Unzufriedene Bürger  Eigenes Haus in Ostfriesland ist für viele zum Luftschloss geworden

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 07.10.2024 19:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bauwillige in Ostfriesland sehen schwarz, weil die Baupreise für Einfamilienhäuser stark gestiegen sind. Archivfoto: Jan Woitas/dpa
Bauwillige in Ostfriesland sehen schwarz, weil die Baupreise für Einfamilienhäuser stark gestiegen sind. Archivfoto: Jan Woitas/dpa
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Was kostet der Bau eines Einfamilienhauses in Ostfriesland? Eine Umfrage unter Banken liefert eine preisliche Dimension, die für junge Familien schwierig oder gar nicht finanzierbar ist. Eine Analyse.

Ostfriesland - Der Wunsch nach einem eigenen Haus gilt in Ostfriesland als besonders weit verbreitet. Das Statistische Landesamt Niedersachsen bezifferte die landesweite Eigentümerquote nach dem Mikrozensus 2011 (früher: Volkszählung) mit 54 Prozent. Die Eigentümerquote beschreibt demnach den Anteil der von Eigentümern bewohnten Wohnungen in Wohngebäuden – im Verhältnis zu allen bewohnten Wohnungen in Wohngebäuden. In den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund lag die Quote höher: zwischen fast 67 und knapp 69 Prozent.

Ein Großteil der Einwohner Ostfrieslands lebt in eigenen Häusern oder Wohnungen. Quelle: Statistisches Landesamt Niedersachsen
Ein Großteil der Einwohner Ostfrieslands lebt in eigenen Häusern oder Wohnungen. Quelle: Statistisches Landesamt Niedersachsen

Ein Eigenheim ist allerdings nicht nur in Ostfriesland ein wesentlicher Faktor, wenn es um die Zufriedenheit in der Bevölkerung geht. Rund 15.750 Menschen in Deutschland haben sich offenbar im Jahr 2015 an einem Dialog über Lebensqualität beteiligt. Die vorletzte Bundesregierung berichtete darüber: „Vielen Bürgerinnen und Bürgern war es wichtig, sich eigenes Vermögen aufzubauen. Der Wunsch nach Grundbesitz oder einem Eigenheim wurde in diesem Zusammenhang öfter formuliert.“

So hoch ist die Mietbelastung in Niedersachsen

Die Eigentumsquote im Jahr 2022 betrug auf Deutschland bezogen 41,8 Prozent, wie aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Das heißt, 41,8 Prozent der 39,32 Millionen Haushalte hatten Wohnraum in ihrem Eigentum. In Niedersachsen waren es 48,8 Prozent. Wohnungs- und Hauseigentümer müssen keine Miete zahlen, die bekanntlich ein Kostenfaktor ist.

„Niedersächsische Haushalte, die zur Miete wohnen, gaben durchschnittlich 28 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Bruttokaltmiete aus (Mietbelastungsquote)“. Das berichtete das Landesamt für Statistik im August 2023. Zum Vergleich: „Im deutschlandweiten Durchschnitt betrug die Bruttokaltmiete 8,60 Euro je Quadratmeter.“

So sehr sind Finanzierungs- und Baukosten gestiegen

Wer dieses Geld sparen will, muss ein Haus oder eine Wohnung kaufen oder bauen. Und wer diese Investition mit Hilfe einer Bank finanziert, der zahlt Zinsen – und muss die Schulden natürlich tilgen. Dabei sind die Zinsen für Immobilienkäufe seit dem Frühjahr 2022 stark gestiegen, wie aus einem Kurvendiagramm der Statista GmbH hervorgeht – einem privatwirtschaftlich organisierter Statistik-Anbieter aus Hamburg. Die Bauzinsen kletterten demnach von rund einem Prozent auf mehr als vier Prozent.

