Das Gefühl trügt Wie gefährlich ist Emden wirklich?
Emden beruft einen Runden Tisch gegen das mulmige Sicherheitsgefühl in der Stadt ein. Ist das angebracht?
Emden - Kann man nachts noch sicher durch Emden laufen? Passieren in der Stadt mehr Straftaten als anderswo? Wo gibt es gefährliche, gar verrufene Orte, die man besser meidet? Diese Fragen stellen sich offenbar immer mehr Bürgerinnen und Bürger, zumindest haben das einige Ratsparteien so für sich deklariert.
Sie haben das Thema Sicherheit in Emden jetzt in den Fachausschuss gebracht, der sich am Mittwochabend, 23. Oktober 2024, schwerpunktmäßig mit der seit Wochen öffentlich geführten Diskussion um den vermeintlichen Anstieg von Gewalttaten befasste. Ein Ergebnis vorweg: Die Stadt Emden erweitert den Kommunalen Präventionsrat um Mitglieder aus den im Rat vertretenen Parteien. Schon Ende des Monats wird es erstmals einen Runden Tisch aus Mitgliedern der Verwaltung, Polizei, dem Jobcenter und Ratsmitgliedern geben, um insbesondere ein Thema in Emden zu beleuchten: das veränderte Sicherheitsempfinden von Bürgerinnen und Bürgern.
Losgetreten hatten das Thema die FDP und die Wählergemeinschaft Gemeinsam für Emden (GfE), die Sachstandsberichte zur aktuellen Sicherheitslage in der Stadt eingefordert hatten. Ratsherr Henning Meyer hatte unter anderem gefordert, „Angsträume“ in der Stadt zu beseitigen und auf die „Zunahme von teils schweren Straftaten im öffentlichen Raum in den letzten Wochen zu reagieren“. GFE-Ratsherr Michael Martens wollte wissen, „was die Stadt unternehmen wolle, um die Sicherheitslage in Emden zu verbessern“.
Objektive Fallzahlen und subjektive Sicherheit
Aber gibt es überhaupt eine Zunahme von Gewalttaten in der Stadt? Emdens Polizeichefin Frida Sander und Stephan Bohlken, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes im Emder Polizeikommissariat, referierten aus der jüngsten Kriminalstatistik. Und sie unterschieden deutlich zwischen objektiven Fallzahlen und subjektiver Sicherheit. Die Fallzahlen, bezogen auf das Jahr 2023 – die fürs aktuelle Jahr wird es erst im März 2025 geben – sind demnach zwar angestiegen. Doch bei näherer Betrachtung rechtfertigen sie die Dramatik, die in den Partei-Anfragen zum Ausdruck kommen, nicht.
„Ich möchte Ihnen einen Blick auf die objektive Sicherheit geben“, sagte Frida Sander vorweg. Tatsächlich gibt es gegenüber dem Vorjahr 2022 Zunahmen bei den angezeigten Ladendiebstählen und bei sogenannten Rohheitsdelikten, doch den Ausführungen Sanders zufolge liegt dem auch ein verändertes Anzeigeverhalten zugrunde. Es würden schlicht mehr Ladendiebstähle gemeldet, weil inzwischen Online-Anzeigen möglich sind, weil mehr Diebstähle durch gute Videoüberwachung dokumentiert werden und weil Läden ihre Öffnungszeiten mittels Automatikkassen bis in die Nacht ausgeweitet haben.
„Ich hau dir ein paar“
Bei den Rohheitsdelikten – darunter fallen unter anderem Körperverletzungen – gebe es einen Anstieg der Fälle, weil sich die Gesetzeslage verändert hat. So reicht seit 2021 schon eine verbale Prügel-Drohung aus, um in die Statistik aufgenommen zu werden. Ein „Ich hau dir ein paar“ zähle jetzt als Straftat, wo die Polizei zuvor keine Anzeige aufnehmen geschweige denn eingreifen konnte, etwa per Gefährdungsansprache, wie Bohlken erklärte.
