Weihnachtsflut 1717 Greetsieler Haus hielt dem Horror stand
Bei der Weihnachtsflut 1717 starben Tausende Menschen in Ostfriesland. Rund 1000 Häuser wurden weggespült. Doch ein Haus in Greetsiel überlebte die Flut und steht auch heute noch. Warum?
Greetsiel - Etwas krumm und schief steht es dort, das alte Haus mit der weiß verputzten Fassade in der Greetsieler Mühlenstraße. Aber es steht noch – und das ist etwas ganz Besonderes.
Denn was für das ungeübte Auge vielleicht nicht sofort ersichtlich ist, erzählt eine lange Geschichte von Elend und Widerstand: Die Maueranker an der Fassade bilden bei genauerem Hinsehen die Jahreszahl 1717, das Baujahr des Hauses. Dieses Haus hat die Weihnachtsflut vor mehr als 300 Jahren überstanden.
Weihnachtsflut 1717: Katastrophe an der Nordseeküste
Die Weihnachtsflut vom 24. auf den 25. Dezember 1717 radierte ganze Dörfer aus. Sie verzeichnete mehr als 10.000 Tote an der deutschen, dänischen und der niederländischen Nordseeküste, einige Tausend von ihnen auch an der ostfriesischen Küste.
Dabei fing in Ostfriesland am Nachmittag des Heiligabends 1717 alles recht harmlos an: Es stürmte zwar, aber das war für die Ostfriesen nichts Neues. Sie besuchten trotzdem weiterhin Weihnachtsgottesdienste und feierten den Heiligen Abend. Aber der Wind wurde stärker, bis er sich schließlich über Nacht zum Orkan entwickelte. Der Südwestwind drehte und kam plötzlich aus dem Nordwesten. Das Wasser vor der Küste stieg schlagartig an. Die Deiche brachen um etwa 3 Uhr in der Nacht. Die hereinbrechende Flut überraschte viele Ostfriesen in ihren Betten.
Greetsiel nach der Flut: Leid, Flucht und Wiederaufbau
In Greetsiel selbst wurden 18 Häuser weggerissen. Rund 50 Einwohner starben. Eine Überlieferung des Emder Kulturhistorikers Friedrich Arends besagt, dass sich während der Sturmflut in Greetsiel eine Familie auf einen Heuhaufen in den Fluten gerettet haben soll. Von dort trieben sie bis zum Burggraben, den es damals noch gab. Außerdem soll sich eine schwangere Frau auf der Flucht vor der Flut mit ihren langen Haaren in den Zweigen eines Baumes verfangen haben. Dort blieb sie demnach bis zu ihrer Rettung am nächsten Tag hängen. Ihr Kind kam zwei Tage später gesund auf die Welt. Für viele Ostfriesen endete die Flut in einer Tragödie, die auch noch Jahre später nachwirkte. Viele Menschen verließen die Region nach der Flut. Mehr als 15.000 Pferde, Rinder, Schweine und Schafe verendeten infolge der Flut in Ostfriesland – für viele Menschen in der Region waren sie eine Lebensgrundlage.
„Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie viel Elend das damals hier war“, sagt Andreas Bieler und schaut in dem alten Haus um sich. Seine Tochter und sein Sohn haben das alte Häuschen in der Mühlenstraße 11 im März 2024 gekauft. Tochter Anniek Bieler leitet nun das Café Lili in dem historischen Gebäude. Gemeinsam haben sie das Haus nach einem mehrjährigen Leerstand wieder aufgebaut.
Familie Bieler und das Erbe der Weihnachtsflut 1717
Es war besonders jene Jahreszahl an der Fassade, die die Familie Bieler vor knapp zwei Jahren zum Kauf bewegte. Andreas Bieler interessiert sich sehr für Geschichte, wie er im Gespräch mit dieser Redaktion verrät. Die Jahreszahl 1717 an der Fassade zog sofort seine Aufmerksamkeit auf sich. Der gebürtige Baden-Württemberger googelte die Jahreszahl. „Und das erste Suchergebnis war die Weihnachtsflut 1717“, erinnert er sich. Die Ereignisse von damals ließen ihn nicht los. Neben den vielen Toten, die Ostfriesland zu beklagen hatte, kamen ja auch noch die extremen wirtschaftlichen Folgen hinzu. Es habe noch Jahrzehnte oder sogar noch länger gedauert, bis sich die Region wieder halbwegs erholt hatte, so Bieler. „Da wäre man vielleicht sogar lieber tot gewesen, als mit diesem Elend zu leben“, sagt Bieler.
