Gefährliche Partynächte  Zwei Frauen berichten, wie sie Opfer von K.o.-Tropfen wurden

| | 02.06.2024 11:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Ausgelassen feiern, und dann das: Nach einem Schluck aus dem Glas plötzliche Bewusstlosigkeit. Dann können K.-o.-Tropfen im Spiel sein - zwei Frauen aus Ostfriesland ist genau das passiert. Symbolfoto: DPA
Ausgelassen feiern, und dann das: Nach einem Schluck aus dem Glas plötzliche Bewusstlosigkeit. Dann können K.-o.-Tropfen im Spiel sein - zwei Frauen aus Ostfriesland ist genau das passiert. Symbolfoto: DPA
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Immer wieder werden vor allem Frauen Opfer von K.o.-Tropfen. Zwei Betroffene haben über ihre Erfahrungen gesprochen.

Ostfriesland - Kontrollverlust. Filmriss. Ungewissheit: Wer Opfer von K.o.-Tropfen geworden ist, kann sich oft an vieles nicht erinnern. Mehrere Stunden fehlen im Gedächtnis. Was ist in der Zeit passiert? Kam es zu Sachen, die ich nicht wollte? Wie bin ich nach Hause gekommen? Diese und andere Fragen spuken durch den Kopf, beschäftigen die Opfer. Hilflosigkeit macht sich vielleicht breit, und vielleicht auch Angst. Angst vor der nächsten Feier, dem nächsten Disko-Besuch, dem nächsten Festival.

„Ich merkte, wie ich plötzlich total losgelöst und euphorisch war“, schreibt dieser Zeitung eine Leserin. Sie war mit ihrem Mann auf einem Festival unterwegs, als sie wohl Opfer von K.o.-Tropfen wurde. Die ersten Symptome begannen, als ihr Mann gerade nicht in der Nähe war. Nach der Euphorie kam das Unwohlsein. „Ich hab‘ dann meinen Mann gefunden und gesagt, er soll mir bitte sofort zwei Glas Wasser besorgen. Die hab ich dann getrunken, aber es ging mir nicht besser.“ Sie ging zur Toilette. „Ab da habe ich einen totalen Black-out und kann mich bis zum nächsten Morgen an nichts erinnern. Mein Mann hat mich nach Hause geschleppt und mich ins Bett gebracht.“

Hilfe und Beratung für Opfer von Kriminalität

  • Opfer-Telefon – 116 006: ein Hilfsangebot des Weißen Rings
  • Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" – 08000 116 016

Mit 23 in München mutmaßlich K.o.-Tropfen verabreicht bekommen

So wie der Leserin geht es vielen Frauen, und mitunter auch Männern. Erst fröhlich auf einer Party unterwegs, ein bisschen Alkohol getrunken, und dann plötzlich ist es, als hätte man sich massiv betrunken. „Ich habe auf dem Festival ausschließlich zwei Gläser Weißwein getrunken und dazu Wasser. Da ich, wenn ich Alkohol trinke, nur Wein trinke, bin ich da auch nicht gleich total betrunken von. Und ich kenne auch mein Maß. Hatte vorher auch gut gegessen, so dass auch was im Magen war“, so die Leserin.

Ähnlich erging es auch einer Ostfriesin in München. Die heute 27-Jährige war vor rund vier Jahren bei einer Freundin in München zu Besuch. Nach dem Kinobesuch beschlossen beide, „noch eben ein Bierchen trinken zu gehen“. In einer vor allem von jüngeren Leuten besuchten Kneipe kamen die Ostfriesin und ihre Freundin ins Gespräch mit zwei Männern. „Wir haben uns eine ganze Weile, mindestens eine Stunde lang, wirklich nett unterhalten“, erzählt sie. Dann gaben die beiden Jägermeister aus. Da die Freundin nicht wollte, trank unsere Gesprächspartnerin nicht nur ihr Schnapsglas, sondern auch das der Freundin. Zuvor hatten beide kaum Alkohol getrunken. „Ich merkte dann schnell, dass etwas nicht stimmt“, so die 27-Jährige. Ihr wurde schlecht, sie ging zur Toilette, kam wieder und sagte nur zu ihrer Freundin „Wir müssen sofort nach Hause.“ Die Freundin reagierte richtig, nahm die Ostfriesin ins Schlepptau und machte sich auf den Weg zur U-Bahn. „Die beiden Männer haben auch keine großen Anstalten gemacht, uns aufzuhalten“, erinnert sich die 27-Jährige noch. Ab da wird die Erinnerung aber lückenhaft.

Gefühl des Kontrollverlustes und der Scham

„Ich weiß noch, dass ich mich in der U-Bahn übergeben habe und mir das unglaublich peinlich war.“ Wie sie zu U-Bahn gekommen ist, daran erinnert sie sich nicht mehr. Auch der Weg zur Wohnung der Freundin ist größtenteils Opfer des „Filmrisses“ geworden. Sie fiel hin, war und fühlte sich „tollpatschig“. In der Wohnung stellte die Freundin sie unter die Dusche und steckte sie danach ins Bett. „Dann habe ich sehr lange geschlafen.“ Zu starke und ungewöhnliche Reaktionen für die Menge an Alkohol. „Ich bin mir sicher, dass mir jemand etwas ins Glas getan hat.“

