Ostfriesland/Ammerland

Wegen Otto-Plakat: Bauern blockieren Edeka-Lager

| | 27.01.2020 11:46 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Lastwagen konnten das Edeka-Lager die ganze Nacht über nicht verlassen. Bild: NWM-TV/DPA
Die Lastwagen konnten das Edeka-Lager die ganze Nacht über nicht verlassen. Bild: NWM-TV/DPA
Artikel teilen:

Mit einem Werbeslogan sorgen Edeka Minden-Hannover und Otto Waalkes für Empörung bei den Landwirten. In der Nacht zu Montag blockierten 200 Traktoren ein Großlager im Ammerland. Edeka spricht von einem Missverständnis.

Ostfriesland/Ammerland - Rund 200 Landwirte haben in der Nacht zu Montag das Großlager von Edeka Minden-Hannover in Wiefelstede im Ammerland blockiert. Das bestätigte ein Sprecher der Polizeiinspektion Oldenburg-Stadt/Ammerland. Bis in die Morgenstunden war die Zufahrt versperrt, sodass Lastwagen das Gelände nicht verlassen und die Supermärkte in der Region nicht beliefern konnten. Der Grund für die Aktion: ein Edeka-Werbeposter anlässlich des 100-jährigen Bestehens. Zu sehen ist darauf der Emder Komiker Otto Waalkes – und der Slogan: „Essen hat einen Preis verdient: den niedrigsten“.

Auf Nachfrage erklärte Edeka Minden-Hannover, bei dem Plakat handele es sich um ein Missverständnis. „Ziel der Marketingkampagne war es, alle Ortschaften, zum Beispiel auch Minden oder Bremen, in unserem Absatzgebiet individuell anzusprechen. Es war somit eindeutig der Ort Essen/Oldenburg gemeint und nicht Essen im Sinne von Lebensmitteln. Diese Aussage wird von Fotos gestützt, auf denen andere Plakate, zum Beispiel in Quakenbrück im Kreis Osnabrück, zu sehen sind.

Edeka schrieb zudem, die Plakate, die zu dem Missverständnis geführt haben, seien umgehend entfernt worden. Darüber hinaus gingen die angekündigten Preisreduzierungen der Produkte nicht zulasten der Landwirte, sondern würden „ausschließlich von der Großhandlung getragen“. Weil Edeka regionale Lieferanten fördere und es auf die Qualität der Produkte ankomme, „liegt es der Edeka Minden-Hannover absolut fern, Landwirte und Erzeuger mit unserer Kampagne zu verärgern“.

„Wann hört diese Geiz-ist-geil-Mentalität endlich auf?!“

Ins Klo gegriffen

Ein Kommentar von Daniel Noglik

Vergangene Woche machte ein Foto die Runde: Auf einem Edeka-Plakat war Otto zu sehen, dazu der Spruch „Essen hat einen Preis verdient: den niedrigsten“. Der Zorn des Internets ließ nicht lange auf sich warten: Kunden, Bauern und Politiker forderten den Edeka-Boykott, Trecker wurden angeworfen, um sich auf den Weg zu machen, das Zentrallager im Ammerland zu blockieren. Die Texter im Edeka-Marketing haben mächtig tief ins Klo gegriffen. Die Idee: Jede Stadt und jede Kommune bekommt ein eigenes Plakat, auch Essen im Kreis Cloppenburg. Hätten sie’s dort gelassen, wäre ihnen viel erspart geblieben.

