Dorfgeschichte digital erleben  Auf historischen Spuren in Suurhusen

| | 26.06.2025 15:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Auch in einem so kleinen Ort wie Suurhusen kann man noch einige unbekannte Ecken entdecken. Dabei hilft ein neuer Rundgang, der unter anderen an vielen Gulfhöfen entlangführt. Fotos: Lotta Groenendaal
Auch in einem so kleinen Ort wie Suurhusen kann man noch einige unbekannte Ecken entdecken. Dabei hilft ein neuer Rundgang, der unter anderen an vielen Gulfhöfen entlangführt. Fotos: Lotta Groenendaal
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Ein neuer digitaler Rundweg in Suurhusen beleuchtet historische Besonderheiten des Ortes. Welche Geschichten verbergen sich hinter den alten Mauern? Wir haben uns auf Spurensuche begeben.

Suurhusen - Es weht ein leichter Wind, die Glocke des schiefen Kirchturms schlägt einmal. Ansonsten ist es aber ruhig. Eine ältere Dame läuft über den Friedhof, gießt die Blumen. Ein Ehepaar macht Halt auf seiner Fahrradtour, schaut begeistert hoch zum Turm der Suurhuser Kirche. Hier, direkt am schiefen Turm, der auch über die Grenzen Ostfrieslands hinaus bekannt ist, beginnt ein neuer Rundweg durch den Ort. Das Ziel? Besuchern, aber auch Einheimischen die Geschichte des kleinen ostfriesischen Dorfes näher bringen – und zwar vor Ort. Geschichte zum Anfassen, sozusagen.

Die Kirche ist das älteste noch erhaltene Gebäude im Ort.
Die Kirche ist das älteste noch erhaltene Gebäude im Ort.

Suurhusen ist keine Metropole, in etwa 20 Minuten kann man die elf Stationen auf dem rund einen Kilometer langen Rundweg ablaufen. Aber wenn man sich ein bisschen mehr Zeit nimmt, kann man auf dem Weg noch einiges entdecken, was vielleicht auch für den ein oder anderen Ostfriesen neu sein dürfte.

Schon im Mittelalter: Suurhusens enge Verbindung zu Süddeutschland

Los geht es an der Kirche (1), dem ältesten noch erhaltenen Gebäude im Ort. Ein erster Kirchenbau stand an dieser Stelle schon um das Jahr 1000, im 13. Jahrhundert wurde die Kirche umgebaut. Am markantesten ist natürlich der schiefe Kirchturm, der im 15. Jahrhundert errichtet wurde. Damals war er noch nicht schief. Aber da der Boden, auf dem der Turm errichtet wurde, nicht verdichtet wurde, ließ er mit der Zeit nach und der Turm wurde immer schiefer. Weil durch die Entwässerung der umliegenden Ländereien der Grundwasserspiegel weiter absackte, verrotteten außerdem die Eichenstämme im Fundament des Turmes. Jetzt hat er einen Überhang von 2,47 Metern.

Schief, schiefer, Suurhusen: Der schiefe Kirchturm ist über die Grenzen Ostfrieslands hinaus bekannt.
Schief, schiefer, Suurhusen: Der schiefe Kirchturm ist über die Grenzen Ostfrieslands hinaus bekannt.

Begleitet wird der Rundgang mit dem Smartphone. Dort steht zum einen, wo man genau entlanglaufen muss. Aber zu jeder Station gibt es auch aufbereitete Informationen zu der Entstehungsgeschichte, kuriose Fakten zum Objekt oder einen kleinen Einblick in vergangene Zeiten. Manchmal lernt man sogar noch etwas Neues dazu: So wurden in der Kirche Grabplatten und ein Sarkophag aus Bundsandstein aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Dieser Sandstein wurde im Spessart, also in der Nähe von Frankfurt am Main gebrochen. Das heißt, dass diese Steine bereits im 12. Jahrhundert den weiten Weg aus der Nähe von Frankfurt bis hoch an die Küste hinter sich gelegt haben müssen. Und das ohne Auto, Flugzeug, Zug und Co. Es bestanden also auch damals schon intensive Handelsbeziehungen zwischen Orten, die sehr weit voneinander entfernt lagen.

Arbeit statt Schule: Kinder wurden auf den Feldern gebraucht

Weiter geht es direkt gegenüber von der Kirche, bei einem alten Landarbeiterhaus (2). Die Fassade bröckelt schon ziemlich, auch der Vorgarten ist überwachsen. In diesem verlassen aussehenden Haus haben früher einige der ärmsten Einwohner von Suurhusen gewohnt. Landarbeiter besaßen kein eigenes Land, sondern arbeiteten auf den Höfen der Bauern. Dafür wurden sie nicht gerade üppig bezahlt, einige von ihnen wurden sogar noch bis vor 200 Jahren in Naturalien anstelle von Geld bezahlt. Sie lebten darum oft in sehr kleinen Häusern (7), oftmals schliefen alle Bewohner in einem Raum. Dieser Bevölkerungsgruppe, die in Ostfriesland weit verbreitet war, hat man in Suurhusen ein eigenes Museum gewidmet (5).

