Offshore-Windenergie  Vor Borkum startete vor 15 Jahren die Erfolgsgeschichte

| | 21.06.2025 09:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Windpark Alpha Ventus liegt in der Deutschen Bucht rund 45 Kilometer vor der Insel Borkum und wird von einem Konsortium aus EWE, RWE und Vattenfall (DOTI) betrieben. Foto: DOTI
Der Windpark Alpha Ventus liegt in der Deutschen Bucht rund 45 Kilometer vor der Insel Borkum und wird von einem Konsortium aus EWE, RWE und Vattenfall (DOTI) betrieben. Foto: DOTI
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Die 12 Windräder im Park „Alpha Ventus“ gingen 2010 als erster deutscher Offshore-Windpark in Betrieb. Heute drehen sich auf deutschen Meeren 1541 Windkraftanlagen in 27 Windparks.

Borkum/Nordsee - Er war der erste deutsche Offshore-Windpark, der in der Nordsee gebaut wurde - und er wird der erste deutsche Offshore-Windpark sein, der in einigen Jahren abgerissen wird: Seit 15 Jahren drehen sich 45 Kilometer nördlich von Borkum die zwölf Windkraftanlagen des Windparks „Alpha Ventus“. Schon sein Name weist darauf hin: Alpha ist der erste Buchstabe des griechischen Alphabets und steht für Anfang, ventus ist die lateinischen Bezeichnung für „Wind“. Geplant als „Testfeld Borkum West“ wurde der Park zum Pionierprojekt der Energieversorger EWE, EON und Vattenfall, das 2010 den Startschuss für den Ausbau der Offshore-Windenergie in der Deutschen Bucht gab.

Start vor 15 Jahren mit zwölf Windrädern vor Borkum

15 Jahre später drehen sich in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) jenseits der 12 Seemeilen-Grenze 1541 Windkraftanlagen in 27 Windparks und produzieren aktuell 8,6 Gigawatt Strom. Damit können mehr als 8 Millionen Haushalte mit Strom versorgt werden, berichtet das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in einer Mitteilung zum Tag der Windenergie. Bis Ende des Jahres 2025 werden es voraussichtlich 10,4 Gigawatt sein.

Die deutsche Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) der Nordsee mit ihren Offshore-Windparks. Die unterbrochene Linie markiert die 12-Meilen-Grenze. Grafik: BSH
Die deutsche Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) der Nordsee mit ihren Offshore-Windparks. Die unterbrochene Linie markiert die 12-Meilen-Grenze. Grafik: BSH

Das BSH, die maritime Behörde Deutschlands mit Hauptsitz in Hamburg, ist seit 1997 Genehmigungsbehörde für Windparks auf See: Dort geschehen die Prüfung, Zulassung und Überwachung von Windenergieanlagen und Netzanbindungen in der deutschen AWZ. Grundlage für alle deutschen Offshore-Aktivitäten ist der Raumordnungsplan, den das BSH erstmals 2009 veröffentlicht hat. Der Plan regelt verbindlich, wo Windparks errichtet werden dürfen, abgestimmt mit Schifffahrt, Fischerei, Naturschutz und militärischer Nutzung. Damit gewährleiste das BSH Planungssicherheit für Investoren und schafft zugleich einen transparenten Ausgleich unterschiedlicher Interessen auf See, heißt es in der Mitteilung. Der Raumordnungsplan wurde zuletzt 2021 überarbeitet und sichert seitdem auch die ausgeweiteten Ausbauziele für die Offshore-Windenergie ab.

Deutschland weltweit auf Platz 3

Deutschland liegt laut BSH bei der installierten Leistung von Offshore-Windenergie mit 10,5 Gigawatt (GW) zum Jahresende im weltweiten Vergleich auf Platz drei – direkt hinter China und Großbritannien. In den 44 Offshore-Windparks Großbritanniens drehen sich derzeit rund 2800 Windkraftanlagen und produzieren gut 14,8 GW Strom. Die Volksrepublik China produziert in ihren Windparks auf See fast 420 GW. Die Niederlande folgen mit großem Abstand auf Platz 4 mit gut 4,7 GW Offshore-Windstrom. Einen Überblick über den weltweiten Ausbaustand der Offshore-Windenergie samt Planflächen und Suchfeldern gibt die Internetseite.

