Alltag mit Diabetes Wie ein Sturz mein Leben veränderte
Mit dem Osterfest 2024 verbinde ich den größten Schock, den ich bisher in meinem Leben erlitten habe. Von einer Party ging es ins Krankenhaus. Diabetes sollte von hier an meinen Alltag mitbestimmen.
Ostfriesland/Bremen - Eigentlich wollten meine Freunde und ich zum diesjährigen Osterfest mal wieder so richtig „die Sau rauslassen“. Doch ein Sturz sollte nicht nur die Feier für mich beenden, sondern auch ein ganz neues Kapitel in meinem Leben einleiten. Die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag, 28. auf 29. März 2024, und die darauffolgenden Tage musste ich im Krankenhaus verbringen.
Der Donnerstag begann aber ganz anders. Meine Freundesgruppe und ich verabredeten uns in Bremen, ein alter Schulkollege aus Aurich hatte dort seine Studentenwohnung und auch eine schon einen Ort zum Feiern im Kopf: ein großes Partyzelt auf der Bremer Osterwiese. Hier sollten unsere hungrigen Partymäuler gestopft werden. Und das wurden sie auch – bis zu einem gewissen Punkt. Wir und alle um uns herum hüpften auf den Bänken bis einer das Gleichgewicht verlor. Ich wurde mit umgerissen, knallte mit dem Kopf gegen einen Tisch und ging zu Boden.
Hoher Blutzucker und diabetisches Koma
Einen Moment war alles still um mich, aber ich war bei Bewusstsein. Jemand half mir auf. Ich fühlte einen pochenden Schmerz an meinem Kopf. Aber trotz kleiner Platzwunde, schien alles noch in Ordnung zu sein, dachte ich zumindest. Wie schlimm es noch werden würde, ahnte ich in diesem Zeitpunkt noch nicht.
Der Sanitätsdienst kam, brachte mich in einen nahegelegenen Container und verarztete mich. Wegen der Wunde am Kopf musste ich mir keine Gedanken machen, meinen Namen und den Wochentag wusste ich auch noch. Nach eigenem Ermessen ging es mir gut, ein wenig Kopfschmerzen vielleicht. Ich wollte weiterfeiern, doch die Sanitäter wollten scheinbar auf Nummer sicher gehen. Und sie sollten damit Recht behalten.
Wie genau der Verdacht kam, weiß ich nicht mehr genau. Jedenfalls wurde mir erklärt, dass vor Ort mein Blutzucker gemessen werden soll. Ich willigte ein. Das Ergebnis war mehr als 500 Milligramm pro Deziliter, erinnere ich mich. Für einen gesunden Menschen seien zwischen 70 und 100 im Normalbereich. Und auch wenn der Alkohol die Werte gerne mal verfälsche, erklärte mir ein Sanitäter, sei mein Blutzucker viel zu hoch. Die Lage war dramatisch. Wenn man Blutzucker noch weiter steigen würde, könnte ich sogar in ein diabetisches Koma fallen. „Sie müssen jetzt direkt ins Krankenhaus“, sagte der Sanitäter. Dann rollte der Rettungswagen los, ich war allein, keiner meiner Freunde durfte mich begleiten.
„Haben Sie denn nichts gemerkt?“
Im Bremer Klinikum sollte ich näher untersucht werden. Zwischen 0 und 1 Uhr nachts kam ich an. Ich hing stundenlang in der Notaufnahme. Auch wenn das Handynetz hier miserabel war und mein Akku mit dem Tode rang, konnte ich irgendwie meine Familie und Freunde erreichen. In dieser Nacht standen noch viele Tests an. Mir wurde Blut abgenommen, ein Urintest gemacht, ein Venenzugang gelegt. 3 Uhr, 4 Uhr, 5 Uhr – irgendwann in der Nacht wurde ich auf ein Zimmer verlegt. Am nächsten Morgen konnte mir der Stationsarzt dann sagen, dass ich mit fast einhundert-prozentiger Sicherheit Typ-1-Diabetes habe. Ein Schock. Ich wollte nach Hause. Doch ich musste in Bremen bleiben, für ungefähr eine Woche, hieß es damals schon.
Ist es Diabetes?
