon angestoßen haben, weiter vorantreiben“, sagt Holger Wilken. Besonders die Nachwuchsarbeit soll intensiviert werden. Dutzende ehrenamtliche Helfer und Helferinnen sorgten für einen tolle EM.Finanziell dürfte der FKV dank Sponsoren, dem guten Wetter und damit gutem Absatz beim Catering, an dem auch die Boßel-Vereine verdienen konnten, mit einem kleinen Gewinn aus der EM herausgehen. Es war auch die teuerste EM aller Zeiten. Unter anderem wurde mit einem Livestream über alle vier Tage neue mediale Maßstäbe gesetzt. Dafür engagierte der FKV ein junges Start-Up-Unternehmen aus Berlin: „Das kam super an. Auch aus Neapel in Italien gab es eine Rückmeldung von jemandem“, so Wilken. FKV-Medienkollege Ingo de Jonge präsentierte beeindruckende Zahlen dazu: 40.000 Aufrufe gab es während der vier Tage, die Medienzeit betrug dabei 12.000 Stunden. Auch in puncto Merchandising präsentierte sich der FKV auf Höhe der Zeit, hatte vielfältige und fesche Produkte. Es wurden alleine mehr als 1500 T-Shirts verkauft.