Weihnachten im Krieg  Wie Weihnachten in schweren Zeiten Hoffnung schenkte

| | 26.12.2024 08:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die 92-jährige Tini Docter aus Emden kann sich noch gut an die Weihnachtszeit während der Kriegsjahre erinnern. Fotos: Wagenaar
Die 92-jährige Tini Docter aus Emden kann sich noch gut an die Weihnachtszeit während der Kriegsjahre erinnern. Fotos: Wagenaar
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Wie war das eigentlich damals mit Weihnachten und dem Krieg? Wir haben mit vier Bewohnern im Wohnpark Concordia in Suurhusen über ihre Erinnerungen an die Weihnachtszeit gesprochen.

Hinte/Emden/Krummhörn - In der Weihnachtszeit, wenn Familien zusammenkommen und Traditionen gefeiert werden, erwachen in vielen Menschen Erinnerungen an vergangene Feste. Für Tini Docter aus Emden, Inge Hoogestraat aus Grimersum und das Ehepaar Helga und Berend van der Werff, ebenfalls aus Grimersum, sind diese Erinnerungen nicht nur ein Rückblick auf persönliche Erlebnisse, sondern auch ein Zeugnis der Zeitgeschichte.

Der Wohnpark Concordia in Hinte-Suurhusen. Viele Bewohner haben den Zweiten Weltkrieg als Kinder miterlebt.
Der Wohnpark Concordia in Hinte-Suurhusen. Viele Bewohner haben den Zweiten Weltkrieg als Kinder miterlebt.

Sie erlebten in jungen Jahren viele Weihnachtsfeste zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Wir haben mit ihnen über ihre schönsten Erinnerungen an die Weihnachtszeit gesprochen und über Traditionen, die trotz widriger Umstände gepflegt wurden.

Zu Weihnachten durfte sogar die feine Stube betreten werden

Wenn Tini Docter aus Emden an ihre schönsten Weihnachtserinnerungen aus der Kindheit denkt, muss sie weit in der Zeit zurückgehen. Sie ist 92 Jahre alt, geboren in Widdelswehr im Jahr 1932. Ihre Kindheit war geprägt von den turbulenten Kriegsjahren. „Mein Vater war im Krieg, ich bin mit meiner Oma und meiner Mutter groß geworden“, erzählt sie. Trotz der Umstände verbindet sie aber vor allem schöne Erinnerungen mit der Weihnachtszeit, auch in den Dreißiger- und Vierzigerjahren. Denn Weihnachten wurde im Hause der Docters auch während des Krieges immer gefeiert. Und das auf besonders festliche Art und Weise. „Bei uns zu Hause durfte ich als Kind eigentlich nie in die feine Stube, so wie das damals eben war“, so Docter. Aber zu Weihnachten hätten ihre Mutter und ihre Oma immer eine Ausnahme gemacht: „Dann durfte ich sogar mal in der Stube sitzen!“ Ein besonderer Moment für die heute 92-jährige.

Die Flugzeuge hörte Tini Docter während so manchem Weihnachtsfest im Krieg am Himmel über Emden brummen.
Die Flugzeuge hörte Tini Docter während so manchem Weihnachtsfest im Krieg am Himmel über Emden brummen.

Auch ihre schönste Weihnachtserinnerung fand in eben dieser Stube im elterlichen Heim statt. „Da muss ich fünf Jahre alt gewesen sein“, so Docter. „Ich kam in das Wohnzimmer rein und der Tannenbaum war so reich geschmückt, überall hingen wunderschöne Weihnachtskugeln.“ An Geschenke habe sie dann schon gar nicht mehr gedacht, so überrumpelt war sie von dem Anblick des festlichen Baumschmuckes, von den funkelnden Lichtern. „Das war das schönste Geschenk überhaupt für mich.“ Es sind genau solche Erinnerungen an die Weihnachtszeit, die auch nach mehr als 80 Jahren noch ganz starke Gefühle in Tini Docter hervorrufen. Das liege bestimmt auch daran, dass gerade in den Kindertagen vieles einfach noch viel magischer war, sagt sie. Besonders das Weihnachtsfest.

Das Brummen der Flugzeuge hörte man auch unter dem Weihnachtsbaum

Aber natürlich machte der Krieg auch zu Weihnachten keine Pause, das bekam die junge Tini Docter damals schon recht schnell mit. „Die Weihnachtszeit damals wurde vom Krieg überschattet“, so Docter. „Die Flugzeuge hörte man brummen zu Weihnachten. Aber wir Kinder haben weiter unter dem Weihnachtsbaum gespielt, so wie immer.“ Diese Normalität habe ihr in den schweren Kriegsjahren damals sehr geholfen. Aber dass die Kriegszeit alles andere als normal war, das zeigte auch das Weihnachtsprogramm zu NS-Zeiten in Emden. So besuchte Tini Docter gemeinsam mit anderen Kindern aus der Stadt pünktlich zum Weihnachtsfest die Baracke in Borssum, um vor den Soldaten der Wehrmacht Gedichte aufzusagen und Weihnachtslieder zu singen. Als Kind konnte sie den Krieg noch gar nicht richtig einordnen, sondern war einfach stolz, vor den uniformierten Männern auf der Bühne zu stehen und etwas vorsingen zu dürfen, so Docter.

Dieses Bild von Emden vor den Kriegsjahren hängt im Zimmer von Tini Docter. So hat auch sie die Seehafenstadt noch kennengelernt.
Dieses Bild von Emden vor den Kriegsjahren hängt im Zimmer von Tini Docter. So hat auch sie die Seehafenstadt noch kennengelernt.

