Abenteuer Offshore So sieht der Arbeitsalltag mitten auf der Nordsee aus
Der Krummhörner Carsten Christians arbeitet auf Offshore-Plattformen mitten in der Nordsee. Helikopterflüge und stürmisches Wetter gehören genauso dazu wie gemeinsame Abende mit Kollegen.
Krummhörn/Emden - Anreise mit dem Helikopter, wohnen mit den Kollegen auf begrenztem Raum und arbeiten in schwindelerregender Höhe: Langweilig wird es bei der Arbeit auf einer Offshore-Plattform nicht, sagt Carsten Christians. Der 42-jährige Krummhörner arbeitet seit fünf Jahren bei dem großen Netzbetreiber Tennet, ist regelmäßig für das Unternehmen auf den Offshore-Plattformen in der Nordsee unterwegs. Uns hat er erzählt, was den Arbeitsalltag mitten im Meer so reizvoll macht.
Das ist vor allem die Abwechslung im Arbeitsalltag, so Christians. Der Pewsumer, der verheiratet ist und einen vierjährigen Sohn hat, weiß, dass er einen ziemlich besonderen Arbeitsalltag hat. Auch, wenn der Helikopterflug zur Plattform mittlerweile schon sowas wie Routine ist, wie er sagt. Langweilig werde die Arbeit auf der Plattform nicht. Christians ist als Servicetechniker für Mechanik auf den Plattformen tätig, dort ist er mit einer Mindestbesatzung von drei Mechaniker-Kollegen eingesetzt. Er und seine Kollegen sind unter anderem zuständig für die Wartung der Kühl- und Löschsysteme auf den Plattformen, auch die Instandhaltung der Klima- und Lüftungstechnik gehört zu den Aufgaben.
Vom Windrad zur Plattform: Ein Leben in schwindelerregender Höhe
Auch vor seiner Arbeit auf den Plattformen hatte er schon viel mit Energie und schwindelerregenden Höhen zu tun: Christians arbeitete in der Windkraft, bezeichnet sich selbst als höhensicher. Das muss man in diesem Beruf auch sein: Die neueste Konverterplattform von Tennet, die DolWin epsilon, die noch in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen soll, ist 84 Meter hoch und damit mehr als doppelt so hoch wie zum Beispiel das Emder Rathaus. Der besondere Arbeitsplatz hatte Christians schon länger gereizt. Er lernte in der Abendschule alles, was er brauchte, um sich bei Tennet als Servicetechniker zu bewerben. Das klappte auch. Seitdem ist er für das Unternehmen regelmäßig auf den Offshore-Plattformen DolWin 1 und 3 unterwegs. Ab Herbst 2025 soll dann auch die neue Konverterplattform DolWin epsilon dazukommen.
Sieben Tage arbeitet er in der Regel offshore, also auf der Plattform mitten in der Nordsee. Das sieht die Offshore-Arbeitszeitverordnung so vor. In Ausnahmefällen können es auch mal 14 Tage sein. Im Anschluss bekommt er dafür drei Tage frei – „eine Art Mini-Urlaub“, so der 42-jährige. Daneben arbeite er auch an Land, bei den Konverterstationen. Der Fokus liege aber ein bisschen mehr auf der Offshore-Arbeit, da sei mehr zu tun. Mindestens einmal pro Monat hat Christians einen solchen Offshore-Einsatz, im Sommer auch mal öfter, wenn bei gutem Wetter häufiger Wartungsarbeiten anstehen. Aber auch unbemannte Phasen gebe es manchmal auf den Plattformen. Damit dann trotzdem alles rund läuft und jemand im Notfall schnell vor Ort ist, gibt es einen Bereitschaftsdienst.
Auch Torte gibt es mitten in der Nordsee
Ein normaler Arbeitstag auf der Plattform beginnt für Christians um 6 Uhr. „Der erste Weg führt zum Frühstück“, sagt er. Um das Essen kümmere sich ein Catering-Team auf der Plattform. Beim Frühstück sei von Müsli bis Rührei alles dabei. „Und wenn jemand Geburtstag hat, dann backt der Koch auch schon einmal eine Torte“, sagt Christians. Die Lebensmittel und auch andere Güter kommen alle zwei Wochen mit einem Versorgungsschiff zur Plattform, in der Regel dienstags. Darauf fiebere man schon ein bisschen hin, sagt der Servicetechniker.
