Massentourismus Vorbild Venedig – verlangt Greetsiel bald Eintritt?
Manche Greetsieler sind von den Urlaubern in ihrem Ort überfordert, fordern sogar eine Beschränkung der Touristenzahlen. In anderen beliebten Regionen Europas sind solche Maßnahmen bereits Realität.
Greetsiel - Es ist und bleibt ein Streitthema: Wie viele Touristen verträgt Greetsiel? Nicht mehr viele, so die Ansicht einiger Bürger. Von überfüllten Straßen und Massentourismus ist die Rede. Aber das ist kein in Greetsiel gemachtes Problem. An einigen Orten in Europa ist die Belastung durch ankommende Touristen so groß, dass man von „Overtourism“, also „Übertourismus“, spricht. Verstopfte Straßen, genervte Einheimische und Kostensteigerungen in fast allen Bereichen sind dann oftmals die Folge. Für so manchen in Greetsiel kommt das Fischerdorf in den Sommermonaten diesem Bild schon ziemlich nah. Rund 90 Prozent der Greetsieler Teilnehmer einer Umfrage, die von der Touristik GmbH Krummhörn-Greetsiel in Auftrag gegeben wurde, empfinden die Anzahl der Besucher als hoch, teilweise zu hoch.
Einige Anwohner brachten unter anderem auf Facebook die Idee ins Spiel, in Greetsiel eine Zugangsbeschränkung für Touristen einzuführen, angelehnt an bereits existierende Maßnahmen in vom Massentourismus gefährdeten Ausflugszielen in Europa. Während sich die Touristiker rund um Geschäftsführer Benjamin Buserath die nötige Zeit nehmen wollen, um sinnvolle Schritte einzuleiten, haben wir uns schon mal umgeschaut, wie andere Touristenziele probieren, die Besucherzahlen einzudämmen.
Welche Maßnahmen gibt es bereits, und wo?
Mallorca: Im europäischen Ausland werden bereits vielerorts Maßnahmen umgesetzt, um dem starken Andrang von Touristen entgegenzuwirken. Auf der liebsten Urlaubsinsel der Deutschen, Mallorca, sorgten in diesem Sommer Proteste der Einheimischen für Aufmerksamkeit. Sie prangerten die schädlichen Folgen des Massentourismus für die Baleareninsel an, darunter die steigenden Preise für Mietobjekte. Die Regierung führte daraufhin eine Anzahl an Maßnahmen ein, allen voran eine Reduzierung der Bettenzahl. Zudem sollen Kreuzfahrttouristen eine höhere Urlaubersteuer zahlen. Um dem Problem der steigenden Mietpreise auf der Insel zu begegnen, plant die Verwaltung außerdem, verstärkt Ferienimmobilien auf deren Legalität zu überprüfen. So soll die Vermietung von nicht offiziellen Unterkünften an Touristen unterbunden werden.
Barcelona: Nicht nur auf Mallorca, auch auf dem spanischen Festland kam es in diesem Sommer zu Protesten der Einwohner gegen den Massentourismus. In Kataloniens Hauptstadt spritzten die Demonstranten mit Wasserspritzpistolen auf Besucher und forderten eine Limitierung der Urlauber, vor allem in Barcelona. Als Antwort auf die Forderung ist nun geplant, bis zum Jahr 2028 etwa 10.000 Genehmigungen für Ferienunterkünfte zu entziehen, so der Bürgermeister der Stadt zu der umstrittenen Maßnahme. Anschließend sollen diese Ferienobjekte dann wieder einheimischen Mietern zur Verfügung gestellt werden.
Venedig: Ebenfalls viel vertreten in Medienberichten über Massentourismus ist Venedig. Im Mai 2024 wurden in der Stadt an der italienischen Adria erstmals Eintrittsgelder für das reine Betreten des Ortskerns fällig. Die Stadtverwaltung hatte probeweise an 29 Tagen in der Saison, besonders an langen Wochenenden mit Brückentagen, ein Eintrittsgeld in Höhe von drei bis zehn Euro pro Kopf erhoben. Die Bilanz war laut Aussage des Bürgermeisters gut. Im Jahr 2025 soll das Konzept noch weiter ausgereift und fortgeführt werden.
