Hilfe nach der Flucht  Deutschstunde mit viel Herzblut

| | 27.10.2022 13:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Für Bernd Blessmann unterscheidet sich das Unterrichten von Erwachsenen mit Fluchterfahrung deutlich von seiner früheren Arbeit als Lehrer, als er noch einen Lehrplan hatte. Heute sei viel mehr Spontanität gefragt. Foto: Ullrich
Für Bernd Blessmann unterscheidet sich das Unterrichten von Erwachsenen mit Fluchterfahrung deutlich von seiner früheren Arbeit als Lehrer, als er noch einen Lehrplan hatte. Heute sei viel mehr Spontanität gefragt. Foto: Ullrich
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Catharina Hinrichs-Blessmann und Bernd Blessmann bringen Geflüchtete aus der Ukraine, aus Afghanistan oder Syrien Deutsch bei. Dabei lösen sie Alltagsprobleme und erfahren viel vom Leid ihrer Schüler.

Wittmund - An kleinen Gruppentischen erarbeiten drei, maximal vier Schüler die Lösung für eine Aufgabe in ihrem Schulbuch. Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen stehen die Grundlagen der deutschen Sprache. Die Schüler von Catharina Hinrichs-Blessmann und Bernd Blessmann sind keine Kinder, es sind gestandene Männer und Frauen im Alter von vielleicht Mitte 20 bis Ende 40, die ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen. Sie hatten den Mut, ihre Heimat zu verlassen und ins Ungewisse zu fliehen. „Was die Menschen erlebt haben, ist schrecklich. Das möchte keiner von uns erleben“, sagt Blessmann.

Was und warum

Darum geht es: Zwei Rentner bringen Geflüchteten Deutsch bei und geben ihnen damit Starthilfe für ein Leben in Ostfriesland.

Vor allem interessant für: jeden, der das Geschehen in der Welt und vor der eigenen Haustür verfolgt

Deshalb berichten wir: Jeder einzelne Flüchtling in einer Statistik hat seine ganz eigene Geschichte. Zu schnell vergisst man die Menschen hinter den Zahlen.

Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de

Der 74-Jährige unterrichtete früher Kinder und Jugendliche an der IGS Wilhelmshaven. Seine 73 Jahre alte Frau war Lehrerin an der Förderschule in Wittmund. Vor zehn Jahren schieden sie aus dem Schuldienst aus. Die Hände in den Schoß zu legen aber scheint nicht die Art des rührigen Paares: „Ich finde, das ist gar nicht so einfach, pensioniert zu werden“, erklärt die Wittmunderin. Nur reisen, lesen und im Garten arbeiten sei ihr auf Dauer nicht genug. „Man muss sich auch nützlich machen.“ Catharina Hinrichs-Blessmann sieht das ganz pragmatisch: nicht meckern, sondern vor der eigenen Türe kehren. Mit der ersten Flüchtlingswelle begann das Paar, sich zu engagieren. „Nichts machen ist ja auch keine Alternative.“ Es betreute drei Jahre lang eine afghanische Familie.

Zurück in den Klassenraum

Mittlerweile sind die pensionierten Lehrer wieder in ihrer Kernkompetenz, dem Unterrichten, gefordert. „Erwachsene zu unterrichten ist etwas ganz anderes. Aber wir bemühen uns, ihnen zu helfen, dass sie die Sprache verstehen und sich hier besser zurechtfinden“, fasst Bernd Blessmann bescheiden zusammen. Eine glückliche Fügung aus Sicht von Gerda Freese. Ihr Ortsverband Wittmund der Johanniter-Unfall-Hilfe bietet in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Wittmund das Projekt „Deutsch lernen in Wittmund“ an. Seit sechs Jahren kooperieren Kreis und Hilfsorganisation schon in Flüchtlingsfragen, unter anderem bei diesem niedrigschwelligen Sprachkursus, der von den Johannitern finanziert wird.

Catharina Hinrichs-Blessmann (links) unterrichtet ehrenamtlich Deutsch. Sie sagt angesichts der Flüchtlingssituation: „Nichts zu machen ist ja auch keine Alternative.“ Foto: Ullrich
Catharina Hinrichs-Blessmann (links) unterrichtet ehrenamtlich Deutsch. Sie sagt angesichts der Flüchtlingssituation: „Nichts zu machen ist ja auch keine Alternative.“ Foto: Ullrich

Zwischen zehn und 16 Teilnehmer lernen hier zweimal in der Woche zusammen. Mit jeder Unterrichtsstunde verändert die Klasse sich. „Hier ist die Fluktuation relativ groß“, erläutert Blessmann. Menschen kommen und gehen, sie wechseln in andere Sprachkurse, ziehen aus Sammelunterkünften in Wohnungen im Kreisgebiet. Manche gingen auch zurück in ihr Heimatland. Der Kursus überbrückt eine Zeit zwischen dem Ankommen der Menschen in Wittmund und dem Beginn eines sogenannten Integrationskurses. „Sprache lernen ist der Schlüssel zur Integration“, erklärt Nadja Pfister aus der Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe der Kreisverwaltung. „Die meisten beherrschen die Sprache nicht.“ Fast jeder Neu-Wittmunder muss also einen Integrationskursus belegen. Die Anzahl der Plätze aber ist begrenzt. Aktuell kann es Monate dauern, bis Interessenten starten können.

Aufgabenspektrum ist groß

Diese Zeit soll dennoch sinnvoll überbrückt werden. Derzeit sind es vor allem Ukrainer, die unter dem Dach der Johanniter die Schulbank drücken. Aber auch Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien oder anderen Nationen. Eines haben sie alle gemeinsam: Niemand kennt sich mit deutscher Bürokratie aus. Das Lehrerehepaar gehört zu den ersten Deutschen, mit denen viele ihrer Schüler in Kontakt kommen. Das macht sie nicht nur zu Dozenten, sondern auch zu Sozialarbeitern. „Es erfordert viel Spontanität“, beschreibt Bernd Blessmann, wie das Unterrichten von Flüchtlingen und seinen früheren Schülern sich unterscheidet.

Er und seine Frau seien oft beim Ausfüllen von Anträgen des Jobcenters gefragt oder würden Arzttermine vereinbaren. Für sie gehört es irgendwie dazu. Ohne Deutschkenntnisse ist vieles schwer oder gar unmöglich. Und wen sollen die Leute denn fragen? Kontakte zu anderen Deutschen seien rar. „Es ist sehr schwierig, die Sprachbarriere auszuhalten“, weiß Catharina Hinrichs-Blessmann. Es isoliere Menschen. Und auch für die Dozenten sei es nicht immer einfach, mit Geschichten von Krieg und Flucht, Verzweiflung und Sorge um Angehörige konfrontiert zu sein. „Man muss lernen, sich abzugrenzen“, weiß Gerda Freese. Ohne Ehrenamtliche wie Catharina Hinrichs-Blessmann und Bernd Blessmann liefe vieles in der Flüchtlingsarbeit nicht, weiß auch Pfister: „Man ist für die Menschen da. Das ist schon viel wert.“

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