200 Jahre Leben  Die Blutbuche von Visquard gab es schon zu Napoleons Zeit

| | 09.05.2025 13:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Nestschaukel ist auch bei den Kindern im Dorf ein großer Hit. Foto: Carla Ludwigs
Die Nestschaukel ist auch bei den Kindern im Dorf ein großer Hit. Foto: Carla Ludwigs
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Schon seit 200 Jahren prägt die mächtige Blutbuche das Leben auf dem Stroman-Hof in Visquard. Trotz Krankheit hoffen die Besitzer, dass der Baum noch viele Generationen begleiten wird.

Visquard - Es braucht mehr als zwei Personen, um den Stamm der imposanten Blutbuche in Visquard mit den Armen zu umschließen. Fast genau fünf Meter misst der Umfang des Stamms an der schmalsten Stelle, sagt das Maßband. Und auch sonst ist der über 26 Meter hohe Baum mit den roten Blättern der Blickfang auf dem Hof von Diedrich-Jan Stroman und Hedda Oldewurtel. „In der Krone ist er sicher an die 30 Meter breit“, so Stroman.

Fünf Meter Umfang misst der Stamm an seiner dünnsten Stelle. Foto: Lotta Groenendaal
Fünf Meter Umfang misst der Stamm an seiner dünnsten Stelle. Foto: Lotta Groenendaal

Dass die Blutbuche so groß ist, liegt vor allem an ihrem hohen Alter. So wie andere Rotbuchen auch, können Blutbuchen über 200 Jahre alt werden. Die Zahl hat das Exemplar auf dem denkmalgeschützten Hof von Stroman und Oldewurtel bestimmt schon erreicht, schätzen die beiden. Seit 1855 befindet sich der Hof an seinem jetzigen Standort am Ortsrand von Visquard und seitdem steht auch die Blutbuche dort, weiß Stroman. Der Hof befindet sich schon seit vielen Generationen im Familienbesitz – wenn auch erst noch an anderer Stelle.

Hedda Oldewurtel, Diedrich-Jan Stroman und Hündin Mira vor der großen Blutbuche auf ihrem Hof. Foto: Lotta Groenendaal
Hedda Oldewurtel, Diedrich-Jan Stroman und Hündin Mira vor der großen Blutbuche auf ihrem Hof. Foto: Lotta Groenendaal

Die Buche stand schon zu Zeiten Napoleons in Visquard

Früher, als die Deiche noch nicht ausreichend hoch waren, um das Innenland vor Fluten zu schützen, befanden sich die landwirtschaftlichen Höfe auf der höhergelegenen Warft im Ort. Doch einhergehend mit der Modernisierung des Deichbaus war es in späteren Jahren möglich, mit den Höfen „umzuziehen“. Der Hof von Stromans Familie wurde darum 1855 am Ortsrand von Visquard wieder aufgebaut. Mit dem neuen Standort des Stroman-Hofes kam auch die Blutbuche.

Die rosa-rote Blätterpracht gab der Blutbuche ihren Namen. Foto: Lotta Groenendaal
Die rosa-rote Blätterpracht gab der Blutbuche ihren Namen. Foto: Lotta Groenendaal

Als sie damals eingepflanzt wurde, muss sie schon eine gewisse Größe gehabt haben. Ganz so schnell wachsen die Bäume nicht. Stroman geht davon aus, dass die Buche beim Einpflanzen in den 1850er Jahren sicher schon 20 bis 30 Jahre alt war. Der Baum könnte also schon längst still und heimlich seinen 200. Geburtstag gefeiert haben. Zur Einordnung: Mehrere Kriege hat der Baum schon miterlebt. „Napoleon war wohl gerade in seiner Verbannung auf St. Helena, als die Blutbuche gezogen wurde“, so Stroman.

Große Dimensionen: Diedrich-Jan Stroman und Hedda Oldewurtel passen kaum mit der ganzen Blutbuche auf das Foto. Foto: Lotta Groenendaal
Große Dimensionen: Diedrich-Jan Stroman und Hedda Oldewurtel passen kaum mit der ganzen Blutbuche auf das Foto. Foto: Lotta Groenendaal

Seit 30 Jahren kämpft der Baum gegen Pilzbefall

Mit dem hohen Alter gehen leider auch Altersbeschwerden einher, sagt Stroman. Die Blutbuche leidet an einer Pilzerkrankung und das schon seit mindestens 30 Jahren. Stroman zeigt auf einen weißen Fruchtkörper des Brandkrustenpilzes, der sich am Stamm der Buche gebildet hat. Einige der langen, schweren Äste sind aufgrund des Pilzbefalls mittlerweile abgestorben. Weitere werden wohl in der Zukunft hinzukommen. „Wir haben probiert, den Pilz zurückzudrängen“, so Stroman. Als Landwirt kenne er sich mit entsprechenden Mitteln aus, doch geholfen habe bisher nichts.