So schützen Sie sich vor K.-o.-Tropfen – Tipps des Weißen Rings

  • Lassen Sie Ihr Glas oder Ihre Flasche nie unbeobachtet.
  • Wenn Sie sich unsicher sind: Lassen Sie Ihr Getränk lieber unausgetrunken stehen.
  • Nehmen Sie keine offenen Getränke von Unbekannten an, lassen Sie sich nicht dazu überreden.
  • Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl und meiden Sie Personen, die Ihnen komisch vorkommen.
  • Wenn Sie sich unwohl fühlen oder Ihnen schlecht wird: Sprechen Sie sofort Freunde, Bekannte oder das Personal an und bitten Sie um Hilfe.
  • Zögern Sie nicht, den Ort (Party, Disco) zu verlassen.
  • Haben Sie den Verdacht, K.-o.-Tropfen zu sich genommen zu haben, vertrauen Sie sich einem Arzt an oder begeben Sie sich direkt in die Notfallambulanz eines Krankenhauses.
  • Vermeiden Sie, zu viel zu trinken – in entsprechender Menge hat Alkohol ganz ähnliche Wirkung wie K.-o.-Tropfen. Kümmern Sie sich um Freunde, die zu viel getrunken haben.
  • Im Zweifel immer die 110 (Polizei-Notruf) oder die 112 (Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst) anrufen!

An Stunden des Lebens keine Erinnerung zu haben, „löst bei vielen Menschen ein großes Unbehagen aus“, sagt Holger Siemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Leer gegenüber dieser Zeitung. Das liege daran, dass „wir dann intuitiv immer das Gefühl haben, dass wir über diesen Zeitabschnitt keine Kontrolle gehabt haben“. Oft komme auch ein Gefühl der Scham hinzu, ein Gefühl des persönlichen Versagens, „weil man denkt, ich habe vielleicht nicht aufgepasst, ich bin nicht vorsichtig genug gewesen, ich bin naiv gewesen“, so Siemann.

„So zu denken, ist denkbar ungünstig“

Eine Gedankenspirale, die unangebracht und auch schädlich ist. „So zu denken, ist denkbar ungünstig“, betont Siemann. Daher empfiehlt er, genauso wie die Polizei, den Vorfall, den Verdacht zur Anzeige zu bringen, Maßnahmen zu ergreifen, „um dann demjenigen, der mir das angetan hat“ auch zur Rechenschaft zu ziehen – oder es zumindest zu versuchen. Das sei ein möglicher Schritt, um sich auch selbst von der Erfahrung zu entlasten.

Aber auch das Umfeld spiele hier eine besondere Rolle: „Es ist wichtig, dass man den Vorfall nicht als eigenes Versagen erlebt“, so Siemann. Daher sei es „überhaupt nicht hilfreich“, wenn das Umfeld Dinge sagt, wie „Warum hast du nicht aufgepasst?“. Es sei eher wichtig, genau anders zu denken und zu reagieren: Sich bewusst zu machen, dass die Party bis zu dem Zeitpunkt schön war, dass man keinen Grund hatte, misstrauisch zu sein, dass man nicht schuld daran ist, wenn einem so etwas passiert. „Sonst hat man danach ja so grundsätzlich gar keine Lust mehr, irgendwo hinzugehen. Ich glaube, es ist gar nicht schlecht, wenn man auch von anderen dann hört, dass die sagen: ‚Na ja, ich glaube, mir wäre das Gleiche passiert‘“. Auch die Polizei betont, wie wichtig das Umfeld ist – schon während der ersten Symptome. Es sei wichtig, aufeinander zu achten und bei ungewöhnlichem, nicht durch Alkohol zu erklärendem Verhalten des Freundes oder der Freundin die Party oder Lokalität zu verlassen, das Personal zu informieren und sich ärztliche Hilfe zu suchen.

Wie sind unsere Gesprächspartnerinnen mit der Situation umgegangen?

Wie unterschiedlich der Umgang ist, zeigen auch unsere Gesprächspartnerinnen. Die Leserin schreibt uns, sie sei am nächsten Morgen zur Polizei. „Aber man konnte nichts mehr nachweisen, weil ich so lange geschlafen habe“. K.o.-Tropfen sind nur wenige Stunden im Blut und Urin nachweisbar – das wissen auch die Täter. „Man fühlt sich danach einfach nur furchtbar und ich kann auch nicht sagen, wann mir jemand was untergejubelt hat“, so die Leserin weiter. „In jedem Fall bin ich danach erstmal nicht mehr auf Festivals gegangen und auf anderen Veranstaltungen habe ich mein Glas immer nur festgehalten und nicht neben mir abgestellt. Lieber noch wäre mir ein Glas mit Strohhalm und Deckel!“

Die 27-Jährige hingegen beschreibt die Zeit danach so: „Der Filmriss hat mich am meisten schockiert. Sowas hatte ich vorher noch nie.“ Und sie sei froh, dass ihre Freundin dabei war. „Ohne sie wäre es vielleicht anders gelaufen.“ Zur Polizei ist sie danach nicht gegangen, da ihr klar war, dass man nichts mehr nachweisen kann.

Doch auch sie zieht bis heute Konsequenzen: „Ich lasse mir noch Getränke ausgeben, ja. Aber nur an der Bar. Und auch nur, wenn ich den Weg des Getränks bis in meine Hand sehe“, sagt sie im Gespräch. Denn: Es könnte auch der Barkeeper sein, der etwas ins Getränk gibt. „Man achtet ja sonst eher auf die Ausgeber und nicht so sehr aufs Personal“, sagt sie. Außerdem beobachtet sie, dass das Thema in ihrem Freundeskreis mit zunehmendem Alter präsenter wird. „Mir würde keine Freundin einfallen, die sich von Fremden einfach so einen ausgeben lässt.“

Video
K.-o.-Tropfen: Darum ist der Filmriss so belastend I Tipps zum Schutz
24.05.2024

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