Mehr als nur Studentenkneipe  Einstein in Emden im Wandel – aber immer Kult

| | 14.03.2024 17:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Übernahm das Einstein 1997: Jens Friesenborg. Foto: Ortgies
Übernahm das Einstein 1997: Jens Friesenborg. Foto: Ortgies
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Seit 36 Jahren gibt es in Emden eigentlich nur eine Studentenkneipe. Doch das Einstein ist längst viel mehr als das. Es ist Kult.

Emden - Ein ziemlich raumeinnehmender, rustikaler Holztresen, Jugendstilfliesen und Dielen auf dem Fußboden und vom Putz befreite Ziegelwände: Wer ins Einstein kommt, ist gleich mittendrin, er hat die Wahl zwischen Polstermöbel und Barhocker. Und er fühlt sich willkommen. Namensgeber Albert Einstein, der als großes Porträt über dem Schankraum wacht, streckt hier niemandem die Zunge raus. Alles ist hier einfach einladend.

Klönen unter dem wachen Blick des Namensgebers: Albert Einstein streckt hier niemandem die Zunge raus. Foto: Ortgies
Klönen unter dem wachen Blick des Namensgebers: Albert Einstein streckt hier niemandem die Zunge raus. Foto: Ortgies

Auch an diesem Dienstagabend, an dem wie an jedem Dienstagabend Kultur auf dem Programm steht. Noch proben Jan Gohds, Tim Gressler und Nils Stamm, die Lokal-Band Gonzo & Tim feat. Nils mit eigenen Liedern und Texten, singen „Kleinstadt du blöde Sau, kommst mir gerade recht, babschubisduuuu, bussiduu...“.

Kult am Kulturdienstag: Gonzo & Tim feat. Nils. Foto: Schuurman
Kult am Kulturdienstag: Gonzo & Tim feat. Nils. Foto: Schuurman

Bühne mit Berührungspotenzial

Auf hundert Quadratmetern Kneipe ist gegen halb sieben noch mancher Platz zu haben. Das soll sich bis um acht deutlich ändern. Eine Weile später drängt es sich überall und nicht nur an der kleinen Bühne, wo sich so langsam die Band zum Spielen bereitmacht. Eine Bühne übrigens mit Berührungspotenzial für die Künstler. Es ist eng im Einstein. Die Künstler drängt aber niemand, auch zeitlich nicht. Tatsächlich scheinen sie auch nicht der Haupt-Act an diesem Abend zu sein, das ist wie immer das Einstein selbst. Man trifft sich hier einfach zu jeder Gelegenheit.

Aufwärmen: Die Ofenidee hat sich das Einstein auf Norderney abgeguckt, heißt es. Foto: Ortgies
Aufwärmen: Die Ofenidee hat sich das Einstein auf Norderney abgeguckt, heißt es. Foto: Ortgies

Seit mehr als 30 Jahren ist das so oder so ähnlich, sagt Jens Friesenborg (54). Er hat das Lokal 1997 übernommen. Gegründet wurde das Einstein Anfang 1988 von einem Trio um Urmel Meyering. Der freischaffende Bühnen- und Kulissenbauer, Musiker und Lebenskünstler gehörte mit Michael Bucksath (genannt Rosi) und Andrea Schink (Andy) zu den Aushilfen, die seinerzeit aus dem legendären Appelboom rausgeflogen waren. Von einem Streit war da die Rede.

Die einzig wahre Studentenkneipe

Das Trio eröffnete daraufhin nur einen Steinwurf entfernt das Einstein. Bis in die zweite Hälfte der 1980er Jahre war das Appelboom vielen Studenten wichtiger als der Hörsaal. Dort hatte Meyering als Sozialwesen-Student jahrelang am Zapfhahn gestanden und Musik gemacht. Und dann lief das Einstein dem Appelboom den Rang als Studentenkneipe ab und blieb es bis heute mit Alleinstellungsmerkmal in Emden.

