Tourismus in Greetsiel Zu viele Touristen? Das sagen die Greetsieler selbst
Manchen wird es zu viel, andere haben ihr Leben auf dem Tourismus aufgebaut. Wie sehen Greetsieler die Tourismusdebatte? Wir haben mit zwei von ihnen gesprochen.
Greetsiel - „Ich mag es, neue Leute kennenzulernen. Ich habe auch teilweise schon tolle Freundschaften mit Gästen geschlossen.“ Das sagt eine Greetsielerin über die Urlauber, die regelmäßig in das Dorf kommen. Auch sie selbst vermietet eine Ferienwohnung. „Weil ich es schön finde“, wie sie sagt.
Die Greetsielerin, die lieber anonym bleiben möchte, hat von anderen im Dorf schon viel Kritik an den Touristen zu hören bekommen. In den sozialen Medien flammt die Debatte auch immer wieder auf und das, obwohl viele Greetsieler ihr Leben auf dem Tourismus aufgebaut hätten, wie sie sagt. Besonders Tagestouristen seien verrufen, erzählt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. „Aber mir tun sie leid. Die müssen durch das Dorf hetzen, alles anschauen und dann auch noch schnell etwas essen und trinken, bevor sie wieder zurückfahren.“ Deswegen sei es für sie ganz normal, auch den Urlaubern ein wenig Verständnis entgegenzubringen. „Man selbst ist ja auch mal im Urlaub und da hat man auch Ansprüche und möchte es schön haben in der Zeit.“
Tourismus öffnet Türen für Unternehmer
Natürlich werde es gerade in den Sommermonaten sehr voll im Ort. Die Menge an Tagestouristen falle auch ihr manchmal unangenehm auf. „Aber wenn‘s mir zu viel wird, dann gehe ich eben außen rum oder mache eine Fahrradtour“, sagt die Greetsielerin, die seit 2009 eine Ferienwohnung im Ort vermietet. Mit dem Tourismus habe sie überhaupt kein Problem. „Mir macht das nichts aus. Ich mag gerne Leute.“
Ihr fallen außerdem durchaus viele positive Veränderungen in Greetsiel auf, die sich ohne die Gäste wohl kaum entwickelt hätten. „Ich finde es schön, dass einem hier etwas geboten wird“, sagt sie. Vor nicht allzu langer Zeit haben zum Beispiel gleich zwei neue Cafés im Ortskern von Greetsiel eröffnet, das Café Lili und das Café und Bistro 1820. „Wenn hier was Neues aufmacht, dann gucken wir uns das gerne an“, so die Greetsielerin. Das Frühstück im Café Lili habe es ihr besonders angetan, sagt sie. Betrieben wird es von einer jungen Frau. „Ohne die Touristen hätten sich das die jungen Leute wahrscheinlich nicht zugetraut“, meint die Greetsielerin.
Wenn aus Gästen Freunde werden
Und je mehr Leute in das Dorf kämen, desto mehr kann allen geboten werden, ist sich die Greetsielerin sicher. So könne man im Sommer zum Beispiel direkt im Ort lecker Eis essen gehen. „Und in anderen Dörfern muss man überall hinfahren, um einzukaufen – hier kann man zu Fuß einkaufen“, merkt sie an. Außerdem lerne sie durch die Gäste regelmäßig nette neue Leute kennen, mit denen sie teilweise seit mehreren Jahren enge Freundschaften verbinde. „Wir haben mittlerweile so viele Stammgäste, die kommen mitunter zweimal im Jahr und dann gleich für mehrere Wochen“, sagt sie. Manchen gefalle es sogar gut, dass sie gleich ihren Wohnsitz nach Greetsiel verlegten. Ihre Nachbarn seien zum Beispiel Zugezogene. „Und das sind so nette Leute, denen muss man doch alle Chancen geben.“
Ein paar Ausnahmen gebe es natürlich immer. Unfreundliche Gäste habe man nicht nur in Greetsiel. Aber viel wichtiger sei die große Mehrheit der Urlauber, die auch mal stehen bleibe, um sich nett mit den Einheimischen zu unterhalten. In ihrem Alltag groß eingeschränkt fühlt sich die Greetsielerin durch die Touristen nicht. „Wir vermieten gerne, wir haben den Platz.“ Und wenn es ihnen mal nicht passen sollte, dass Urlauber vorbeikommen, dann böten sie ihre Ferienwohnung eben einfach nicht an. So wie in diesem Winter zum Beispiel. „Diesen Winter vermieten wir nicht, damit die Kinder Platz haben, wenn sie uns besuchen kommen“, so die Greetsielerin.