Das Landarbeitermuseum in Suurhusen zeigt die Wohnverhältnisse von Landarbeiterfamilien in Ostfriesland vor etwa 100 Jahren.
Das Landarbeitermuseum in Suurhusen zeigt die Wohnverhältnisse von Landarbeiterfamilien in Ostfriesland vor etwa 100 Jahren.

Um dort hinzukommen, läuft man durch die Gasse Smal Joed (3). Die hat aber nichts mit dem Judentum zu tun, was man bei dem Namen vielleicht vermuten könnte. Stattdessen gehen Historiker davon aus, dass sich die Bezeichnung vom Plattdeutschen „Jid“ ableitet, was Gasse bedeutet. In dieser kleinen Gasse befindet sich auch die alte Schule von Suurhusen (4). Wie in vielen alten Dorfschulen, lernten hier noch Kinder aus verschiedensten Altersklassen zusammen. Kinder aus reichem Hause bekamen dabei meist eine bessere Schulbildung. Kinder von Landarbeitern hingegen wurden auf den Feldern gebraucht und konnten nicht regelmäßig den Unterricht besuchen.

Die alte Schule: Hier wurden Kinder allen Alters zusammen unterrichtet.
Die alte Schule: Hier wurden Kinder allen Alters zusammen unterrichtet.

Schietwetter: Landwirte hatten es in Ostfriesland noch nie leicht

Auch heute stehen in Suurhusen noch einige Gulfhäuser (6,11), in denen die Bauern lebten. Nicht alle von ihnen waren wohlhabend: Das Wetter an der Nordsee war auch vor einigen Jahrhunderten schon von Kälte und Nässe geprägt, Missernten waren keine Seltenheit. Ganz früher war aufgrund des hohen Grundwasserspiegels an Ackerbau noch gar nicht zu denken, da stand noch die Viehzucht im Vordergrund. Erst als die Deiche immer besser wurden und mehr Land trockengelegt werden konnte, war ab dem 17. Jahrhundert auch Ackerbau in und um Suurhusen möglich.

In Suurhusen gibt es noch viele alte Gulfhöfe.
In Suurhusen gibt es noch viele alte Gulfhöfe.

Zwischen den Gulfhäusern schlängelt sich der Pfad auch noch an einigen verwunschenen Grundstücken vorbei. Auf einem von ihnen stehen kleine Ponys und grasen. Daneben eine grüne Oase: Ein überwachsener Garten direkt am Schloot. Der gehört zwar nicht offiziell zum Entdeckerpfad, aber auch solche versteckten Ecken machen den besonderen Charme von Suurhusen aus.

Von Suurhusen in die Welt

Suurhusen heißt übrigens so, um es von Osterhusen und Westerhusen abzugrenzen. Einst war der Ort selbstständig, seit 1972 ist Suurhusen Teil der Gemeinde Hinte. Im Mittelalter bestand der Ort aus drei größeren Warfen, die die Bewohner bei Hochwasser vor den Fluten schützten. Deren Lage wird etwa rund um den Bereich Lange Straße, Suurhuser Warf und Teestraße vermutet. Über diese Straße, die damals noch keine Straße war, transportierten Dorfschiffer jahrhundertelang Waren vom Emder Hafen in die Krummhörn und umzu, darunter auch Tee (8). Die Warften mussten immer wieder erhöht werden, denn auch der Meeresspiegel erhöhte sich. Eine solche Erhöhung sieht man zum Beispiel noch in der Straße Zwischen den Warfen (10).

Kleine Anhöhen wie diese zeigen, wo die ursprünglichen Dorfwarften lagen. Diese waren lebenswichtig, um die Bewohner vor dem steigenden Meeresspiegel zu schützen.
Kleine Anhöhen wie diese zeigen, wo die ursprünglichen Dorfwarften lagen. Diese waren lebenswichtig, um die Bewohner vor dem steigenden Meeresspiegel zu schützen.
Kein Teil des Entdeckerpfades, aber trotzdem sehenswert: Auf dem Spaziergang kommt man auch an einigen verwunschenen Gärten vorbei.
Kein Teil des Entdeckerpfades, aber trotzdem sehenswert: Auf dem Spaziergang kommt man auch an einigen verwunschenen Gärten vorbei.

Entwickelt wurde der Rundgang von den „Entdeckerprofis“ Dr. Carolin Huppertz und Tanja Huppertz, die den Pfad durch Suurhusen erstmals am 12. Juni 2025 vorstellten. Sie entwerfen solche geführten Rundgänge, die man selbst mit dem Smartphone ablaufen kann, für ganz Deutschland. Auch für den Nachbarort Loppersum haben sich die beiden einen Rundgang überlegt. In der nahen Umgebung gibt es außerdem zwei Rundgänge durch Emden und weitere durch Rysum, Norden und Aurich. Eine Übersicht aller Rundgänge gibt es auf der Webseite www.stadt-land-erleben.de.

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