Geflüchtete im Kreis Leer Ein Jahr Bezahlkarte – wie sind die Erfahrungen?
Vor knapp einem Jahr wurde die Bezahlkarte für Geflüchtete in Niedersachsen eingeführt. Wir wollten wissen, ob sie sich bewährt hat. Landkreis Leer und Migrationsberater sind verschiedener Meinung.
Leer - An die Bezahlkarte für Geflüchtete wurden viele Hoffnungen geknüpft. Sie sollte die Verwaltung entlasten, für die Benutzer diskriminierungsfrei sein und nicht zuletzt den Transfer von Bargeld ins Ausland erschweren. Was davon ist eingetroffen? Wir haben den Landkreis Leer und Migrationsberater Serhat Özdemir nach ihren Erfahrungen gefragt. Sie kommen zu ganz unterschiedlichen Aussagen.
Vor knapp einem Jahr wurde die Bezahlkarte für Geflüchtete in Niedersachsen eingeführt, ab April 2025 wurde sie im Landkreis Leer erstmals ausgegeben. „Es wurden bisher 489 Bezahlkarten ausgegeben“, teilt Landkreissprecher Philipp Koenen auf Anfrage mit. Stichtag für diese Zahl ist der 18. August. Die Karte sieht aus wie eine normale Kreditkarte und funktioniert auch ähnlich. Es handelt sich um eine Debitkarte, mit dem Unterschied, dass höchstens 50 Euro Bargeld damit abgehoben werden können.
Landkreis Leer sieht Bezahlkarte positiv
Allerdings ist für die Karte kein Konto bei einem Kreditinstitut hinterlegt. Das Guthaben wird jeweils von den Sozialämtern der Kommunen aufgeladen. Aus Sicht der Behörden ist damit eine Arbeitserleichterung eingetreten, weil die monatliche Auszahlung von Bargeld entfalle, so der Landkreis Leer. Die Erfahrungen mit der Bezahlkarte werden dort mit „eher positiv“ eingeschätzt: „Die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter in den Kommunen berichten, dass sie mit der vom Land Niedersachsen bereitgestellten Software zufrieden sind; sie heben vor allem die einfache Bedienung und hohe Nutzerfreundlichkeit hervor“, teilt Koenen mit.
Auf der Nutzerseite fällt das Urteil anders aus. Zumindest kommen immer wieder Geflüchtete zu Migrationsberater Serhat Özdemir ins Haus der Kulturen in Leer, weil sie Probleme mit der Bezahlkarte haben. „Oft kommen sie mit der Technik nicht zurecht“, berichtet Özdemir. Es werde von den Ämtern zwar eine Einleitung in der Landessprache der Menschen mit der Karte ausgehändigt, aber nicht jeder verstehe diese. Informationen zum Guthaben oder eine Übersicht über die Abbuchungen sind über eine App möglich. Das stelle ebenfalls einige Geflüchtete vor Probleme.
Geflüchtete haben zum Teil Probleme
„Da musste ich mich auch erst reinfuchsen“, sagt Özdemir. Die Mitarbeiter bei den Behörden seien zwar willens zu helfen, es stehe dem aber häufig der Datenschutz im Weg. Um die Daten einsehen zu können, brauche man die PIN oder ein Passwort, das die Betroffenen nicht herausgeben dürfen. Ein Betroffener, der zur Beratung ins Haus der Kulturen kam, kam nach einer fehlerhaften Eingabe nicht mehr an seine Daten und konnte mit der Karte nicht mehr zahlen. „Er hatte Familie und konnte nicht einkaufen – ohne Bargeld geht in dem Fall nichts mehr“, so Özdemir.
Während der Landkreis Leer zu dem Fazit kommt, dass der Verwaltungsaufwand in den Sozialämtern durch die Einführung der Bezahlkarte reduziert wurde und die „Leistungserbringung“ nahezu reibungslos verlaufe, stellt sich das für den Migrationsberater etwas anders dar. Eine Schulung dazu habe es nicht gegeben, so Özdemir, und die Betreiberfirma habe keine Ansprechpartner vor Ort. „Das geht nur über das Internet“, sagt er. Tritt ein Problem auf, dann lasse sich das nicht in fünf Minuten klären, eher dauere es eine halbe Stunde.