Energieversorgung

Gazprom: Hat der Krieg in der Ukraine Auswirkungen in Jemgum?

| | 24.02.2022 18:08 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Russische Unternehmen oder deren Tochterfirmen liefern längst nicht mehr nur den Rohstoff Gas nach Deutschland, sie betreiben auch große Teile der hiesigen Speicherinfrastruktur – so auch in Jemgum. Die Gazprom-Tochter Astora vermarktet nach Angaben ihrer Webseite fünf Sechstel der Speicherkapazität vom Jemgum. Foto: Astora
Russische Unternehmen oder deren Tochterfirmen liefern längst nicht mehr nur den Rohstoff Gas nach Deutschland, sie betreiben auch große Teile der hiesigen Speicherinfrastruktur – so auch in Jemgum. Die Gazprom-Tochter Astora vermarktet nach Angaben ihrer Webseite fünf Sechstel der Speicherkapazität vom Jemgum. Foto: Astora
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Der russische Weltkonzern Gazprom Germania hat Verbindungen zu den Gasspeichern im beschaulichen Jemgum und in Etzel. Könnte sich Russlands Einmarsch in die Ukraine auch in Ostfriesland auswirken?

Jemgum/Etzel - Der Einmarsch von Russland in die Ukraine erschüttert die Welt: Hat das direkte Auswirkungen in Ostfriesland? Jedenfalls gibt es sehr wohl Verbindungen zum russischen Weltkonzern Gazprom. Wer von Leer aus in Richtung Ditzum fährt, ist sicherlich schon an ihnen vorbeigefahren: an den Kavernen am Ortseingang von Jemgum. Schilder der EWE sind auf dem Gelände angebracht. Aber auch Astora, ein Tochterunternehmen des regierungsnahen russischen Weltkonzerns Gazprom Germania, ist dort ansässig. Astora nahm in Jemgum 2013 einen der größten Erdgaskavernenspeicher in ganz Deutschland in Betrieb. Eigentümer des Speichers ist die VNG Gasspeicher GmbH und Wingas, ebenfalls ein Tochterunternehmen der Gazprom.

Was und warum

Darum geht es: Der Einmarsch Russlands in die Ukraine hat die Welt erschüttert. In Ostfriesland unterhält der russische Gaskonzern Gazprom und seine Tochterfirmen mehrere Anlagen. In Jemgum gibt es Gasspeicher, die von ihnen betrieben werden. Wir fragen nach, welche Auswirkungen es geben könnte.

Vor allem interessant für: Jemgumer und alle, die sich Sorgen um die Gasversorgung machen.

Deshalb berichten wir: Die Lage spitzt sich zu.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

„Inwieweit der von Putin angezettelte und für mich menschenverachtende Krieg in der Ukraine Auswirkungen auf die Gaslieferung nach Deutschland beziehungsweise die Speicherung von Erdgas in den hiesigen Gaskavernen hat, vermag ich nicht abzusehen“, sagt der Jemgumer Bürgermeister Hans-Peter Heikens. „Ein solcher Fall wurde in bisher keinem Gespräch thematisiert. Ich weiß, dass in den Kavernen in den vergangenen Monaten Gas eingelagert wurde, in welchen Mengen, ist mir allerdings nicht bekannt.“

Speicherstände im Internet abrufbar

Die Pressestelle von Astora weist darauf hin, dass die Füllstände sowie die Ein- und Ausspeicherungen unter anderem unter https://link.zgo.de/Gaskavernen veröffentlicht werden. Laut der Homepage war der Speicher in Jemgum am Donnerstag zu 38,85 Prozent gefüllt. Es ist sowohl Gas ein- als auch weitergeleitet worden. „Betreiber von Erdgasspeichern haben aufgrund gesetzlicher Vorgaben keinen Einfluss auf das Kundenverhalten und die Füllstände“, teilt die Pressestelle weiter mit. „Die Entscheidung über Ein- und Ausspeichermengen liegt nur bei den Kunden, die die Kapazitäten diskriminierungsfrei bei Speicherbetreibern gebucht haben.“ Eine Prognose, wie sich die Füllstände entwickeln, wolle man nicht abgeben. „Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir politische Standpunkte und Entwicklungen nicht kommentieren können“, teilt die Pressestelle mit.

Das Verhältnis der Gemeinde Jemgum und dem Konzernriesen war ein Auf und Ab. Zunächst hatten die Gasspeicheranlagen vor den Toren Jemgums der Gemeinde durch die Gewerbesteuereinnahmen finanziell rosige Zeiten beschert. Als Astora in ein Tochterunternehmen des Weltkonzerns Gazprom Germania überging, floss von dort keine Gewerbesteuer mehr nach Jemgum.

Bau einer Krippe scheiterte wegen Kavernen

Im September 2020 scheiterte der geplante Bau einer Krippe gegenüber der Carl-Goerdeler-Schule an dem Gasspeicher. Die Krippe liege in Gefahrenzone I der Kavernen in Jemgum, teilten Vertreter der Gasfirmen Astora GmbH und Gazprom Germania damals mit. Was das bedeutet, hatte die Pressestelle von Gazprom auf Anfrage dieser Zeitung erklärt: „Eine Gefahrenzone beziehungsweise Schutzzone ist ein Bereich, in dem die Auswirkung eines Ereignisses beispielsweise eines Brandes spürbar wäre.“ Die Auswirkungen, die es geben könnte, seien Schall oder Wärmestrahlung. Die Ziffer I bedeute, dass die Krippe zwar ganz am äußersten Rand dieser Schutz- und Gefahrenzone liege, „jedoch immer noch innerhalb des Bereiches, in dem keine öffentlichen Gebäude errichtet werden dürfen“, so Gazprom. Es gebe einen Schutzkreis um einen oder mehrere Kavernenköpfe, „der nach Störfallrecht nicht für eine öffentliche Nutzung bebaut werden darf“. So wurde nichts aus den Plänen zur Krippe.

Verbindungen der Gazprom gibt es auch in Etzel im Landkreis Wittmund. EKB Storage – ein Joint Venture von BP Europe SE, Ørsted und Gazprom Germania – ist Mieter auf dem Kavernenfeld in Etzel und betreibt dort nach eigenen Angaben einen Erdgas-Speicher mit neun Kavernen.

Noch sind die Speicher in Jemgum gut gefüllt. Aber ist das dauerhaft gewährleistet oder könnte Russland den Gashahn zudrehen? Nach Angaben der Initiative Energien Speichern e.V. (INES) – ein Zusammenschluss von Betreibern deutscher Gas- und Wasserstoffspeicher – wird nur ein Zehntel mit deutscher Gasförderung abgedeckt. Daher muss Deutschland die Gasversorgung vor allem über Importe sichern. Russland ist mit einem Anteil von mehr als 50 Prozent der größte Gaslieferant für Deutschland.

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