Kaum einer kennt diese Gemeinde, so gut wie jeder liest „Essen“ als „Lebensmittel“. Hundertfach gepostet, geteilt und kommentiert wurde das Foto des Plakats. Hätte dort „Buxtehude“ drauf gestanden, es hätte keinen gejuckt. Die Nummer wäre abgetan worden als eine weitere „Billiger, billiger, billiger“-Kampagne eines Supermarkts. Deshalb darf man den Textern und Korrekturlesern im Edeka-Marketing nur dankbar sein für diesen Schnitzer: Die Debatte um eine faire Entlohnung der Zulieferer und ein größeres Bewusstsein für qualitativ hochwertige Lebensmittel wurde weiter angefacht. Bei Edeka dürften sie in diesen Tagen trotzdem denken: „Wären wir nur bei ‚Wir lieben Lebensmittel‘ geblieben.“

Das Landvolk Niedersachsen schreibt auf Facebook: „Wann hört diese Geiz-ist-geil-Mentalität endlich auf?!“ Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauenverbands, sagt: „Wir haben kein Verständnis dafür, dass Edeka zu seinem Jubiläum nichts anderes als ‚der niedrigste Preis‘ einfällt.“ Udo Haßbargen vom Ostfriesland-Ableger der Bauern-Initiative „Land schafft Verbindung“ (LSV) sagt: „Die Protest-Aktion ging wie wild durch die ganzen WhatsApp-Gruppen.“ Offiziell habe sich LSV Ostfriesland allerdings nicht am Protest in Wiefelstede beteiligt. „Das ist allerdings keine Distanzierung, wir finden die Aktion gut“, so Haßbargen. Einen offiziellen Aufruf habe es nicht gegeben, weil man es sich beispielsweise mit der Politik nicht verscherzen wolle. „Oft findet die Politik solche Aktionen nicht in Ordnung, da wollten wir keine Türen schließen, bevor es Gespräche gegeben hat.“

Von der CDU gibt es Rückenwind für die Landwirte. „Die Kampagne von Edeka ist beschämend und zeigt, dass der Konzern es nicht verstanden hat“, schreibt etwa Dirk Toepffer, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, in einer Pressemitteilung. Wer im Jahre 2020 bei Lebensmitteln den niedrigsten oder „supergeilsten“ Preis fordere, solle nicht mit der Botschaft „Wir lieben Lebensmittel“ werben. Toepffer erwartet, dass sich Edeka bei den Landwirten entschuldigt, sich von der Kampagne distanziert und diese stoppt.

Protest hat Auswirkungen auf die Verbraucher

Die Protestaktion der Landwirte hat Auswirkungen auf die Verbraucher: Auf Facebook haben sich am Montagmorgen zahlreiche Edeka-Märkte dafür entschuldigt, weniger Obst, Gemüse, Wurstwaren und Molkereiprodukte anbieten zu können. In Leer sind die Multi-Märkte von dem Lieferengpass betroffen. „Wir bekommen an den Frischetheken etwa 50 Prozent der Ware aus dem Lager“, sagt Matthias Brahms, Chef bei Multi Süd. Am Montag habe man den Ausfall kompensieren können – „das war kein Weltuntergang“. Sollte es allerdings weiterhin Proteste und damit Lieferausfälle geben, werde das auch bei Multi für Probleme sorgen. Lars Roskam ist Landwirt aus Rhauderfehn und war bei der Aktion in Wiefelstede dabei. Laut seiner Aussage reicht es den Bauern nicht, dass Edeka nur einige Plakate habe abhängen lassen. „Wir haben Edeka bis Mittwoch ein Ultimatum gesetzt“, sagt er im Gespräch mit der Redaktion. Die Landwirte fordern, dass der Konzern bis dahin alle Plakate entfernen lässt. „Sollte das nicht geschehen, werden wir wieder vor der Zufahrt stehen“, kündigt Roskam an.

Nach Angaben des Polizeisprechers haben die Landwirte zunächst keine Konsequenzen zu befürchten: „Der Einsatz verlief aus unserer Sicht unspektakulär, es gab keine Ausschreitungen.“ Allerdings könne das Blockieren von Zufahrten eine Ordnungswidrigkeit sein. „Das verfolgen wir allerdings nur auf Antrag“, so der Pressesprecher. Heißt: Wenn Edeka die Landwirte nicht anzeigt, droht diesen auch kein Bußgeld.

Otto Waalkes äußerte sich am Montag nicht. Ein Vertrauter sagte auf Nachfrage der Redaktion, es sei mit keinem Statement des Emders zu rechnen.

Ähnliche Artikel