Als die „Auswärtigen“ noch Exoten waren
Aber die Vermietung ganz aufzugeben, das sei aktuell noch kein Thema bei ihr und ihrem Mann. Solange sie es gesundheitlich noch stemmen können, soll es mit der Ferienvermietung weitergehen. Und auch ihr Heimatdorf möchte die gebürtige Greetsielerin niemals verlassen. Das Haus, das sie mit ihrem Mann bewohnt und in welchem sich auch die Ferienwohnung befindet, bewohnt die Familie schon in dritter Generation. „Meine Großeltern haben dieses Haus in den Zwanzigerjahren erbaut“, sagt sie. „Das Haus verkaufen und in ein anderes Dorf ziehen? Nie und nimmer!“
Die Touristen seien das Beste, was dem Ort passieren konnte, findet auch Heinz Wagenaar. Der 70-Jährige ist Ur-Greetsieler. Seine Familiengeschichte ist schon seit jeher tief mit dem Tourismus im Ort verbunden. „In den Sechzigerjahren fing das an“, erinnert er sich. „Meine Eltern hatten ab und zu ein Zimmer vermietet.“ Damals sei er zum ersten Mal mit den Feriengästen in Berührung gekommen. „Wir sind als Kinder mit einem Stift und einem Block durch das Dorf gelaufen und haben uns die auswärtigen Nummernschilder aufgeschrieben“, so Wagenaar über die Anfänge des Tourismus damals. „Wer am Abend die meisten Kennzeichen notiert hatte, war der Gewinner.“
„Jetzt kommen die Gäste eigentlich das ganze Jahr über“
Lange betrieb er selbst zwei Ferienwohnungen. Und die waren fast immer gut ausgebucht. An Gästen mangelt es dem Fischerdorf nicht. Auch andere Familienmitglieder von Wagenaar haben Verbindungen zu der Tourismusbranche, reinigen zum Beispiel Ferienwohnungen. Mit den Feriengästen sei schon immer in irgendeiner Form Geld in die Familie gekommen, sagt er. Und irgendwie habe jeder im Ort etwas mit den Gästen zu tun. „Da hängen ja auch teilweise ganze Existenzen dran.“
Mit den großen Massen an Touristen habe er selbst nicht ganz so viel zu tun, erzählt der 70-Jährige. Er wohnt etwas außerhalb des Ortskerns. „Aber im Ortskern direkt wohnt ja auch kaum noch jemand“, wie er sagt. Dass es gerade in der Vergangenheit ziemlich voll wurde in Greetsiel, das sei aber auch an ihm nicht unbemerkt vorbeigezogen. „Vor Corona war der Dorfkern teilweise so proppenvoll, da ist keiner mehr durchgekommen“, erzählt der Greetsieler. Aber nun habe sich das Urlaubsverhalten bei vielen geändert, so Wagenaar. „Die Leute machen kürzere Urlaube“, sagt er. „Und sie informieren sich schon vor Urlaubsantritt über die verschiedenen Aktivitäten in und um Greetsiel.“ So verteile sich die Menschenmenge besser, auch auf die Außenbezirke oder nach Emden und andere Orte in der Umgebung.
Und auch die Reisezeiten hätten sich über die Jahre verändert: Früher war es gerade in den Sommerferien voll in Greetsiel, außerdem in den Herbstferien, zu Ostern und über Weihnachten, erinnert sich der 70-jährige. „Jetzt kommen die Gäste eigentlich das ganze Jahr über.“ Außerhalb der Ferien kämen eben jene Urlauber, die entweder keine schulpflichtigen Kinder haben oder die, die einfach diese Ruhe suchen. „Irgendwie sind immer Gäste da“, so Wagenaar. Aber die bräuchte die Gemeinde eben auch. „Wenn bei uns keine Feriengäste mehr wären, dann könnten wir hier in Greetsiel kein Brot kaufen.“ Damit spricht er darauf an, dass es ohne die Gäste ein so großes Einkaufsangebot in dem Fischerdorf sicher nicht gebe.