Landwirtschaft Warum der Frost Bauern Hoffnung macht
Welche Folgen hat das frostige Wetter für den Anbau? Die Landwirtin Milva Iderhoff aus Pewsum erklärt, warum sie derzeit besonders gern auf die Felder schaut.
Pewsum - Frost auf den Feldern und Reste von Schnee: Viele landwirtschaftliche Flächen in der Krummhörn wirken derzeit wie stillgelegt. Eine alte Bauernregel geht genau auf diese Wetterlage ein: „Je frostiger der Januar, desto freundlicher das ganze Jahr.“ Was ist dran an dieser Weisheit?
Milva Iderhoff kennt diese Zusammenhänge. Die 47-Jährige bewirtschaftet nahe Pewsum einen Ackerbaubetrieb mit rund 180 Hektar Land. 2011 hat sie den Hof nach ihrem agrarwissenschaftlichen Studium von ihrem Vater übernommen. Außerdem ist sie Vorsitzende des Zweigverbands Krummhörn im Landwirtschaftlichen Hauptverein für Ostfriesland.
Warum Kälte den Start ins Frühjahr steuert
Als es um Bauernregeln geht, muss Iderhoff allerdings kurz nachdenken. Nicht jede kennt sie auswendig. Doch nach kurzem Überlegen stimmt sie zu. „Viele haben einen wahren Kern“, sagt sie. Etwa besagte Regel, nach der ein frostiger Januar eine gute Grundlage für eine reiche Ernte im Sommer sein kann. „Das lässt sich biologisch gut erklären.“
Denn Frost schadet den Pflanzen auf dem Acker keineswegs – im Gegenteil. Vor allem Wintergetreide wie Weizen oder Gerste sind auf niedrige Temperaturen angewiesen. Fachleute sprechen von Vernalisation: Erst durch eine längere Kältephase werden in der Pflanze bestimmte Entwicklungsprozesse ausgelöst. Bleibt der Frost aus, startet die Pflanze früher in die nächste Wachstumsphase.
Im Winter wird der spätere Ertrag vorbereitet
Während die Felder ruhig wirken, passiert in der Pflanze Entscheidendes. Sie durchläuft die sogenannte Spindelstufe – dabei bildet sich im Inneren die Kornanlage als Grundlage für die spätere Ähre. Es wird festgelegt, wie viele Körner die Pflanze später überhaupt ausbilden kann. „Diese Prozesse sind enorm wichtig für den Ertrag“, erklärt Iderhoff. „Dafür brauchen wir vernünftige Winter.“
Durch milde Winter, bedingt durch den Klimawandel, werden bestimmte Spitzenerträge für die Landwirtschaft zunehmend schwerer erreichbar. Ein Beispiel ist Raps. Rein genetisch könne die Pflanze sehr hohe Erträge liefern, erklärt Iderhoff. Doch wenn die Winter zu mild sind, beginnt der Raps zu früh zu schossen – er wächst also schneller, als ihm guttut. Kommt dann im April noch einmal Spätfrost hinzu, sind die jungen, empfindlichen Pflanzenteile besonders gefährdet.
Wann Kälte gefährlich wird und was Pflanzen schützt
Zu kalt darf es allerdings auch nicht werden. Längere Frostperioden mit Temperaturen deutlich unter minus zehn Grad setzen den Pflanzen ebenfalls zu. Hier kann eine geschlossene Schneedecke helfen: Sie wirkt wie eine natürliche Isolierung, schützt die Pflanzen und hält die Bodentemperatur etwas stabiler.
Der Blick auf die Felder stimmt Iderhoff zufrieden. „Im Moment sind wir auf einem guten Weg. Meckern kann man derzeit nicht.“ Grundsätzlich gelte: Normale Jahreszeiten ohne Extreme – weder zu heiß noch zu kalt, weder zu trocken noch zu nass – seien für die Landwirtschaft ideal.
Wie Frost schwere Böden natürlich lockert
Auch für den Boden selbst ist Frost von großer Bedeutung. In Ostfriesland sind die Ackerflächen häufig lehm- und tonhaltig, also eher schwer. Der Frost wirkt hier wie ein natürlicher Bodenbearbeiter, erklärt Iderhoff. Wenn Wasser im Boden gefriert, dehnt es sich aus und sprengt die Erde regelrecht auf. Fachleute sprechen von Frostgare. Das Ergebnis: Der Boden ist im Frühjahr feinkrümelig und gut durchlüftet, Wasser kann besser versickern, und die Wurzeln finden leichter ihren Weg. „Im Herbst müssten wir dafür mehrere Arbeitsgänge mit schweren Maschinen fahren“, sagt die Landwirtin. Der Winter übernimmt diese Arbeit ganz von allein.
Frost hilft außerdem dabei, Krankheiten in Schach zu halten. Viele Pilzsporen und Krankheitserreger überstehen Kälte nur schlecht. Ein strenger Winter kann deshalb Infektionen deutlich senken. Bleibt der Frost aus, haben Krankheiten bessere Bedingungen – und Landwirte müssen später häufiger eingreifen.
Züchtung auf Kornqualität statt Kornzahl
Doch was passiert, wenn milde Winter in Zukunft zur Regel werden? Auch darüber macht sich die Landwirtin Gedanken. In der Pflanzenzüchtung wird bereits an Sorten gearbeitet, die bei weniger Kälte ihren Ertrag nicht mehr über die Anzahl der Körner, sondern über die Größe des einzelnen Korns erzielen. „Das ist spannend“, sagt Iderhoff, „aber für uns aktuell noch Zukunftsmusik.“