„Das ganze Jahr hat mich sehr interessiert“, so Bieler. „Warum stand ausgerechnet dieses Häuschen noch?“ Über die exakten Gründe kann er nur spekulieren, aber Bieler hat in den knapp zwei Jahren, seit das Haus nun in Familienbesitz ist, schon einige Vermutungen aufstellen können. „Ich sehe vor allem drei Gründe verantwortlich dafür, dass das Haus die Sturmflut überstanden hat“, sagt er. „Zum einen war es einfach noch sehr neu.“ Die Maueranker an der Fassade besagen, dass das Haus erst im Jahr der Weihnachtsflut gebaut oder zumindest dann erst fertiggestellt wurde. „Das Haus war also wahrscheinlich noch nicht nass geworden wie die anderen Häuser in Greetsiel“, vermutet der Odenwälder. Das machte das Haus eventuell widerstandsfähiger im Vergleich zu den anderen Häusern.
Schrägbau und Stabilität: So überstand das Haus die Sturmflut
Bei einem Rundgang durch das kleine Dorfhaus fällt zudem auf, dass sich der Boden zum hinteren Teil des Gebäudes hin absenkt. Blickt man aus den Fenstern in der Rückwand des Hauses, so ist man fast auf einer Höhe mit dem Parkplatz hinter dem Haus. Das Haus hat also Schräglage. Das ist aber kein Baufehler, sondern könnte das Haus vor gut 300 Jahren tatsächlich vor der Zerstörung gerettet haben. „Das Haus wurde schräg gebaut, damit das Wasser schneller abfließt“, vermutet Bieler. Das Gefälle könnte also auch schon bei der Weihnachtsflut dafür gesorgt haben, dass eindringendes Wasser durch das Haus und dann nach hinten wieder abgeflossen ist.
Als weiteren begünstigenden Faktor sieht Bieler den Reichtum der Bauherren. „Wer damals in Greetsiel wohnte, war sowieso relativ vermögend“, sagt er. In dem Fischerdorf wurde viel Handel getrieben. Die wirtschaftliche Lage war zu dieser Zeit recht gut. Das Vermögen der Bauherren erlaubte es ihnen, das Haus stabil zu bauen – mit dicken Balken und wahrscheinlich mithilfe von angeheuerten Handwerkern. Auch das habe bestimmt zur Beständigkeit des Hauses in der Mühlenstraße 11 beigetragen.
Mühlenstraße 11: Theaterprojekt lässt Flutgeschichte aufleben
Was auch immer die Gründe für das lange Überdauern des kleinen Hauses sind – Andreas Bieler ist dankbar, dass es heute noch steht und mit der Eröffnung des Cafés seiner Tochter wieder etwas Leben eingehaucht bekommen hat. Kurz vor Ende des Jahres wird die Geschichte des Hauses sogar noch einmal richtig lebendig: Dann besucht nämlich eine Theatergruppe das alte Haus – und zwar eine Theatergruppe, die die Geschichte der Weihnachtsflut 1717 schon zum wiederholten Mal auf die Bühne bringt.
Bei dem Musiktheaterprojekt „Stille Nacht“ geht es um jene Naturkatastrophe. Schon im vergangenen Jahr tourte die Gruppe mit dem Stück über die Weihnachtsflut durch die ostfriesischen Kirchen. Aufgrund der hohen Nachfrage führen sie das Stück in diesem Jahr erneut auf – die letzte Aufführung ist in Greetsiel. Bieler, der das Theaterstück im vergangenen Jahr live erlebt hatte, sah sofort eine Chance, die Gruppe nun zum Umtrunk in jenes überlebende Haus von 1717 einzuladen. So schließt sich der Kreis: 300 Jahre nach der Flut wird das alte Haus in der Mühlenstraße 11 erneut zum Ort der Begegnung und des Erinnerns.