Berlin Der Ukraine-Krieg darf nicht zu unserem Krieg werden
Olaf Scholz hat lange gezögert. Jetzt will er offensichtlich doch nach Kiew. Das birgt Chancen, aber auch Risiken. Der Kanzler muss aufpassen: Der Ukraine-Krieg darf nicht zu unserem Krieg werden.
Die diplomatischen Scharmützel um Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Nicht-Einladung nach Kiew sind vergessen. Gut, dass Kanzler Olaf Scholz nun offensichtlich doch in das kriegsgeschundene Land reisen will - wahrscheinlich gemeinsam mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Italiens Ministerpräsident Mario Draghi. Das wäre ein starkes Signal. Das Trio repräsentiert immerhin die mächtigsten Staaten der EU. Die Frage ist nur: Welche Ziele möchten die Westeuropäer mit ihrer Ukraine-Politik verfolgen?
Sollen etwa alle vom russischen Despoten Wladimir Putin besetzten Gebiete zurückerobert werden, wie es der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert? Oder der Krisenherd schnellstmöglich in die EU aufgenommen werden, wofür sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen augenscheinlich stark macht?
Viele im Westen sehen Putin auf der Verliererstraße. Doch richtig ist auch, dass die russischen Aggressoren mittlerweile eine Fläche von rund 120 000 Quadratkilometern halten, also knapp 20 Prozent der Ukraine. Auf Deutschland übertragen entspricht diese Fläche etwa der Größe von
Ist es wirklich realistisch, dass die Ukraine die besetzten Gebiete zurückerobert? Trotz starker Kampfmoral und der triumphalen Verteidigung Kiews hat das stark zerstörte Land zunehmend mit schwindenden militärischen Ressourcen zu kämpfen - sei es bei Panzern oder Munitionsfabriken.
Hinzu kommen schwere Verluste. 10 000 ukrainische Soldaten sollen bislang gefallen sein.
Noch weit größere Verluste hat Russland zu verzeichnen. Doch leider ist Putin trotz der Sanktionen des Westens in der Lage, weitere militärische Ressourcen auszuschöpfen, sodass die russische Überlegenheit wächst, je länger sich der Krieg hinzieht. Diesen Vorteil Putins kann der Westen minimieren, wenn er bereit ist, die Ukraine mit weit mehr Waffen und Munition auszustatten, als es bislang der Fall gewesen ist. Das birgt zugleich die Gefahr weiterer Eskalationen. Als Strafmaßnahme könnte Putin auch etwa Deutschland das Gas abdrehen.
Natürlich kann es sich der Westen nicht leisten, die Ukraine im Stich zu lassen. Eine Kapitulation darf es nicht geben. Doch die Westeuropäer sollten in Kiew stärker auf Zugeständnisse drängen, um einen Waffenstillstand zu ermöglichen. So bitter es ist: Einen Friedensschluss, den alle bejubeln, wird es nicht geben.
Scholz dürfte sich auch darüber im Klaren sein, dass die Solidarität der Deutschen nicht endlos ist. Die rasant steigenden Preise für Heizöl, Gas, Benzin und Lebensmittel bergen großes Konfliktpotenzial. Dabei steht der Herbst erst noch bevor.
Im Ukraine-Krieg ist Umsicht geboten, kein Heldentum. Und mehr Realismus, auch wenn dieser schmerzt.