Projekt der Energiewende 200 Hektar für Gewerbe bei Riepe geplant
Im großen Maßstab planen die Gemeinden Ihlow und Moormerland ein gemeinsames Gewerbegebiet. Dafür gibt es offenbar Interessenten aus dem Energiesektor.
Moormerland/Ihlow - Wer die jüngste Kreistagssitzung in Leer aufmerksam verfolgt hat, konnte bei der Beratung zum Regionalen Raumordnungsprogramm hellhörig werden: Da war nämlich von einem interkommunalen Gewerbegebiet für Moormerland und Ihlow die Rede. Jetzt haben die Gemeinden dazu erstmals Details genannt: Es geht um nicht weniger als 200 Hektar zwischen Riepe und Oldersum, die nahe der Autobahn 31 erschlossen werden sollen.
Ein Projekt zur Energiewende, so bezeichneten es die Bürgermeister Arno Ulrichs (Ihlow, parteilos) und Hendrik Schulz (Moormerland, SPD) in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Denn auf den Flächen, die südlich der Anschlussstelle Riepe/Oldersum sowie zwischen Windpark Simonswolde und der Landesstraße 1 liegen, sollen sich vorrangig Unternehmen ansiedeln, die im Sektor Energiegewinnung tätig sind oder sich der Forschung und Entwicklung widmen. Dafür gebe es bereits Interessenten – welche Firmen das konkret sind, blieb offen.
Ihlow braucht neue Gewerbeflächen
Der Anstoß zu dem interkommunalen Projekt kam aus Ihlow. „Unsere Gewerbeflächen sind erschöpft“, sagt Ulrichs. Eine Erweiterung der Flächen in Riepe ist jedoch nicht möglich. Ein Standort mit Autobahnanbindung ist für Unternehmen attraktiv, deshalb wurde dort Ausschau gehalten. Das Gebiet der Gemeinde Moormerland ragt in einer „Nase“ über die Autobahn hinweg bis fast an das Gewerbegebiet Riepe heran, deshalb wurde Kontakt zu den Nachbarn aufgenommen.
Anderthalb Jahre ist das bereits her, doch bislang ist wenig Info nach außen gedrungen. Noch vor zwei Wochen blieben Anfragen zum Projekt ohne konkrete Antwort. Inzwischen hat es weitere Gespräche zwischen den Gemeinden sowie den Landkreisen Aurich und Leer gegeben, an denen zudem das Wirtschaftsministerium in Hannover beteiligt war. „Wir treffen uns beinahe monatlich“, sagt Schulz.
Fließt Wasserstoff in das neue Gebiet?
Beide Gemeinden erhoffen sich davon die Ansiedlung von zukunftssicheren Unternehmen aus dem Energiesektor, die zudem viele Arbeitsplätze schaffen. Die Verantwortung, Planung, alle Kosten, vor allem aber die Steuereinnahmen will man sich teilen. Das interkommunale Gewerbegebiet soll den Worten zufolge die Wertschöpfung aus günstiger Energie sichern, die absehbar in der Region verfügbar sein wird. „Ostfriesland wird zurzeit umgepflügt für den Bau von Leitungen“, so Ulrichs.
Eine Wasserstoffleitung ist von Emden zum Kavernenspeicher der EWE in Nüttermoor geplant. Von dieser könnte ein Verteiler zu den geplanten Gewerbeflächen führen, damit die Unternehmen diesen mit Windstrom erzeugten Treibstoff nutzen können. Der Standort wird als Transitfläche für Leitungen, die Strom aus der Offshore-Windenergie transportieren, gesehen. Zudem sind die Seitenräume von Autobahnen als Standorte für Freiflächen-Photovoltaik privilegiert.
Ab wann wird das Gewerbegebiet entstehen?
Ein erster Abschnitt könnte ab 2027/28 realisiert werden, schätzt Ulrichs. Dieser könnte etwas 35 Hektar umfassen. Mit insgesamt vier Abschnitten würde das gemeinsame Gewerbegebiet auf etwa 200 Hektar kommen. Zum Vergleich: Die beiden Industriegebiete in Neermoor beidseitig der Autobahn kommen zusammen auf knapp 50 Hektar, das VW-Werk in Emden steht auf einer Fläche von 430 Hektar. Dort, wo sich später Unternehmen ansiedeln sollen, sind jetzt Grünland- und Weideflächen.
Deshalb ist den Bürgermeistern klar, dass es durchaus Hemmnisse geben wird. Es wurde bereits eine Machbarkeitsanalyse durch ein Planungsbüro erarbeitet. Das hat ergeben, dass es Hindernisse geben wird, diese aber auszuräumen sein würden. Das Grünland ist zum Beispiel der Lebensraum von Brut- und Wiesenvögeln. Diese Problematik ist seit einer Untersuchung zum Repowering bekannt. Allerdings gebe es dazu südlich der Kreisstraße 111 die wenigsten Probleme, sagt Ulrichs.
Was wird aus der Landwirtschaft?
Dass auf der Fläche jetzt schon Windenergieanlagen stehen, ist ebenfalls ein Hindernis, doch dieses könnte im Zuge des Repowering gelöst werden. „Statt sechs wird es nur noch vier Anlagen geben“, sagt Ulrichs. Diese könnten „vom geplanten Standort wegrücken“. Bleibt noch die Landwirtschaft. In dem Gebiet gebe es Vollerwerbsbetriebe, räumen die Bürgermeister ein. Sie hoffen, dafür Ersatzlösungen aus freiwerdenden Betrieben zu finden. Bei der Planung sei die Niedersächsische Landgesellschaft eingebunden, die gute Kontakte zur Landwirtschaft habe.
Was muss man sich nur künftig dort vorstellen? Laut den Bürgermeistern sollen dort produzierende Unternehmen angesiedelt werden, die für Repowering und Ausbau der Windenergie tätig sind, im Bereich Photovoltaik agieren oder sich auf die Anwendung von Wasserstoff konzentrieren, dazu Firmen, die sich um die erforderliche Infrastruktur, also Kabeltrassen und -leitungen, Logistik oder Vertrieb kümmern.
Das sagte der Landkreis Leer bisher dazu
In das kürzlich verabschiedete Regionale Raumordnungsprogramm (RROP) wurde die Gewerbefläche noch nicht aufgenommen. Stellungnahmen der beiden Gemeinden zu dem Programm, die sich darauf beziehen, wurde aktuell nicht berücksichtigt. Deshalb wollte Dieter Baumann (CDU) aus Moormerland im Kreistag protokolliert haben, dass die Planung und Verwirklichung des interkommunalen Gewerbegebietes durch das RROP nicht be- oder verhindert wird.
Dazu hatte es laut Baumann unterschiedliche Auffassungen beim Landkreis, dem Amt für regionale Landesentwicklung und dem Landwirtschaftsministerium gegeben. Daun sprach von einem Missverständnis: Die Stellungnahmen seien nicht berücksichtigt worden, weil bisher zu wenig konkretes zu dem Vorhaben bekannt sei. Wenn es soweit ist, „kann man über ein Zielabweichungsverfahren reden“, sagte Daun. Den Unterlagen zum RROP ist zu entnehmen, dass aus Sicht der Kreisverwaltung für die Flächen nahe der Autobahn zumindest „ein erhöhtes Begründungserfordernis“ besteht. Das Grünland sei aus naturschutzfachlichen Gründen „interessant“.