Dass auch heute in vielen Teilen der Welt Kriege während der Weihnachtszeit ausgetragen werden, betrübt die Emderin. „Ich wünsche mir, dass da einer ist, der sagt: ‚Nun ist es vorbei, wir wollen Frieden.‘“, sagt sie. Tini Docter selbst feiert Weihnachten in diesem Jahr mit ihrem Sohn, der Schwiegertochter und der Enkelin in Widdelswehr – dem Ort, an dem sie im Jahr 1932 das Licht der Welt erblickte.

Auf der Flucht aus Schlesien – einen Weihnachtsbaum gab es immer

Erinnerungen an die Kindheit werden auch bei Inge Hoogestraat aus Grimersum während der Weihnachtszeit wach. Die 84-jährige, die nun ebenfalls im Wohnpark Concordia in Hinte wohnt, wurde in Schlesien geboren. „Aber von der Weihnachtszeit damals in Schlesien weiß ich nichts mehr“, sagt sie. Im Jahr 1947, als sie noch ein junges Mädchen war, verließ sie Schlesien und landete schließlich mit ihrer Mutter und Schwester in Grimersum. Dort wurde dann mit den wenigen Mitteln, die der Familie zur Verfügung standen, trotzdem immer Weihnachten gefeiert. „Viel hatten wir nicht, aber Mutter sagte, wir hatten immer einen Weihnachtsbaum“, erinnert sich Hoogestraat. Zu essen gab es meistens Kartoffelsalat und Würstchen, ein Klassiker. Als Hoogestraat dann acht Jahre alt war, machte sie ihre ältere Schwester erstmals zur Tante. Ab dann waren immer Kinder mit im Haus zu Weihnachten. Ab und zu klopfte sogar der Weihnachtsmann an der Tür. Das Weihnachtsfest war eine Familientradition.

Inge Hoogestraat hatte trotz begrenzter finanzieller Mittel als Kind immer ein schönes Weihnachtsfest.
Inge Hoogestraat hatte trotz begrenzter finanzieller Mittel als Kind immer ein schönes Weihnachtsfest.

Als Inge Hoogestraat im Jahr 1960 ihren späteren Mann kennenlernte, wurden viele Weihnachtsfeste bei ihm und seiner Familie gefeiert. Und als die Familie über die Jahre immer kleiner wurde, änderten sich auch die Feiertage im Hause Hoogestraat. „Als sowohl meine Mutter als auch meine Schwiegereltern verstorben sind, haben mein Mann und ich auch oft Weihnachten auf dem Friedhof verbracht, an den Gräbern unserer Eltern“, so Hoogestraat. Eigene Kinder hatten die beiden nicht. „Es sollte einfach nicht sein“, sagt sie. Allein ist sie zu Weihnachten aber auch nach dem Tod ihres Mannes nicht. In diesem Jahr feiert Inge Hoogestraat mit den anderen Bewohnern im festlich geschmückten Wohnpark in Suurhusen.

Viele der Bewohner feiern Weihnachten in den Räumen des Wohnparks Concordia in Suurhusen.
Viele der Bewohner feiern Weihnachten in den Räumen des Wohnparks Concordia in Suurhusen.
Die Eheleute van der Werff haben jahrelang Weihnachten in ihrem Haus in Grimersum gefeiert. In diesem Jahr wird zum ersten Mal in Hinte gefeiert.
Die Eheleute van der Werff haben jahrelang Weihnachten in ihrem Haus in Grimersum gefeiert. In diesem Jahr wird zum ersten Mal in Hinte gefeiert.

Ein Engelchen im weißen Gewand zu Weihnachten

Dort werden auch Helga und Berend van der Werff in diesem Jahr Weihnachten feiern. Die beiden 92-jährigen Eheleute, die sich mittlerweile über acht Enkel und sieben Urenkel freuen können, wohnen gemeinsam im Wohnpark. Mit Weihnachten verbinden sie nicht nur schöne Erinnerungen. Helga van der Werff wuchs als Kind in einem schlesischen Waisenhaus auf, ihre Eltern hat sie nie kennengelernt.

Helga van der Werff kam als junges Mädchen aus Niederschlesien nach Ostfriesland.
Helga van der Werff kam als junges Mädchen aus Niederschlesien nach Ostfriesland.

Doch als sie dann im Riesengebirge adoptiert wurde, wurden auch die Weihnachtsfeste mit ihrer neuen Familie zur Tradition. Ihre schönste Erinnerung an das Fest: „Ich habe als Kind zu Weihnachten immer Engelchen gespielt. Ich habe mich mit einem weißen Gewand verkleidet, hatte sogar ein kleines Krönchen auf.“

Die Eheleute van der Werff haben ihr gemeinsames Zimmer im Wohnpark weihnachtlich geschmückt.
Die Eheleute van der Werff haben ihr gemeinsames Zimmer im Wohnpark weihnachtlich geschmückt.

Ihr Mann Berend, ein gebürtiger Grimersumer, erinnert sich bei den Festlichkeiten mit seiner Frau vor allem an eines: das gute Essen. „Seit wir verheiratet sind, gibt es zu Weihnachten jedes Jahr Weißwurst mit Sauerkraut. Das Rezept hat meine Frau aus Schlesien mit nach Ostfriesland gebracht.“ In diesem Jahr werden die beiden das Weihnachtsfest zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht in ihrem Häuschen in Grimersum feiern. „Das Haus mussten wir leider verkaufen“, so Helga van der Werff. Ein schönes Fest wollen sich die beiden trotzdem machen, auch nach so vielen Jahren noch immer gemeinsam. Diesmal nur eben nicht in Grimersum, sondern im Wohnpark Concordia in Hinte.

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