Aber es geht nicht nur um die angezeigten Fälle, sondern auch ums Dunkelfeld und sogenannte Kriminalitätsfurcht. Dazu habe das Landeskriminalamt eine anonymisierte und repräsentative Befragung durchgeführt. Im Ergebnis nannte die Hälfte der Befragten vor allem nachts ein Unsicherheitsgefühl. Je urbaner der Wohnort, desto höher die Werte. In Emden liege der Wert somit höher als in Leer, wo auch der Landkreis mit in die Statistik einfließt. „Es sind landesweit gleiche Trends. Und sie sind gesellschaftlichen Entwicklungen geschuldet“, sagte Sander. „Das ist kein Alleinstellungsmerkmal für Emden.“
Gefühlt wie live dabei gewesen
Social Media und Informationsflut in Echtzeit tragen außerdem dazu bei, dass herausragende Vorfälle zur Abnahme des Sicherheitsgefühls führen, erklärte Sander. „Die Leute haben ja das Gefühl, als wären sie live dabei gewesen.“ Wenn dann der nächste Blaulicht-Vorfall vermeldet wird, werde der Eindruck erzeugt, dass sich die Fälle häufen.
So geschehen eben nach zwei Fällen mit Menschenansammlungen, wobei sich eine Gruppe mit 20 Männern eine Schlägerei auf dem Neuen Markt geliefert hatte und einer von ihnen eine Stichwunde erlitt. Dann eine Zusammenrottung von 30 Männern, die augenscheinlich ein Mehrparteienhaus nahe dem Neuen Markt stürmen wollten. Oder auch Angriffe von Jugendlichen auf Passanten am Burgplatz und der Alten Post. Alles Vorfälle aus jüngster Zeit, auf die sich auch die Antragsteller beziehen.
162 Fälle auf dem Neuen Markt in drei Jahren
Dass Wahrnehmung und Realität unterschiedlich sind, verdeutlichen auch die Zahlen für Rohheitsdelikte auf dem vermeintlich gefährlichen Pflaster des Neuen Marktes. Insgesamt hat es laut Frida Sander in den Jahren 2019, 2022 und 2023 1892 Fälle von Körperverletzung, Raubdelikte oder der Beraubung der persönlichen Freiheit gegeben. „Auf den Neuen Markt entfielen davon 8,6 Prozent.“
Ein gefährlicher Ort definiert sich aus höheren Zahlen. „In Emden kann ich glücklicherweise keinen Ort finden, den ich als verrufen bezeichnen könnte“, erklärte auch Stephan Bohlken. Er reagierte damit auf den Einwand des SPD-Ratsherrn Holger Stomberg, der Personenkontrollen als präventive Maßnahme an definierten gefährlichen Orten zur Abschreckung anfragte. „Wir haben keine Orte mit vermehrten Straftaten, außer Orte mit vermehrten Menschenansammlungen wie dem Neuen Markt“, erläuterte Bohlken. Und dort habe die Videoüberwachung schon einen spürbar präventiven Effekt. Die Polizei dürfe nur zeitlich begrenzt und anlassbezogen Personenkontrollen durchführen.
OB will Aufklärung
Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) mahnte in der Diskussion die „Verhältnismäßigkeit der Mittel“ an. Narrative wie „Angsträume“ und „Zunahme von Straftaten“ in einem Antrag seien außerdem wenig hilfreich, um das Sicherheitsempfinden der Realität anzupassen. „Wir negieren hier das veränderte Gefühl und die Sorgen der Menschen nicht“, betonte der OB. Auf Basis auch aktueller Zahlen solle deshalb der erweiterte Präventionsrat jetzt auch regelmäßig über Entwicklungen beraten und aufklären.
Auf die Ratsanträge kritisierte der OB, dass manche Dinge und Forderungen auf den Tisch kommen, die einfach wirken und doch komplizierter seien. „Beispiel Waffenverbotszone: Was macht so ein Schild mit meinem Sicherheitsgefühl?“
Von „akzeptablen Fall-Zahlen“ in der Stadt sprach dann im Anschluss CDU-Ratsherr Reinhard Hegewald, auch wenn die Bevölkerung es wohl anders sehe. Deshalb präferiere auch er den Runden Tisch gegenüber populistischen Anträgen. „Es geht darum, zu gucken, was wir tun können, damit sich die Menschen hier sicherer fühlen. Diesen Weg gehen wir mit.“