Amsterdam: In Amsterdam berichten Anwohner, schon seit Jahren das Stadtzentrum nicht mehr betreten zu haben. Auch hier der Grund: Touristenmassen überschwemmen das Zentrum, gemütliches Einkaufen für die Einheimischen wird zur Geduldsprobe. Die städtische Verwaltung in Amsterdam hat deshalb vor knapp drei Jahren beschlossen, die Anzahl an touristischen Übernachtungen zu begrenzen. Pro Jahr darf es seitdem nicht mehr als 20 Millionen Übernachtungen in den Hotels, Hostels und AirBnBs der Millionenstadt geben. Außerdem sollen in Zukunft weitaus weniger Kreuzfahrtschiffe den Amsterdamer Hafen ansteuern, damit die touristische Infrastruktur der Stadt entlastet wird.
Griechenland: Die griechischen Inseln sind ein beliebtes Urlaubsziel, gerade in den Sommermonaten. Auch Kreuzfahrtschiffe ankern dort gehäuft. Darum plant die griechische Regierung laut Medienberichten, von Urlaubern, die die Inseln über Kreuzfahrtschiffe besuchen, ein Eintrittsgeld zu erheben. Ein möglicher weiterer Schritt wäre zudem die Begrenzung von verfügbaren Plätzen auf den einlaufenden Schiffen, heißt es.
Was sind die Ursachen des zunehmenden Massentourismus?
Ein Hauptgrund des Massentourismus ist laut Ansicht von Experten vor allem die schnelle und günstige Erreichbarkeit der Orte. Alle oben beschriebenen Urlaubsorte werden von Billig-Airlines angesteuert. Flüge aus Deutschland gibt es da teilweise schon für unter 30 Euro pro Strecke. Nahe Ziele wie Amsterdam lassen sich auch meist problemlos mit dem Zug oder mit dem Auto erreichen.
Dazu kommt: Auch Kreuzfahrtschiffe werden immer größer, transportieren immer mehr Leute. Das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, übrigens von der Werft Meyer Turku gebaut, hat neben der Besatzung von 2350 Personen Platz für fast 6000 Urlauber. Die „Icon of the Seas“ wird aktuell für Fahrten in der westlichen Karibik eingesetzt. Zumindest das ist ein Faktor des Massentourismus, um den sich die Greetsieler keine Sorgen machen müssen. Kreuzfahrtschiffe mit 6000 Passagieren werden so bald nicht vor der Leybucht ankern.
Ist Greetsiel auch schon von Massentourismus betroffen?
Das Dorf zählt pro Jahr rund 800.000 Übernachtungsgäste. Knapp 650.000 Besucher bleiben lediglich einen Tag lang. Vergleichbar mit den hier genannten Touristenzielen ist das bei Weitem nicht. Was aber vergleichbar ist, sind die Beschwerden einiger Greetsieler. Diese ähneln den Beschwerden von Anwohnern aus überlaufenen Gegenden wie Barcelona, Mallorca und Venedig. Besonders die steigenden Mietpreise im Zusammenhang mit einer Zunahme an Übernachtungsgästen und damit auch mit einer Zunahme an Ferienimmobilien werden sowohl von Greetsielern als auch von Anwohnern in Orten mit Bettenburgen wie auf Mallorca genannt.
Aber Bettenburgen gibt es in Greetsiel noch nicht. Einnahmen durch den Tourismus, zum Beispiel durch angebotene Ferienwohnungen oder die Gastronomie, landeten noch immer hauptsächlich bei den Greetsielern und Ostfriesen selbst, sagte Ortsvorsteher Alfred Jacobsen im Frühjahr 2024 gegenüber dieser Zeitung.