Tiere qualvoll erstickt  Fischsterben in der Jümme eine „Katastrophe“

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Von Vera Vogt
| 18.08.2024 16:59 Uhr | 3 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auch große Welse sind bei dem Unglück verendet und müssen nun mit dem Boot oder vom Ufer aus geborgen werden. Foto: Fischereiverein Altes Amt Stickhausen
Auch große Welse sind bei dem Unglück verendet und müssen nun mit dem Boot oder vom Ufer aus geborgen werden. Foto: Fischereiverein Altes Amt Stickhausen
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Die Tiere sind qualvoll erstickt: Mitglieder von Fischereivereinen und weitere Freiwillige holen verendete Fische aus der Jümme und Nebengewässern. Eine Katastrophe, sagen die Helfer vor Ort.

Jümme - Es ist alles tot – das ist das ernüchternde Urteil, das die Mitglieder des Fischereiverbandes Altes Amt Stickhausen über die Jümme und die mit ihr verbundenen Gewässer fällen müssen. Wir haben sie am Sonntagmorgen beim Wassersportclub Jümme in Detern getroffen. Von dort aus haben sie einen weiteren Tag organisiert, an dem sie die an Sauerstoffmangel verendete Fische aus dem Gewässer holen müssen. Unter anderem ein 1,80 Meter langer Wels muss auf einen Anhänger gewuchtet werden.

Sie sind derzeit im Einsatz: Jörg Eihusen, 2. Vorsitzender des Fischereivereins Stickhausen (von links), Gewässerwart Peter Meißner, ehemaliges Vorstandsmitglied Helmut Engelmann und 1. Vorsitzender Jann Hesse.
Sie sind derzeit im Einsatz: Jörg Eihusen, 2. Vorsitzender des Fischereivereins Stickhausen (von links), Gewässerwart Peter Meißner, ehemaliges Vorstandsmitglied Helmut Engelmann und 1. Vorsitzender Jann Hesse.

„Es ist eine Katastrophe. Alles ist tot. Die Fische, aber auch die Mikrofauna, die Kleinstlebewesen, alles ist hin“, sagt der erste Vorsitzende des Fischereiverein Altes Amt Stickhausen, Jann Hesse. Bereits Mitte der Woche hätten sich erste Anzeichen des nahenden Unglücks gezeigt. „Das Gewässer wird Jahre brauchen, um sich zu erholen. Viele Jahre. Der wirtschaftliche Schaden ist schon schwer zu beziffern. Aber hier ist ein ganzes Ökosystem gestorben“, sagt er. „Das macht einen traurig“, sagt auch Jörg Eihusen, zweiter Vorsitzender. Er deutet auf den Container in der Nähe, in dem unzählige verendete Fische liegen. „Das ist leider erst die Spitze des Eisberges“, sagt er. Und das, obwohl seit Tagen daran gearbeitet wird, die Fische einzusammeln. „Auch andere Vereine und viele Freiwillige sind im Einsatz“, sagt Hesse. So unterstützten am Sonntag beispielsweise der Sportfischer-Verein Apen oder der Fischereiverein Barßel in einigen Gewässern.

Einen Container hat der Verein für die verendeten Tiere geordert. Foto: Vogt
Einen Container hat der Verein für die verendeten Tiere geordert. Foto: Vogt

Was hat zu dem Unglück geführt?

Der Sauerstoffgehalt im Gewässer ist sehr niedrig. „Vermutlich haben die lokal sehr starken Regenfälle vor allem am 13. August das Unglück ausgelöst. Dadurch ist sehr viel Wasser von den umliegenden landwirtschaftlichen Flächen abgeflossen und wurde durch die Schöpfwerke in das Hauptgewässer gepumpt“, schreibt der Angelfischerverband im Landesfischereiverband Weser-Ems mit. In Detern ist man sich sehr sicher, dass die Wassermassen der Grund für das Fischsterben sind.

„Das ganze Oberflächenwasser läuft in die Jümme“, erklärt Hesse. Aus Wohngebieten, aber auch von Feldern. Aber nicht nur das. „Es gibt Zuläufe aus allen Richtungen. Aus dem Bereich Apen, aus Barßel. Dort ist sehr viel Regen runtergekommen. Dann noch über den Nord- und den Südgeorgsfehnkanal“, sagt er. „Dann wird noch alles hierher gepumpt.“ Es könne nicht sein, dass das Ökosystem der Jümme geopfert werde, um wahllos alles trocken zu pumpen, kritisiert er.

Vom Boot aus kommt man derzeit besser voran als vom Ufer. Foto: Vogt
Vom Boot aus kommt man derzeit besser voran als vom Ufer. Foto: Vogt

Wie steht es um den Sauerstoffgehalt?

Schlecht. „Am Donnerstag lagen die Werte bei unter einem Milligramm Sauerstoff pro Liter. Sonst sind es acht bis zehn Milligramm“, erklärt Gewässerwart Peter Meißner. Unter einem Milligramm sei quasi nichts. Am Sonntag, 18. August, kurz bevor er zum Treffen nach Detern kam, habe er erneut gemessen. 1,64 Milligramm Sauerstoff pro Liter war das Ergebnis. „Das ist noch immer desaströs. Eine Sättigung von 18 Prozent. Es müssten 70 Prozent und mehr sein.“

Was kann man nun tun?

In manchen Fällen von Fischsterben oder sinkendem Sauerstoffgehalt kann die Feuerwehr unterstützen und das Gewässer umwälzen. Bei einem kilometerlangen Fließgewässer ist dies nicht möglich. „Wir können nichts weiter tun, als die verendeten Tiere einzusammeln. Es ist schlimm“, sagt Eihusen. Es werde noch Tage, vielleicht Wochen dauern.

Die verendeten Tiere werden eingesammelt. Foto: Fischereiverein Altes Amt Stickhausen
Die verendeten Tiere werden eingesammelt. Foto: Fischereiverein Altes Amt Stickhausen

Gab es so etwas schon einmal?

Jein. Die Vereinsmitglieder erinnern sich aber an ein Unglück, das rund 20 Jahre zurückliegt. Bei einem großen Störfall in einer Biogasanlage bei Friesoythe ergossen sich rund zwei Millionen Liter Gülle in einen kleinen Zufluss der Soeste, über das Barßeler Tief floss das mit Gülle verseuchte Wasser dann bis in die Leda und die Jümme, schreibt der Fischereiverein. Mit dem auflaufenden Wasser drang die todbringende Flut dann bis weit ins Aper Tief hinein. Ammoniak entzieht dem Wasser den Sauerstoff. Somit verendeten Fische qualvoll durch Ersticken.

Auch damals sammelten Mitglieder unseres Vereins und andere freiwillige Helfer die toten Tiere vom Boot, oder vom Ufer aus ein und entsorgten sie in Container, die mehrere Kubikmeter fassten. Vereinsmitglieder der betroffenen Vereine und viele freiwillige Helfer bargen noch Tage nach dem Unglück entlang des gesamten Flussverlaufes verendete Fische. Bis sich das Gewässer erholte, die Artenvielfalt wieder hergestellt war, brauchte es Jahre und viele Besatzmaßnahmen. Wie lange es nach dem jüngsten Vorfall dauern wird, bis die Jümme und die Tierwelt heilt, ist noch nicht abzusehen. Noch sind die Vereinsmitglieder und Helfer dabei, die verendeten Tiere einzusammeln.

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