Ein Fruchtkörper des Brandkrustenpilzes. Durch den Pilzbefall sind bereits einige Äste der Blutbuche abgestorben. Foto: Lotta Groenendaal
Ein Fruchtkörper des Brandkrustenpilzes. Durch den Pilzbefall sind bereits einige Äste der Blutbuche abgestorben. Foto: Lotta Groenendaal

„Wir hoffen, dass der Baum noch zehn Jahre steht“, so Stroman. „Nein, länger“, wirft Oldewurtel ein. Eine ganze Generation soll den imposanten Baum noch erleben können, hofft sie. Immerhin habe der Baum mit seinem geschätzten Alter von 200 Jahren schon etwa sechs Generationen begleitet, rechnet Oldewurtel zurück. „Jedes Jahr hoffen wir, dass der Baum noch einmal austreibt“, so Stroman. Ende April gehe dann schon immer die Vorfreude los: „Jetzt geht es los, jetzt kommen die Knospen!“

Der denkmalgeschützte Stroman-Hof in Visquard wurde im Jahr 1855 erbaut. Darauf weist auch ein Schild an der Fassade hin. Foto: Lotta Groenendaal
Der denkmalgeschützte Stroman-Hof in Visquard wurde im Jahr 1855 erbaut. Darauf weist auch ein Schild an der Fassade hin. Foto: Lotta Groenendaal

Der Hof wird von Wurzeln des Baumes getragen

Und nach den Knospen kommen die Blätter: „Ich lade Sie gerne im Herbst noch einmal zum Laubfegen ein“, sagt Stroman mit einem Lachen. Das gehe bei dem Blätterreichtum der Blutbuche nämlich nur in zwei Etappen. Aber auch die Arbeit gehöre eben dazu, wenn man so einen schönen Baum im Garten habe, so Oldewurtel. Der schöne Baum hat außerdem gewaltige Wurzeln. Bei Bauarbeiten vor einigen Jahren an der anderen Seite des Hofes seien sie im Boden auf die langen Wurzeln der Blutbuche gestoßen – einmal unter dem gesamten Hofgebäude entlang. „Wir sind auf dem Hof sozusagen getragen von den Wurzeln dieses Baumes“, so Oldewurtel.

Etwa 26 Meter ist die Buche hoch, schätzt Diedrich-Jan Stroman. Foto: Lotta Groenendaal
Etwa 26 Meter ist die Buche hoch, schätzt Diedrich-Jan Stroman. Foto: Lotta Groenendaal

Dass der Baum trotz Krankheit heute immer noch steht, sei vor allem den Ahnen zu verdanken, sagt Stroman. Der Baum wurde schon lange von sämtlichen Familienmitgliedern gehegt und gepflegt. „Mein Vater hat immer zu mir gesagt: ‚Jong, wenn es mal brennt, dann alles Wasser auf den Baum‘“, so Stroman. Außerdem wurden in der Vergangenheit andere Bäume in der Nähe der Blutbuche gefällt, damit diese sich zu ihrer vollen Größe ausbreiten konnte. „Das muss in den Siebzigerjahren gewesen sein“, erinnert sich Stroman, der damals noch ein Kind war.

Besonders das Spiel zwischen Licht und Blättern ist beeindruckend, findet Hedda Oldewurtel. Foto: Carla Ludwigs
Besonders das Spiel zwischen Licht und Blättern ist beeindruckend, findet Hedda Oldewurtel. Foto: Carla Ludwigs

Ein Spielplatz für Generationen von Visquardern

Über die Jahre müssen schon viele Kinder auf die Blutbuche geklettert sein, vermutet er. Früher haben die Kinder der beiden gerne in der Nestschaukel unter der großen Baumkrone gespielt. „Und heute kommen immer noch Kinder aus dem Dorf vorbei, um zu schaukeln“, so Stroman. Doch nicht nur als Spielplatz für die Kinder aus dem Dorf dient die riesige Blutbuche.

Jüngst hatte es sich dort auch eine Stockente samt Nachwuchs bequem gemacht. „Sie brütete schon immer in den Bäumen, zuvor in der Linde“, so Oldewurtel. Doch dann habe sie gesehen, wie ein Entenküken nach dem anderen aus etwa drei Metern Höhe von einem Plateau in einer Spaltung des Stammes hüpfte. Dort hatte Stromans Vater einst eine morsche hohle Stelle im Stamm mit Beton aufgegossen. So wurde der Wasserablauf aus dem Stamm gewährt, um weitere morsche Stellen zu vermeiden. „Falls die Buche eines Tages einer Säge zum Opfer fallen sollte, dann werden die sich wundern“, so Stroman mit einem Lachen. Doch das passiere hoffentlich nicht so bald. Noch wollen sich Stroman, Oldewurtel und hoffentlich auch noch mindestens eine weitere Generation lange an der 200 Jahre alten Blutbuche erfreuen.

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