Norddeutsche Einigkeit  Sorge um Küstenfischerei – und noch weitaus mehr

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Von Vera Vogt
| 13.08.2024 14:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Kutter in Ditzum ziehen Touristen an. Foto: Wolters/Archiv
Die Kutter in Ditzum ziehen Touristen an. Foto: Wolters/Archiv
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EU-Pläne könnten das Aus für die Küstenfischerei an der Nordsee bedeuten. Man fürchtet außerdem Folgen über Fischerei hinaus. Die Akteure unterzeichnen einen „Zukunftspakt“.

Cuxhaven/Ditzum/Greetsiel - Aus Sorge vor einem Verschwinden der Küstenfischerei an der deutschen Nordseeküste unterzeichnet ein breites Bündnis von Vertretern aus Kommunen, Tourismus und Wirtschaft am Dienstag in Cuxhaven den „Zukunftspakt Küstenfischerei 2050“. Darin wird gefordert, die Küstenfischerei in Niedersachsen und Schleswig-Holstein durch politische Rahmenbedingungen nachhaltig zu sichern, wie die Organisatoren mitteilten. Hintergrund sind die Pläne der EU, das Fischen mit Netzen, die den Meeresgrund berühren, in Schutzgebieten bis spätestens 2030 zu verbieten.

Bereits Anfang des Jahres hatten Küstenfischer mit Korsos und Mahnfeuern protestiert – unter anderem in Greetsiel, Dornumersiel, Norddeich und Ditzum. Sie solidarisierten sich mit den Protesten der Landwirte, machten aber auch ihrem Unmut über die Kürzung hoher Kompensationszahlungen Luft. Die Subventionen stammten aus dem Verkauf von Offshore-Windpark-Flächen, die der Bund eingenommen hat. Damit sollte Meeresschutz finanziert werden, aber auch unter anderem den Fischern die Möglichkeit gegeben werden, ihre Schiffe zukunftsfähig zu machen. In Ditzum gab es neben den Protesten ein Treffen der Fischer mit Politikerinnen und Politikern. Besonders die mangelnde Kommunikation der Streichung wurde kritisiert. Nicht nur in Sachen Geld: Das Damoklesschwert des Netz-Verbotes schwebe über ihnen und mache das Anwerben von Mitarbeitern sowie Investitionen fast unmöglich.

Ohne Kutter im Hafen fehlt touristischer Magnet

Die Küstenfischerei sei nicht nur wichtig für die Fischereibetriebe, sondern für den gesamten Tourismus und die Wirtschaft vor Ort, sagte Hans-Peter Heikens, Bürgermeister der Gemeinde Jemgum, zu dem der Fischerort Ditzum gehört. „Wenn die Kutter dort nicht mehr liegen, geht ein touristischer Magnet verloren“, sagte er. Das hätte nicht nur Auswirkungen auf die Beherbergungsbetriebe und die Gastronomie. Auch Tankstellen, Handwerksbetriebe oder das örtliche Möbelhaus, das Ferienwohnungen ausstattet, wären betroffen.

Wohnmobilisten und Radtouristen schätzen das Fischerdorf Ditzum. Foto: Wolters/Archiv
Wohnmobilisten und Radtouristen schätzen das Fischerdorf Ditzum. Foto: Wolters/Archiv

Bereits im Januar hatte daher ein Bündnis aus Vertretern von Kommunen, der Tourismusbranche und der Industrie- und Handelskammer in Ostfriesland den „Zukunftspakt Küstenfischerei 2050“ vorgestellt. Darin wird unter anderem ein „verbrieftes Fischereirecht“ im Küstenmeer gefordert, mit dem Fanggebiete und Fangmöglichkeiten, etwa für die Krabbenfischer, erhalten werden sollen. Außerdem wird der Aufbau eines Fischereifonds vorgeschlagen, aus dem etwa Maßnahmen zur Diversifizierung der Branche, zur Modernisierung von Schiffen, für die Vermarktung und Forschung finanziert werden sollen. Geld sollen demnach alle Akteure einzahlen, die Fanggebiete in Anspruch nehmen.

Schleswig-Holstein schließt sich Forderungen an

Die Sorge um die Küstenfischerei treibe aber nicht nur die ostfriesischen Küstenorte um, sondern alle an der deutschen Nordseeküste, unterstrich Heikens. Daher hätten sich weitere Akteure aus Fischerei, Wirtschaft, Tourismus und Nationalparks in Niedersachsen und Schleswig-Holstein den Forderungen angeschlossen. So sei die „Norddeutsche Fischereikonferenz“ angesetzt worden, um den bereits im Januar in Ostfriesland verfassten „Zukunftspakt“ zu erweitern und zu unterzeichnen. Eingeladen sind auch Vertreter der Fischereiverbände.

Vorschläge für Erhalt der Küstenfischerei

Möglichkeiten liegen laut „Zukunftspakt“ unter anderem darin, die Fangzeiten auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu beschränken. Zudem sollten alternative Fangtechniken und -arten sowie die Möglichkeiten der Aquakultur untersucht werden. Eine Alternative könne zum Beispiel die Muschelzucht in Offshore-Windparks bieten, sagte Heikens.

Der Bürgermeister betonte, es stehe außer Frage, dass sich die Fischerei für einen besseren Meeresschutz und angesichts des Klimawandels verändern müsse. „Aber man muss der Fischerei auch Raum geben“, betonte er. „Wenn die EU das Verbot einer grundberührenden Fischerei durchsetzt, dann gibt es aber diesen Raum nicht.“

Das Gefühl, nicht mehr gewollt zu sein

An jedem größeren Kutter hingen die Schicksale mehrerer Familien, hieß es Anfang des Jahres von den Fischern in Ditzum. 200 bis 250 kleine Betriebe gebe es noch insgesamt, wurde geschätzt. Als Kapitäne hätten sie kein Problem, einen anderen lukrativen Job zu finden, so die Fischer. Sie wollten aber Fischer sein, selbstständig auch 60, 70 Stunden die Woche arbeiten. Insbesondere zu Ostfriesland und zur Nordseeküste gehörten die Kutter, die Fischerei. Aber sie bekämen immer mehr das Gefühl, dies sei nicht mehr gewollt.

Mit Material von dpa

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