Um 7 Uhr beginnt dann der Arbeitstag, meist mit einem kurzen Meeting, an dem auch der Plattformleiter teilnimmt. In diesen Meetings werden dann gemeinsam die Themen und Aufgaben des Tages besprochen, besonders wenn am betreffenden Tag außergewöhnliche Ereignisse anstehen. Darunter fallen zum Beispiel Helikopterstarts und -landungen, Kranarbeiten oder schwierige Wetterverhältnisse. Denn wenn es ganz stürmisch draußen wird, was bei einer Plattform so weit draußen in der Nordsee immer mal wieder vorkommt, dann muss aus Sicherheitsgründen der Außenbereich der Plattform gesperrt werden.
Arbeit auf der Plattform: Jeder hat seine Rolle
Nach dem Meeting geht es dann meist weiter ins Büro. „Um eventuelle Störungsmeldungen zu überprüfen“, so Christians. Untereinander nennen sie das „wenn die Systeme Husten haben“. Einige Arbeiten nähmen ein bis zwei Stunden in Anspruch. Für umfangreichere Aufgaben könne man aber auch schon mal damit rechnen, einige Tage beschäftigt zu sein, so der Servicetechniker. Neben der Arbeit als Servicetechniker für Mechanik auf der Plattform hat Christians allerdings auch noch andere Aufgaben: „Jeder hat seine eigene Rolle.“ So gibt es unter anderem eine eigene kleine Feuerwehr, die von Mitarbeitern auf der Plattform gestellt wird und eingreifen kann, wenn es zu Bränden kommen sollte. Einmal im Jahr nähmen er und seine Kollegen darum auch an einem ausgiebigen Training zur Brandbekämpfung teil, so Christians.
„Die Flugabfertigung auf der Plattform machen wir als Servicegruppe auch selbst“, so der 42-jährige. Seine Lieblingsrolle sei aber die des Kranführers, so Christians. Das sei meistens die Aufgabe, die die Mechaniker übernähmen. Der Plattformkran wird beispielsweise dafür genutzt, die Güter des Versorgungsschiffes zu entladen. Die Mitarbeiter auf der Plattform stellen zudem auch einen Rettungsbootführer. „Der erste Rettungsweg ist der Helikopter“, so Christians. Doch falls eine Rettung auf diesem Wege nicht klappen sollte, sind die Plattformen mit sogenannten Freifallrettungsbooten ausgestattet. Der Name ist da tatsächlich Programm: „Das Freifallboot befindet sich an der Plattform auf einer Höhe von 23 Metern“, sagt Christians. Im Notfall stoße es sich dann von der Seite der Plattform ab und falle nach unten ins Wasser. „Man taucht dann auch wirklich kurz unter, das Boot ist dafür ausgestattet“, so der Servicetechniker.
Auf alle Extremsituationen vorbereitet
Um bestens auf solche Extremsituationen vorbereitet zu sein, trainieren Christians und seine Kollegen regelmäßig für den Ernstfall. Einmal pro Woche gibt es einen Drill und auf der Plattform wird ein Übungsszenario nachgestellt. „Dann wird zum Beispiel in einem unkritischen Raum eine Nebelmaschine hingestellt und in dem Raum wird eine Puppe versteckt, die gesucht werden muss.“ Auch noch extremere Übungen gehören zur Arbeit mitten in der Nordsee: Alle zwei Jahre wird das Überleben auf See trainiert. Dabei wird geübt, wie man sich aus einem Helikopter, der sich kopfüber unter Wasser befindet, befreit. Angeschnallt, wohlgemerkt. „Wir fliegen grundsätzlich immer mit einem Überlebensanzug“, sagt Christians. „Immer, auch bei 35 Grad.“ Der Anzug schützt im Ernstfall vor den kalten Meerestemperaturen. Aber letztendlich liege die Entscheidung, überhaupt den Flug zur Plattform anzutreten, sowieso bei den zuständigen Helikopterpiloten, so Christians: „Die Piloten haben immer das letzte Wort.“ Wenn es die Wetterbedingungen nicht zulassen, zur Plattform zu fliegen, dann wird auch nicht geflogen. Sicherheit sei sowieso das oberste Gebot bei der Arbeit auf einer Offshore-Plattform, so Christians.