1. Symptomatik beachten
2. Beim Hausarzt melden, bei akuten Beschwerden direkt in die Notaufnahme
„Haben Sie denn nichts gemerkt?“, fragte mich der Stationsarzt im Anschluss. Er zählte die Symptome auf: Gewichtsabnahme, chronische Müdigkeit, wechselnde Sehstärke. Ich schüttelte mit dem Kopf. Bei mir machten sich eher der ständige Durst, häufiges Pinkeln und trockene Haut bemerkbar. Typische Anzeichen für Diabetes, wurde mir erklärt. „Der Körper versucht den überschüssigen Zucker quasi aus sich raus zu spülen.“ Und dafür braucht er viel Flüssigkeit. Flüssigkeit, die er überall herholt, wo er nur kann.
Diabetesberatung und ein neuer bester Freund
Diabetes Typ 1 an sich ist eine Autoimmunerkrankung, das Immunsystem greift körpereigenes Gewebe an. Meine Bauchspeicheldrüse wurde dadurch beschädigt und produziert nicht mehr genügend Eigeninsulin. Das bedeutet, ich muss Insulin spritzen. Jeden Tag, zu jeder Mahlzeit. Mein Leben lang. Eine Umstellung, keine Frage. Von dort an, musste ich meinen Körper neu kennenlernen. Auf seine Signale hören, bei beispielsweise Unterzuckerung handeln. „Diabetes wird ihr Leben lang an ihrer Seite sein. Wie ein bester Freund“, fasst es eine Beraterin im Krankenhaus zusammen. Meist wird die Krankheit im Kinder- und Jugendalter festgestellt. Bei mir war es erst mit 23 Jahren.
Vor allem muss ich aber die Kohlenhydrate in meinem Essen abschätzen. Das ist deshalb wichtig, weil Kohlenhydrate meinen Blutzucker erhöhen. Je mehr Kohlenhydrate – dazu zählt Stärke in Weizen oder Kartoffeln, aber auch normaler Zucker – desto mehr Insulin muss ich spritzen. Denn nur mit genügend Insulin können die Körperzellen den Zucker aus dem Blut auch aufnehmen.
Einer von elf Millionen Diabetikern
Aktuelle Ergebnisse des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigen, dass bei insgesamt 7,2 Prozent der Erwachsenen in Deutschland (4,6 Millionen Menschen) im Alter von 18 bis 79 Jahren jemals ein Diabetes diagnostiziert wurde. Nach derzeitigem Kenntnisstand des RKI seien etwa 90 Prozent aller Diabeteserkrankungen dem Typ-2-Diabetes zuzuordnen. Die zweite Form wird auch Altersdiabetes genannt. Dieser bedeutet, dass der Körper zwar in der Regel noch genügend Eigeninsulin produziert, dieser aber schlechter von den Körperzellen aufgenommen werden. Das Ergebnis ist wie beim Typ 1, dass der Zucker im Blut bleibt.
Auf der Webseite der Deutschen Diabetes-Hilfe ist nachzulesen, dass es in Deutschland aktuell rund elf Millionen Menschen mit Diabetes gibt. Darunter seien 8,7 Millionen mit einem diagnostizierten Typ-2-Diabetes und 372.000 mit Typ-1-Diabetes. Man gehe davon aus, dass zusätzlich zwei Millionen Personen noch nichts von ihrer Erkrankung wissen. „Familiäre Veranlagung, zu wenig Bewegung und Übergewicht sind die wichtigsten Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes“, heißt es weiter. Die Ursachen für die Typ-1-Form seien noch nicht vollständig bekannt.
Nur Verzicht und Limits?
Zwischen meiner Diagnose und dem heutigen Tag sind bereits einige Monate vergangen. Ich habe inzwischen gelernt, mit der Krankheit zu leben und wieder meiner Tätigkeit als Redakteur für diese Zeitung nachzugehen. Und ich lerne mit jedem Tag weiter dazu. Im ersten Moment klingt Diabetes hart. Das war es auch für mich. Es klingt nach Verzicht auf leckeres Essen und nach vielen Limits. So ganz stimmt das aber nicht.
