Veranstaltungen in Emden und Großheide Initiative gegen Gendern kommt nach Ostfriesland
Die „Volksinitiative stoppt Gendern in Niedersachsen“ plant Informationsabende in Emden und Großheide. Erfahren Sie mehr über die Hintergründe und Forderungen der Initiative.
Emden/Großheide - Das „Gendern“ – also eine Form von Sprache, die versucht, möglichst viele Geschlechter einzuschließen – sorgt in Deutschland immer wieder für rege Diskussionen. Die einen sehen darin einen sinnvollen Schritt zu mehr Inklusion, die anderen sehen darin eine unnötige Verkomplizierung der Sprache, wieder anderen ist es schlicht egal. Zuletzt hatte Bayern das Gendern im geschriebenen Wort in Behörden und Schule verboten – folgt nun Niedersachsen?
Das ist zumindest das Ziel einer Initiative, die nun auch in Ostfriesland Werbung für ihr Vorhaben machen will. Die „Volksinitiative stoppt Gendern in Niedersachsen“ macht am 15. August 2024 Halt in Emden und am 5. September 2024 in Großheide. Die Initiative will das schriftliche Gendern in öffentlichen Bereichen verbieten lassen.
Wer steckt hinter der Initiative?
Die Initiative bezeichnet sich auf Nachfrage selbst als partei- und verbandsunabhängig. „Wir sind Parteilose, Mitglieder der CDU, der Freien Wähler und der FDP“, so Achim Sohns und Alexander Börger auf Nachfrage. Börger ist Doktor der Chemie, sitzt für die CDU im Helmstedter Kreistag, und Sohns ist Doktor der Philosophie und lehrt auch an Hochschulen Philosophie. Beide gehören zu den gesetzlichen Vertretern der Initiative. Zudem würden „weit über 100 Menschen“ landesweit die Initiative aktiv zum Beispiel beim Sammeln von Unterschriften unterstützen.
In Ostfriesland bietet die Volksinitiative einen Informationsabend am Donnerstag, den 15. August 2024, ab 18.30 Uhr im Konferenzraum der Kunsthalle Emden an. Eine Anmeldung über kontakt@stoppt-gendern-in-niedersachsen.de ist notwendig. Eine weitere Veranstaltung soll es am 5. September 2024 von 17.30 bis 20.30 Uhr im Bürgerforum am Poppenweg 50 in Großheide geben.
Was fordert die Initiative?
Die Initiative spricht sich gegen „jede Form von sog. Gender-Sonderzeichen, egal ob Asterisk, Doppelpunkt oder sogenanntes Binnen-I (‚BürgerInnen‘)“ aus, heißt es auf unsere Nachfrage weiter. Auch Partizip-Formulierungen wie „Radfahrende“ sieht die Initiative aus grammatikalischen Gründen als falsch an. Gegen Formulierungen wie „Bürgerinnen und Bürger“ wende man sich explizit nicht, man weise aber darauf hin, „dass deren exzessiver Gebrauch Nachteile und Verständnisschwierigkeiten mit sich bringt“.
Ziel der Unterschriftensammlung ist es, die Politik davon zu überzeugen, ein Gender-Verbot für den öffentlichen Bereich in Niedersachsen zu erlassen: Schulen, Hochschulen, öffentlich-rechtlicher Rundfunk, öffentlicher Dienst. „Wie jemand privat spricht, geht uns nichts an“, so Sohns und Börger in der schriftlichen Antwort. Die deutsche Sprache sei, so lässt sich zusammenfassend dem Flyer der Initiative entnehmen, in Bezug auf Geschlechter ausreichend inklusiv. Die deutsche Sprache, und auch das von Gender-Befürwortern kritisierte generische Maskulinum, sei „diskriminierungsfrei“.
Wie begründet die Initiative zum Gender-Verbot in Niedersachsen ihr Anliegen?
Es gibt vor allem zwei Argumente. Zunächst lehne „seit Jahren“ eine „große stabile Mehrheit der Bevölkerung das Gendern ab. Gendern werde als „Zwang“ verstanden. Zuletzt zeigte dies unter anderem eine repräsentative Umfrage im Auftrag von T-Online.de im vergangenen Jahr. Weiteres Argument ist, dass sich aktuell Gender-Sprachformen durchsetzen würden, die grammatikalisch falsch sind und nicht vom Rat für deutsche Rechtschreibung abgesegnet seien.