Genauso wichtig für die Arbeit offshore seien aber auch die zwischenmenschlichen Beziehungen. Immerhin verbringt man mehrere Tage gemeinsam auf begrenztem Raum, isst und lebt gemeinsam. „Man muss gut ins Team passen“, so der Servicetechniker. „Wir sind ein eingeschworenes Team, fast wie eine Familie“, sagt der 42-jährige. „Man redet sich auch mal was von der Seele.“ Aber auch körperlich muss man fit sein, um die Arbeit auf See zu überstehen. Beim Betriebsarzt werden die Mitarbeitenden alle zwei Jahre gründlich durchgecheckt. „Da wird alles getestet“, so Christians. „Die Lungenfunktion, das Sehen, das Hören und, und, und.“
Trotz Entfernung: Zeit für Familie auf der Plattform
Christians‘ Arbeitstag auf der Offshore-Plattform endet meist um etwa 19 Uhr. Dann gibt es Abendessen. Zur Abendroutine gehört für ihn auch der Anruf bei der Familie zu Hause. „Dann kann ich dem Kleinen noch etwas von meinem Tag erzählen und er mir von seinem und ich kann ihm gute Nacht sagen“, so Christians. Seine kleine Familie habe sich mit diesem System mittlerweile gut arrangiert. Seine Frau habe sich an den Alltag allein mit dem Sohn in den „Offshore-Wochen“ gewöhnt. Und wenn er dann wieder nach Hause kommt und seine freien Tage mit der Familie verbringt, dann sei die gemeinsame Zeit auch noch mal qualitativer. Sein vierjähriger Sohn habe mittlerweile einen ganz eigenen Weg gefunden, mit der Papa-freien Zeit umzugehen. „Er hat einen Kalender, dort hat er mit einer Wäscheklammer den Tag markiert, an dem ich wiederkomme“, so Christians. Dann zähle er immer die Tage, bis sein Papa wieder zu Hause sei. „Auch meine Freunde finden cool, was ich mache, und fragen immer nach, wie es war auf der Plattform“, so Christians.
Die Freizeit nach getaner Arbeit gestalte jeder so, wie es ihm am besten gefalle. Einige Kollegen genießen die ruhige Zeit, ziehen sich zum Beispiel mit einem Buch in ihre Kabine zurück. Jeder Arbeiter hat eine eigene Kammer – auf der Plattform DolWin 1 gibt es 37 Schlafplätze. Andere nutzen den Fitnessraum oder unternehmen zusammen etwas. „Wir gucken gerne gemeinsam einen Film“, so Christians. Dann genehmige man sich auch mal eine Tüte Chips oder ein alkoholfreies Bier. Außerdem gibt es auf der Plattform eine Tischtennisplatte und einen Tischkicker. „Und wir haben sogar eine Playstation“, so der Krummhörner.
Energieumwandlung auf hoher See: Die Rolle der Konverterplattformen
Plattformen wie jene, auf denen Carsten Christians regelmäßig unterwegs ist, gibt es einige in der Nordsee. Es handelt sich dabei um sogenannte Konverterplattformen, die dafür zuständig sind, die von Windrädern in der Nordsee produzierte Energie für den Transport an Land umzuwandeln. Diese Windräder produzieren Drehstrom. Dieser wird direkt zur Konverterplattform geleitet. Dort wird er in Gleichstrom umgewandelt, um den Strom verlustarm an Land zu bringen. Im Fall der neuen Konverterplattform DolWin epsilon von Tennet hat das dafür nötige Seekabel, das durch die Nordsee führt, eine Länge von 100 Kilometern – in Hamswehrum in der Krummhörn trifft es auf Land. Von dort führt noch mal ein 30 Kilometer langes Landkabel zu der Konverterstation von Tennet in Emden/Ost.
„An Land wird der Strom dann wieder in Drehstrom umgewandelt, denn er kann als Gleichstrom nicht direkt in das deutsche Stromnetz eingespeist werden“, erklärt Cornelia Junge, die zuständig ist für die Projektkommunikation bei dem Unternehmen. Bei voller Auslastung kann die Plattform DolWin epsilon 900 Megawatt zur Konverterstation nach Emden liefern – genug, um über eine Million Haushalte mit Strom zu versorgen.