BSH-Präsident Helge Heegewaldt schreibt die „deutsche Erfolgsgeschichte bei Windenergie auf See maßgeblich den mutigen Unternehmerinnen und Unternehmern, der hervorragenden Ingenieurskunst und dem engagierten Einsatz unserer BSH-Beschäftigten“ zu. Und er wird weiter zitiert: „Jeder Antrag durchläuft ein sorgfältiges Verfahren – mit Umweltverträglichkeitsprüfung, öffentlicher Beteiligung und technischer Sicherheitsbewertung. Damit sind wir in Deutschland besonders naturverträglich, dennoch aber sehr schnell.“

Mit den 12 Windkraftanlagen im Windpark Alpha Ventus begann 2010 der deutsche Ausbau der Offshore-Windkraft auf See. Foto: DOTI
Mit den 12 Windkraftanlagen im Windpark Alpha Ventus begann 2010 der deutsche Ausbau der Offshore-Windkraft auf See. Foto: DOTI

Standards sollen Naturverträglichkeit sicherstellen

Als besonderes Beispiel für die Naturverträglichkeit beim Ausbau nennt das BSH den Unterwasserschallschutz: Für die Meeresbewohner bedeutet der Ausbau der Offshore-Windenergie vor allem jede Menge Baulärm und Vibrationen. Schweinswale und Robben sowie Fische wie Kabeljau/Dorsch und Hering nutzen Schall, um sich zu orientieren. Zum Schutz der Tiere ist deshalb seit 2008 beim Bau von Offshore-Anlagen bis zum Abstand von 750 Metern zur Baustelle ein Schallpegel von maximal 160 Dezibel einzuhalten. Zum Vergleich: Fürs menschliche Ohr sind bereits etwa 120 Dezibel schmerzhaft laut und unerträglich. Der Schallgrenzwert sei auch international richtungsweisend, so das BSH. Auch die Reduktion anderer Emissionen spiele eine zentrale Rolle – so muss etwa der Korrosionsschutz möglichst schadstofffrei und emissionsarm sein.

Nächstes Ziel: über 40 Gigawatt bis 2035

Der Ausbau der Offshore-Windenergie geht nun zügig weiter: Binnen zehn Jahren sollen Windparks auf See mindestens 40 GW Strom produzieren - bereits heute steht fest, dass dieses Ausbauziel bereits ein Jahr früher erfüllt sein wird. Bis 2045 sollen dann mindestens 70 GW Energie auf See produziert werden.

Das funktioniert Dank der Technologieentwicklung der Offshore-Windräder: Die 2010 im Windpark „Alpha Ventus“ in Betrieb gegangenen Prototypen haben eine Nennleistung von 5 ⁠Megawatt und einen Rotordurchmesser von 126 Metern. 15 Jahre später stehen die ersten 15-MW-Windenergieanlagen mit Rotordurchmessern von mehr als 200 Metern in Deutschlands Meeren vor dem Bau. Laut Umweltbundesamt haben ihre Rotorblätter „die Länge eines Fußballfelds, und sie erzeugen in weniger als 30 Minuten so viel Energie, wie ein modernes Einfamilienhaus in einem ganzen Jahr verbraucht“. Für die 2030er Jahre prognostizieren Experten eine Weiterentwicklung zu noch leistungsstärkeren Windenergieanlagen mit einer Kapazität von über 20 MW.

Für verlustarme Übertragung des Offshore-Stroms

Damit der Offshore-Strom über viele hundert Kilometer von See zum Festland und weit ins Landesinnere hinein möglichst verlustarm transportiert werden kann, entstehen immer mehr Konverterplattformen auf hoher See: Die technischen Großanlagen wandeln den Wechselstrom der Windenergieanlagen in Gleichstrom um. Aktuell sind neun Konverterplattformen in Betrieb, drei weitere sind in Bau. Auch dafür ist das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie Genehmigungsbehörde und es gelten hohe Sicherheits- und Umweltvorgaben.

Die Leistung von Offshore-Windparks wäre außerdem ohne eine Vielzahl von unterseeischen Stromtrassen zwecklos: Allein in der deutschen AWZ wurden laut BSH bislang über 2729 Kilometer Hochspannungsseekabel geplant, wovon knapp 70 Prozent verlegt sind. Das BSH koordiniert die Planung der Kabeltrassen, achtet auf umweltverträgliche Verlegeverfahren und darauf, dass es nicht zu Nutzungskonflikten kommt, etwa mit Schifffahrtsrouten oder ökologisch sensiblen Bereichen.

Und Alpha Ventus?

Der erste deutsche Offshore-Windpark „Alpha Ventus“ bleibt Pionier: Die Nutzung der Seefläche läuft 2035 aus, deshalb stellten die Windpark-Betreiber Ende 2024 erste Pläne zum umweltverträglichen Rückbau der zwölf Windkraftanlagen und des Umspannwerks vor. Auch daran arbeitet das BSH mit. Das Konzept soll neben dem Schutz der Meeresumwelt auch dem Recycling der Komponenten hohe Priorität einräumen. „Wir stehen mit unseren Überlegungen zum Rückbau noch ganz am Anfang“, wird Eric Richter, Geschäftsführer der Alpha Ventus Betriebsgesellschaft DOTI, in einer Mitteilung zitiert. Und weiter: „So wie wir die ersten waren, die einen Offshore-Windpark in deutschen Gewässern gebaut haben, sind wir nun die ersten, die auch Erfahrungen beim Rückbau sammeln. Es ist völlig normal, solche Arbeiten frühzeitig zu planen – auch, weil die dafür benötigten Spezialschiffe und Hafenkapazitäten lange im Voraus gebucht werden müssen“, so Richter.

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