Kiew  Steinmeier und Selenskyj werden keine besten Freunde mehr

Michael Clasen
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Von Michael Clasen
| 20.10.2022 11:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
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Was für ein Hin und Her. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat seine lange vorbereitete Reise nach Kiew aus Sicherheitsgründen abgesagt. Die Ukraine reagiert irritiert. Das ist verständlich.

Das Verhältnis zwischen Steinmeier und Präsident Wolodymyr Selenskyj war nie das Beste. Unvergesslich bleibt der Eklat im April, als der Bundespräsident ausgeladen wurde, als die Präsidenten von Polen, Litauen, Estland und Lettland nach Kiew reisen durften. Wut und Enttäuschung über die aus Sicht Kiews zu russlandfreundliche Politik Steinmeiers führten zu diesem Affront. Jetzt sollte der Besuch ein Signal des Zusammenhalts zwischen Berlin und Kiew im Ukraine-Krieg setzen.

Dass Steinmeier nicht nach Kiew reist, mag vernünftig sein. Da dürfte dem ein oder anderem Politiker in Kiew zwar unschöne Wörter wie Feigheit durch den Kopf gehen, aber das ist unfair. Es mag ja sein, dass andere Staatsgäste der Angriffswelle trotzen. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass die deutschen Sicherheitsbehörden Hinweise auf eine besondere Gefährdung gehabt haben.

Die neuerliche Nicht-Reise von Steinmeier wird zugleich einer alten Sorge neuen Auftrieb geben, die nicht nur die Ukrainer beschäftigt. Auch Alliierte wie die USA fragen sich, wie es Berlin mit der Bündnistreue hält, wenn es hart auf hart kommt: Schlagen sich die Deutschen im Ernstfall als erste in die Flucht?

In der Praxis leistet Deutschland viel für die Ukraine, humanitär und militärisch. Mehr als eine Million Flüchtlinge hat das Land aufgenommen. Ohne diese Unterstützung sähe es für die Ukraine im Kampf gegen Putins Truppen viel schlechter aus. Auch Fehler wie die Gas-Abhängigkeit zu Russland und das Herunterwirtschaften der Bundeswehr sind als solche erkannt.

Nur gerät das in den Hintergrund, wenn die Ukrainer das Gefühl haben, nicht auf die Deutschen bauen zu können, sobald ein Paar Kamikazedrohnen geflogen kommen. Was, wenn der Krieg vom Westen noch größere Opfer als heute abverlangt? Wird Deutschland das Risiko mitgehen? Unglücklich ist die Symbolik der Mutlosigkeit, die von Steinmeiers Absage ausgeht. Beste Freunde werden er und Selenskyj in diesem Krieg nicht mehr. 

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