Neben den Finanzierungskosten sind aber auch die Baukosten gestiegen. Das Statistische Landesamt Niedersachsen teilte am 2. Oktober 2024 mit: „Die Preise für den Neubau von Wohngebäuden (Bauleistungen am Bauwerk) lagen im August 2024 um 3,1 Prozent höher als im August 2023.“ Im Vergleich zum Mai 2024 haben sich die Preise für den Neubau von Wohngebäuden demnach um 0,7 Prozent erhöht.

Baupreis-Steigerungen in Niedersachsen. Die Index-Entwicklung ist wie folgt zu verstehen: Das Preis-Niveau des Jahres 2021 ist als 100 Prozent zugrundegelegt worden. Ein 130er-Wert im Jahr 2024 steht demnach für einen Preisanstieg von 30 Prozent seit 2021. Grafik und Quelle: Statistisches Landesamt Niedersachsen / Screenshot
Baupreis-Steigerungen in Niedersachsen. Die Index-Entwicklung ist wie folgt zu verstehen: Das Preis-Niveau des Jahres 2021 ist als 100 Prozent zugrundegelegt worden. Ein 130er-Wert im Jahr 2024 steht demnach für einen Preisanstieg von 30 Prozent seit 2021. Grafik und Quelle: Statistisches Landesamt Niedersachsen / Screenshot

Das kostet der Bau eines Einfamilienhauses in Ostfriesland

Aber wie viel kostet dann der Bau eines Einfamilienhauses in Ostfriesland? Das hat unsere Redaktion bei Banken in der Region erfragt. Das Ergebnis der Umfrage – Stand Juni 2024 – kurz zusammengefasst: Ein Haus samt Grundstück kostet rund eine halbe Million Euro oder sogar mehr – obwohl Gebäude und Gärten tendenziell kleiner werden. Das können sich manche Bauwilligen nicht leisten und bleiben deshalb Mieter, wie Banken berichten.

Das Einkommens-Niveau in Ostfriesland ist relativ niedrig, wie eine Untersuchung der Bundesregierung ergeben hat, deren Ergebnisse im „Gleichwertigkeitsbericht 2024“ veröffentlicht worden sind. Das Medianentgelt betrug im Jahr 2022 im Bezirk der Arbeitsagentur Emden-Leer 3257 Euro. Zum Vergleich: „Das (übergreifende) Medianentgelt lag 2022 bei 3.646 Euro“ in Deutschland, wie die Bundesarbeitsagentur in ihrer „Analyse zur Entgeltstatistik“ berichtet hat.

So sind die Bauplatz-Verkäufe in Ostfriesland zurückgegangen

Dass sich immer weniger Menschen in Ostfriesland den Bau eines Hauses leisten können, darauf deutet auch eine aktuelle Statistik des Gutachterausschusses für Grundstückswerte Aurich hin. Zu dessen Bezirk gehören Ostfriesland und Friesland. Aus der Halbjahres-Bilanz der Gutachter geht hervor, dass die Zahl der Bauplatz-Verkäufe seit dem Jahr 2020 gesunken ist und sich 2024 auf einem ähnlich niedrigen Niveau wie im Jahr 2023 bewegt.

Ein Vegleich der Bauplatz-Verkaufszahlen in den jeweils ersten sechs Monaten der Jahre 2020 bis 2024 in Ostfriesland und Friesland. Quelle und Grafik: Gutachterausschuss für Grundstückswerte Aurich
Ein Vegleich der Bauplatz-Verkaufszahlen in den jeweils ersten sechs Monaten der Jahre 2020 bis 2024 in Ostfriesland und Friesland. Quelle und Grafik: Gutachterausschuss für Grundstückswerte Aurich

Die Unzufriedenheit vieler Menschen hat zuletzt in Thüringen, Sachsen und Brandenburg zu Wahlerfolgen der AfD geführt. In Ostfriesland lag die selbsternannte „Alternative für Deutschland“ bei der Europawahl 2024 über dem bundesweiten Ergebnis von 15,9 Prozent.

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