Zukunft des Emder Hafens  Zehntausend Schicksale hängen an Vertiefung der Außenems

| | 21.06.2024 11:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Schiff fährt über die Ems. Die seit Jahren umstrittene Vertiefung der Außenems soll 2024 in die Gänge kommen. Foto: Sina Schuldt/dpa
Ein Schiff fährt über die Ems. Die seit Jahren umstrittene Vertiefung der Außenems soll 2024 in die Gänge kommen. Foto: Sina Schuldt/dpa
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Die Fahrrinnenvertiefung der Außenems wurde von Umweltverbänden stark kritisiert. Doch ohne diese könnten tausende Jobs in Emden und der Region gefährdet sein.

Emden - Die Außenems soll einen Meter tiefer werden, damit etwa Frachter den Emder Hafen flexibler erreichen können. Doch zuletzt gab es erneut Kritik. Umweltverbände hatten vor dem Vorhaben gewarnt – eine erneute Vertiefung werde den ökologischen Zustand des Flusses noch weiter verschlechtern. Auf der anderen Seite gibt es großen Zuspruch für die Fahrrinnenvertiefung zwischen dem Hafen in Emden und der Nordsee.

Die Emder Hafenförderungsgesellschaft (EHFG) sieht viele Chancen, Ökonomie und Ökologie an der Emsmündung miteinander in Einklang zu bringen, sagt Vorstandsmitglied Reinhard Hegewald. Er nennt in diesem Zusammenhang den Transport von großen Teilen zur Errichtung von Offshore-Windkraftplattformen und -parks in der Nordsee. Diese erforderten ebenso Schiffe mit größerem Tiefgang wie die Elektromobilität. Denn Elektrofahrzeuge seien um rund ein Drittel schwerer als die bisherigen Fahrzeuge mit Verbrennerantrieb. Das habe naturgemäß Auswirkungen auf den Tiefgang der Autotransporter.

10.000 Arbeitsplätze hängen am Emder Hafen

Auch Dirk Lüerßen, Geschäftsführer der Wachstumsregion Ems-Achse, ist von dem Vorhaben überzeugt. Die Planung zur Fahrrinnenvertiefung der Außenems ziehe sich schon einige Jahre und sei eine „endlose Geschichte“. „Ich finde, man sollte das nicht mehr großartig in Frage stellen. Es ist wichtig und längst überfällig“, sagt Lüerßen. Es gehe ihm dabei nicht nur um die Wettbewerbsfähigkeit der Region, sondern auch die des Emder Hafens. Dieser würde ansonsten zurückfallen im Vergleich mit Häfen wie in Rotterdam. Anders ließe sich das nach Meinung des Geschäftsführers nicht auffangen: „LKW- und Schienenverkehr haben nur eine begrenzte Kapazität.“

Im vergangenen Jahr haben mehr als 26.000 Seeschiffe Emden angelaufen. In der Hafenstadt wurden rund 1,3 Millionen Fahrzeuge umgeschlagen – ein Großteil davon waren E-Fahrzeuge, so Pressesprecherin Dörte Schmitz von Niedersachsen Ports. Bei den Frachtern komme es allein deswegen schon zu einem erhöhten Tiefgang von ungefähr 30 Zentimetern. Ohne die Vertiefung könnten größere Schiffe die Häfen an der Ems nicht mehr anlaufen. Rund 10.000 Menschen biete allein der Emder Hafen direkt und indirekt einen Arbeitsplatz. Diese sieht das Hafenunternehmen ohne Anpassung der Außenems akut gefährdet.

Das sagen Umweltverbände

Angesichts des schlechten ökologischen Zustandes der Ems kritisieren deutsche und niederländische Umweltschutzverbände die geplante Fahrrinnenvertiefung der Außenems und warnen vor weiteren Schäden für den Fluss. Die von der Bundesregierung geplante Vertiefung wäre eine „Sterbehilfe für die Ems“, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung. „In Zeiten von Klima- und Biodiversitätskrise verbietet sich ein solcher Eingriff in einen teilweise sogar geschützten Lebensraum.“ Hinter der gemeinsamen Stellungnahme stehen die Verbände BUND, WWF Deutschland, NABU, Waddenvereniging, Het Groninger Landschap, Natuurmonumenten und Natuur en Milieufederatie Groningen.

Im Sommer liege in der Unterems auf bis zu 30 Kilometern eine meterdicke Schlickschicht auf der Gewässersohle. „In dieser Schlickschicht ist kein Leben möglich und über der Schicht auch nicht, weil die Sauerstoffgehalte da so niedrig sind“, sagt Beatrice Claus vom Naturschutzverband WWF. Der aktuelle Zustand sei eine Folge vorheriger Flussvertiefungen, denn mit jeder Vertiefung veränderten sich Strömungsverhältnisse und die Sedimenttransporte. Einen so schlechten ökologischen Zustand gebe es europaweit an keiner anderen Flussmündung. Alternativen zur Vertiefung, etwa eine bessere Lenkung des Schifffahrtsverkehrs, wurden aus Sicht der Umweltschutzorganisationen nicht ausreichend geprüft.

Nimmt die Geschichte bald ein Ende?

Eine weitere Vertiefung der Außenems ist seit mehreren Jahren in Planung, kam zuletzt aber kaum voran, da immer wieder neu an den rund 6000 Seiten Unterlagen gearbeitet wurde. Zwischen April und Juni lief in dem Planfeststellungsverfahren der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes eine Öffentlichkeitsbeteiligung. Dabei konnten Einwände abgegeben werden - wie beispielsweise von den Umweltschutzverbänden.

Über alle Stellungnahmen will Hermann Poppen, Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Emden, im Juli 2024 einen genauen Überblick haben. Die Gutachter hätten in der Vergangenheit bereits „jeden erdenklichen Aspekt untersucht“. Diese hätten zudem zuletzt Schwierigkeiten gehabt, überhaupt noch irgendwelche Auswirkungen festzustellen. Für Poppen ist der Fall jedenfalls klar: „Ich bin natürlich für eine Vertiefung.“ Jedoch gebe es auch fundierte Einwendungen, die man bei der Ausführung beachten müsse.

In Zukunft soll dann ein Planfeststellungsbeschluss stehen. Den wollen auch die Naturschützer genau prüfen – und notfalls vor Gericht ziehen.

Mit Material von DPA

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