Ich lasse die Finger von süßen Getränken. Die Kohlenhydrate in meinen Mahlzeiten rechne ich binnen Sekunden im Kopf aus. Süßigkeiten und Snacks sind zwischendurch auch drin, solange ich ausreichend Insulin spritze. Die Therapiemöglichkeiten für die Typ-1-Form, wie ich sie habe, sind weit fortgeschritten, kann ich inzwischen sagen. Fingerpieken und Blutmessgeräte sind eher unüblich. Ein Glukosesensor hält mich über meinen Blutzucker auf dem Laufenden. Dieser verbindet sich mit meinem Smartphone und spuckt auch Warnungen bei Unter- und Überzuckerung aus. Das Spritzen gehört – so schwer es auch am Anfang war – für mich nun zum Alltag.
Insulin und Zucker immer mit dabei
Dennoch ist der Diabetes irgendwo immer in meinem Kopf. Und das kann auch ganz schön nerven. Ich kann fast nicht ohne Insulin oder seinen Gegenspieler Traubenzucker aus dem Haus. Hinzu kommt, dass Insulin nicht nur immer wieder aufs Neue aus der Apotheke besorgt, sondern mein Vorrat auch gekühlt werden muss. Das wird vor allem bei Ausflügen an heißen Sommertagen wichtig, denn sonst kann Insulin ablaufen.
Die Sensoren habe ich ganz einfach mit wenigen Klicks im Internet und einem Brief an meine Krankenkasse bekommen. Mein Insulin gibt es auch als praktisches E-Rezept. Aber für die Einmal-Nadeln, die ich für das Spritzen benötige, muss ich mir immer ein Rezept als Papierausdruck von meinem Arzt holen. Der Grund dahinter blieb mir bisher verborgen.
So einfach den Blutzucker testen
Wichtig ist, bei Symptomen einen Arzt anzusprechen oder diesen zumindest auf den Grund zu gehen. Sonja Lohmann leitet seit einigen Jahren die Diabetes-Selbsthilfegruppe im Klinikum Leer. Als Mutter von einem diabeteskranken Kind habe sie bereits viel Erfahrung mit der Krankheit. Deswegen klärt sie besonders andere Eltern darüber auf. Ihr Sohn habe die Diagnose bereits mit 18 Monaten bekommen. „Er war davor schlapp und teilnahmslos, als hätte er einen Infekt gehabt“, sagt Lohmann. Sie könne jedem nur ans Herz legen, der eine entsprechende Symptomatik aufweist oder bei seinem Kind feststellt, einen Blutzucker- oder Urintest zu machen. Das ginge beim Hausarzt, ansonsten aber auch in der Zentralen Patienten- und Notaufnahme im Klinikum Leer, bestätigt das Krankenhaus auch auf Nachfrage.
Diese Zeitung hat sich auch bei den Apotheken in der Region umgehört. Fakt ist, dass alle Apotheken Blutzuckermessgeräte verkaufen. Laut der Multi Apotheke in Leer kriegt man dieses bei besonderem Verdacht sogar umsonst. In anderen Apotheken kostet das Gerät mit Zubehör zwischen fünf und zehn Euro. Wer sich direkt bei den Pharmazeuten testen lassen will, der wird vielerorts enttäuscht. Bei der Umfrage gaben aber die Emder Löwen Apotheke (Zwischen Beiden Sielen 36) und die Apotheke am Markt in Wittmund an, direkte Bluttests bei Kunden auf Wunsch durchzuführen. Am besten solle man frühmorgens mit nüchternem Magen für einen Bluttest kommen.
Wer Symptome für Diabetes ignoriert, der spielt mit seinem Leben. „Ein unzureichend kontrollierter Diabetes oder ein längerfristig unentdeckter Diabetes sind mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenfunktionsstörungen, Erblindung und Fußamputationen verbunden. Diese führen zu einer verminderten Lebensqualität und Lebenserwartung bei den Betroffenen sowie zu hohen Kosten für das Gesundheitssystem“, heißt es vom RKI.
Weltdiabetestag 2024
Der 14. November ist der Weltdiabetestag. Er wurde 1991 ins Leben gerufen. Dieser Tag erinnert an den Geburtstag von dem kanadischen Chirurg und Physiologen Frederick Banting. Diesem gelang es 1921 zusammen mit einem anderen Mediziner erstmals Insulin zu isolieren. Damit ebnete Banting den Weg zur Behandlung von Diabetes.