Gerade Gender-Sonderzeichen wie Doppelpunkt oder Gender-Sternchen würden „ständig grammatikalisch falsche Formulierungen erzeugen wie ‚Ärzt*innen‘ (das Wort ‚Ärzt‘ gibt es nicht), ‚Kolleg_innen‘ (ein ‚Kolleg‘ ist eine Lehranstalt, also ein Gebäude, und bezeichnet keinen Mann), ‚Zeug:innen‘ (‚Zeug‘ ist Krempel oder gar Unrat und keine Personenbezeichnung)“, schreiben Sohns und Börger. Zudem würde die geschlechtergerechte Sprache an ihrem eigenen Anspruch scheitern und sei „diskriminierend, integrationsfeindlich und vorurteilsbeladen“, heißt es im Flyer zur Initiative.
Diese Argumentation ist umstritten. Das gilt auch für den „Verein deutsche Sprache“ (VDS, der die Initiative unterstützt, aber keinen Einfluss auf die Arbeit nehme. In den vergangenen Jahren geriet der VDS immer wieder in die Kritik. Vor allem wird dem Verein immer wieder Sprachpurismus bei gleichzeitiger Unkenntnis tatsächlicher Sprachwissenschaft vorgeworfen. Auch die Übernahme rechtspopulistischer Standpunkte und Argumentationen wird regelmäßig kritisiert.
Was sagt der Rat für deutsche Rechtschreibung?
Fakt ist, dass der Rat für deutsche Rechtschreibung sich weiterhin gegen die Nutzung von Sonderzeichen in der geschlechtergerechten oder -neutralen Sprache ausspricht. Der Rat entscheidet über das amtliche Regelwerk für die geschriebene Sprache, an das sich auch öffentliche Stellen halten oder halten sollten.
Gleichzeitig bekräftigt der Rat in der gleichen Erklärung seine Auffassung, „dass allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll“. Dies sei eine gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Aufgabe, „die nicht mit orthografischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung gelöst werden kann“.
Darin steckt keine generelle Absage ans Gendern in der Schriftsprache, sondern nur eine Momentaufnahme. „Der Rat für deutsche Rechtschreibung wird die weitere Schreibentwicklung beobachten, denn geschlechtergerechte Schreibung ist aufgrund des gesellschaftlichen Wandels und der Schreibentwicklung noch im Fluss.“
Ist „Studierender“ falsch?
Der Rat für deutsche Rechtschreibung sagt zu Formulierungen wie „Bürgerinnen und Bürger“ oder zu Hilfskonstruktionen wie „Lehrpersonen, Mitglieder, Studierende“, dass sie „kennzeichnend für eine allen Menschen und ihrer Würde entsprechende Sprache und Schreibung“ sind und entsprechend genutzt werden können, wenn man das generische Maskulinum nicht als ausreichend ansieht.
Gegen Partizip-Konstruktionen wie „Studierende“ hat der Rat entsprechend nichts, die Volksinitiative aber schon. Für sie sind „Radfahrende“ nur die, die tatsächlich gerade Radfahren und Studierende die, die gerade in diesem Moment vor einem Buch sitzen und studieren oder in einer Vorlesung sitzen. „Das Partizip Präsenz Aktiv ist grammatikalisch auf die Bezeichnung einer Person in ihrer aktuellen Betätigung bezogen“, so Sohns und Börger.
Worte wie „Vorsitzender“ zeigen aber, dass das Partizip schon jetzt auch anders funktioniert – sonst wäre ein Vorsitzender nur dann Vorsitzender, wenn er gerade tatsächlich einer Runde auf einem Stuhl vorsitzt. Eine entsprechende Frage ignorieren Sohns und Börger.
Was spricht gegen * und Doppelpunkt?
Das Sternchen (oder: Asterisk) ist im Deutschen kein Satzzeichen, der Doppelpunkt hingegen schon. Beide haben schon eine Bedeutung in der Sprache, werden sie im Wort-Innern genutzt, kommen neue Bedeutungen hinzu.
Das sieht der Rat für deutsche Rechtschreibung kritisch, denn es führt zu bislang laut Regelwerk falschen oder zumindest nicht eindeutig geregelten Wortbildungen. Ein weiterer wichtiger, bislang ungelöster Punkt: Der Rat hat als Anspruch an geschlechtergerechte Sprache, dass sie, auch automatisch, vorlesbar sein muss – gerade auch „mit Blick auf Blinde und Sehbehinderte, die Altersentwicklung der Bevölkerung und die Tendenz in den Medien, Texte in vorlesbarer Form zur Verfügung zu stellen“. Hier, ebenso wie bei automatischen Übersetzungen, sieht der Rat die technischen Möglichkeiten noch nicht gegeben.