Unheimliches Wachstum  Pflanzen-Invasion in Ostfriesland kaum zu stoppen

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Von Vera Vogt
| 24.05.2024 11:01 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Es ist schwer, dieser Art Einhalt zu gebieten. Foto: Ortgies/Archiv
Es ist schwer, dieser Art Einhalt zu gebieten. Foto: Ortgies/Archiv
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Mit den herzförmigen Blättern und weißen Blüten kommt er eigentlich nett daher. Der Japan-Knöterich macht aber auch vor Hauswänden nicht Halt. In Weener wollte man ihn stoppen.

Weener - Eine Invasion läuft in Ostfriesland: An Gewässerufern, an Böschungen oder an Feldrändern ragt der Japan-Knöterich in die Höhe. Eigentlich sieht er ja ganz nett aus. Die herzförmigen Blätter des Fallopia japonensis sind im Frühjahr hellgrün, im August kommen helle Blüten hinzu. Das Problem ist, dass die Art dort, wo sie wächst, vieles andere platt macht. Mit seinen unterirdischen Rhizomen erobert er auch große Flächen. Rhizome sind keine Wurzeln, sondern Sprossachsen.

Was macht den Knöterich zur Plage?

„Pflanzen mit enormer Wuchskraft“, die sich schnell erholen und ausbreiten, können „nicht zu unterschätzende Probleme“ bereiten, schreibt der Pflanzenschutzdienst Niedersachsen. Dennoch werde oft zu spät gehandelt, weil die Auswirkungen falsch eingeschätzt werden. „Die Folgen sind erheblicher Aufwand und hohe Kosten bei der Eindämmung der grünen Plagen. Ein Paradebeispiel hierfür: die Staudenknöterich-Arten.“

Im vergangenen Jahr wuchs der Japan-Knöterich in Detern rund zwei Meter hoch. Reporterin Karin Lüppen verschwand fast hinter den Blättern. Auch in diesem Jahr geht es dort schon wieder los. Foto: Ortgies/Archiv
Im vergangenen Jahr wuchs der Japan-Knöterich in Detern rund zwei Meter hoch. Reporterin Karin Lüppen verschwand fast hinter den Blättern. Auch in diesem Jahr geht es dort schon wieder los. Foto: Ortgies/Archiv

Die starke Konkurrenz um Licht-, Wasser- und Nährstoffe lasse oftmals kein anderes Pflanzenwachstum zu. „Die Verdrängung heimischer Pflanzen- und Tiergesellschaften ist die Folge“, so der Schutzdienst. Auf Acker- und Weideland gehe die Produktivität zurück.

Macht die Pflanze sonst noch Probleme?

Ja. An Fließgewässern könne es große Probleme geben: Das Abfließen könne beeinträchtigt sein, „was besonders in Hochwassersituationen nachteilig ist“. An den kräftigen Stängeln verfange sich Treibgut, die dicken Rhizome stabilisieren mit wenigen Feinwurzeln den Boden nicht so gut wie das feine, ausgedehnte Wurzelgeflecht von Gräsern und Kräutern. Ufer- und Deichsicherheit seien so bedroht.

Auch Hausbesitzer sollten ein Auge darauf haben, was da so um sie herum sprießt: „Die Rhizome können in Risse von Fundamenten und Mauerwerk, in Pflasterungen, Asphalt und Gleisanlagen eindringen und Beschädigungen hervorrufen.“ Im Bereich von Straßen, insbesondere an Kreuzungen, Autobahnzufahrten und an Verkehrsschildern, wuchere schnell etwas zu und der Verkehr werde gefährdet.

In Weener hat der Landkreis Leer mit der Stadt Weener und der Niedersächsischen Landgesellschaft (NLG) 2019 ein Pilotverfahren gegen den Knöterich gestartet.

Konnte man dem Knöterich beim Pilotprojekt auf die Pelle rücken?

Auf einer rund 500 Quadratmeter großen Flächen ist ein Geotextil ausgelegt und mit Boden überdeckt worden, schreibt Kreissprecher Jens Gerdes. „Durch den Entzug von Licht soll der Staudenknöterich unterdrückt werden.“

Das habe geklappt. Aber der Japanische Knöterich zeigte, wie unerbittlich sein Wachstum ist: Weil sich „stellenweise an kritischen Punkten – beispielsweise Straßenschildern, Überlappungen des Textils – noch Einzelpflanzen ihren Weg an die Oberfläche bahnen.“ Diese würden bei regelmäßigen Kontrollen händisch entfernt. Ob man den Kampf auf der Fläche gewonnen habe, stehe noch nicht fest, so Gerdes: „Wie sich die Fläche langfristig entwickelt, ist noch abzuwarten.“

Kann man es so auch woanders in Ostfriesland probieren?

Ja. „An anderer Stelle könnte man ein vergleichbares Vorgehen einsetzen, jedoch ist eine solche Maßnahme aufwendig“, sagt Gerdes. Außerdem nicht gerade günstig. „Bei dem Fall in Weener handelt es sich um eine Kompensationsfläche.“ Deshalb musste man ran und verhindern, dass sich die Fläche fehlentwickelt.

Man müsse immer im Einzelfall abwägen, wie sinnvoll Bekämpfungsmaßnahmen sein können – beispielsweise in besonders sensiblen Gebieten, so der Sprecher. Aber auch er weist darauf hin, dass man sich nicht auf die Entfernung konzentrieren sollte: „Der Fokus sollte aber auch darauf gerichtet werden, die Entstehung neuer Bestände und die weitere Verbreitung invasiver Arten zu verhindern“, formuliert er es. Also: keine Neuanpflanzungen, keine Entsorgung von Pflanzenmaterial in der Landschaft und keine Umlagerung kontaminierter Böden.

Wie beugt man dem Ganzen denn vor?

Man muss unheimlich vorsichtig sein: Kleinste Wurzelstücke oder Teile der Triebe, wenn sie die Knoten enthalten, die der Gattung ihren Namen geben, wachsen bei guten Bedingungen gleich wieder an. Das müsse allen Beteiligten (Grünflächen- und Straßenunterhaltung, Tiefbau, Garten- und Landschaftsbau, Landwirte, Gärtner, Privatpersonen) noch geschärft werden, schreibt der Pflanzenschutz.

Dass Teile des Staudenknöterichs durch „Erde, Baumaterial und Maschinen“ verschleppt werden, sei „unbedingt zu vermeiden“. Schnittgut und gerodete Rhizome dürften nicht offen kompostiert werden – erst recht nicht auf „wilden Deponien“.

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