Bohrung vor Borkum EWE-Chef verteidigt umstrittenes Gasprojekt
Das Förderprojekt von One-Dyas vor Borkum ist umstritten. EWE-Chef Stefan Dohler erklärte jetzt in Leer, warum das Gas besser ist als US-Importe.
Leer - Umweltschützer und Insulaner kämpfen gegen die Erdgasförderung in der Nordsee vor Borkum. Im Bundesrat fanden die Landesregierungen in der vergangenen Woche keine Einigung, wie sie zu der Bohrung des Unternehmens One-Dyas am Rand des Nationalparks Wattenmeer Stellung nehmen sollen – selbst die niedersächsische Landesregierung ist darüber uneins. Die Bohrung ist umstritten – doch der Vorstandsvorsitzende des Energieversorgers EWE, Stefan Dohler, hat dazu eine klare Meinung.
Für ihn ist das Erdgas aus der Nordsee eine bessere Alternative zu Importen aus Norwegen oder den USA – erst recht aus Russland. Warum er so denkt, erklärte der Manager vor wenigen Tagen vor Kreistagsmitgliedern in Leer. Der Ausschuss für Kreisentwicklung, Umwelt, Natur, Verkehr und Klima hatte den EWE-Chef eingeladen, um ihn zu verschiedenen Aspekten zu befragen. Dabei ging es unter anderem um die Entscheidung, das von One-Dyas geförderte Gas zu kaufen.
Abhängigkeit von Importen bleibt
Dass die Bundesrepublik Deutschland weiter Erdgas benötigt, steht für Dohler außer Frage. Nach wie vor werde jährlich Erdgas für 80 Milliarden Euro importiert. Das entspricht nach seinen Angaben einem Gasverbrauch von 750 Terawattstunden. „Es gibt keine schnelle Lösung“, sagt er auf die Frage nach einem Ausstieg aus der Verbrennung von fossilen Brennstoffen wie Erdgas. Das politische Ziel sehe einen Ausstieg bis zum Jahr 2045 vor. Gerade erst setze die EWE den Umstieg von L-Gas (mit niedrigem Brennwert) auf H-Gas (mit hohem Brennwert) um.
Dazu müssen tausende Heizungsanlagen im Nordwesten umgestellt werden. „Wir sehen, wie lange das schon dauert“, so Dohler. Deshalb werde weiterhin die Mehrheit der Haushalte mit Gas heizen. Dabei sei man bisher vollständig abhängig von Importen. Die EWE hat bereits einen Vorvertrag mit One-Dyas abgeschlossen, um von dort Erdgas aus der Bohrung vor Borkum zu beziehen, wenn diese aus Vorkommen fördert, die im Hoheitsgebiet Deutschlands liegen. Bisher fördert One-Dyas ausschließlich auf niederländischer Seite.
Klimabilanz von LNG-Importen
Die Importe von Erdgas kommen nach Dohlers Angaben aus Norwegen, aber ein großer Teil sei LNG aus den USA. Dieses wird mit Fracking gefördert – ein Verfahren, das in Deutschland seit 2017 bis auf wenige Ausnahmen verboten ist. Es gilt wegen der Verwendung von Chemikalien im Untergrund als umweltschädlich, mit denen Erdgas aus Gesteinsschichten gelöst und herausgepresst wird. Auch in anderen europäischen Ländern wird Fracking nicht mehr praktiziert.
Zudem wird das LNG aus den USA mit Schiffen nach Europa transportiert. Für Dohler machen diese Faktoren das LNG noch klimaschädlicher als ohnehin schon: „Ein signifikanter Anteil an Emissionen, nämlich fast ein Drittel, stammt aus Transport und Herstellung.“ Es liege aber im Interesse der EWE, die Kunden so klimaschonend wie möglich zu versorgen, das mit verschiedenen Projekten verfolgt wird. So verlegt EWE in Neubaugebieten keine Gasversorgung mehr. In den Kontext passe die Förderung in der Nordsee, weil hier kein Fracking angewandt wird und es nicht über weite Wege angelandet werden muss. Dohler stellte die provokante Frage: „Wollen wir von der Abhängigkeit von Russland in die Abhängigkeit von den USA wechseln?“
Hinzu komme, dass One-Dyas für die Förderung den Strom aus Windkraft direkt von der Nordsee verwende. Dafür wurde eigens eine Leitung verlegt. „Damit minimieren wir die vermeidbaren Emissionen“, unterstrich der EWE-Chef in Leer. Es sei für die EWE gut, diesen Brennstoff zu beziehen, „weil er aus der Region kommt und verantwortlich produziert wird“. Er gehe davon aus, dass One-Dyas nur auf deutschem Gebiet fördern werde, solange in Deutschland noch Erdgas verwendet werde.
Reservekraftwerke und Zweifel an CCS
In dem Zusammenhang erklärte Dohler, warum weiterhin Gaskraftwerke zum Einsatz kommen müssten, obwohl der Ausbau erneuerbarer Energien deutlich vorangetrieben wurde. Um jedoch das Stromnetz stabil halten zu können, müssen in Zeiten mit wenig Leistung aus Solar und Wind Reservekraftwerke eingeschaltet werden, die sich schnell hochfahren lassen. Das sind Gas- oder Kohlekraftwerke. Im Vergleich zu Energie aus Kohle sei Gas die bessere Lösung mit weniger klimaschädlichen Emissionen.
Dohler glaubt nicht daran, dass der Betrieb solcher Kraftwerke künftig mit CCS (Abkürzung für Carbon Capture and Storage) gelingen könnte. Darunter versteht man klimaschädliches CO2, das in Fabriken oder Kraftwerken abgeschieden und gespeichert wird. Es könnte anschließend selbst als Energieträger genutzt werden. Der EWE-Chef ist jedoch skeptisch zum Betrieb von Kraftwerken mit CCS: „Das wird immer sehr teuer werden.“ Bei einer Betriebsdauer von 1000 Stunden für die Reservekraftwerke verdoppele das die derzeitigen Kosten. Es werde vermutlich sogar kostengünstiger, diese mit grünem Wasserstoff zu betreiben.