Raumeinnehmend und urgemütlich: der Tresenbereich. Foto: Schuurman
Raumeinnehmend und urgemütlich: der Tresenbereich. Foto: Schuurman

Auch Friesenborg fing mal als studentische Aushilfskraft im Einstein hinter dem Tresen an, schloss sein Studium der Sozialen Arbeit gerade noch so ab. Die vorherige Ausbildung zum Tischler kommt ihm heute im Kneipenbetrieb noch genauso zugute wie das Studium selbst, sagt er. „Ich versuche Hand dran zu halten, mal die eine Ecke, dann die andere hier umzubauen. Aber alles in Maßen.“ Im Kneipenraum zur Bollwerkstraße werden ab 18 Uhr Aschenbecher auf die Tische gestellt. Im Durchgangszimmer zu den Toiletten stehen Kicker, Dart und Flipper, ganz hinten im Wohnzimmer beleuchten Stehlampen Couchgarnitur und Tische. Große Veränderungen sind hier weder erwünscht noch erwartet.

Kickern ist beliebt bei den Großen. Foto: Ortgies
Kickern ist beliebt bei den Großen. Foto: Ortgies

Spielplatz als Glücksfall

Dabei habe sich das Einstein schon sehr gewandelt im Laufe der vergangenen 20, 30 Jahre. „Früher war es Kneipe, jetzt viel mehr Café“, sagt Friesenborg. Vor allem seit etwa acht Jahren, seitdem das Einstein auch den großen Spielplatz nebenan „bewirtschaftet“. Die Genehmigung dafür zu bekommen, war aber nicht einfach. Zwar nutzte jeder Spielplatzbesucher die Toilette des Einstein, Getränke durfte Friesenborg zunächst aber draußen nicht verkaufen.

Kickern ist aber auch bei den Kleinen angesagt: Hier sind Jacob, Jara und Enna Friesenborg am Zug. Foto: Schuurman
Kickern ist aber auch bei den Kleinen angesagt: Hier sind Jacob, Jara und Enna Friesenborg am Zug. Foto: Schuurman

An Sommertagen verdoppelt das Einstein inzwischen seine Fläche, Tische, Bänke und Stühle stehen auf der Rasenfläche. In lockerer Atmosphäre holen sich nicht nur Eltern Getränke aus dem Café, während die Kids spielen. Jung und Alt geben sich im Einstein die Klinke in die Hand. Seit zwei Jahren zieht außerdem der Kultursommer Emder auf den Stephansplatz und ins Einstein. Auch die Stadt wirbt längst mit der besonderen Aufenthaltsqualität durch diese kongeniale Verbindung. Seitens der Stadtplanung werden Bewirtung, Kultur und Spielplatz zum Vorbild für andere Innenstadtflächen wie den Burgplatz zitiert. „Der Spielplatz ist für uns ein Glücksfall“, sagt Friesenborg. „Aber eben auch für die Stadt.“

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Café Einstein in Emden | Kultige Kneipen #3
12.03.2024

Die Woche gut durchgetaktet

Mancher Nachbar mag genervt sein, doch abends um neun sei auch beim Kultursommer Ruhe, versichert Friesenborg. Im Einstein dauert der Tag dagegen in der Regel länger, sieben Tage die Woche, in der Woche von 10 bis 1, an Wochenenden auch schon mal bis 3 Uhr.

Darten im Wohnzimmer des Café Einstein. Foto: Ortgies
Darten im Wohnzimmer des Café Einstein. Foto: Ortgies

Montags ist Humpentag, heißt, das 0,4-Glas Bier gibt es für 2,50 Euro. Es folgen der Kulturdienstag - meist mit Bands, aber auch mal mit Quiz oder Bingo. Mittwochs ist Kicker-Turnier (eine Stammkundin kümmert sich darum), donnerstags ist Stammtisch, die übrigen Tage sind Normalbetrieb wie Friesenborg aufzählt, wobei Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag auch längst zum Einstein-Wochenablauf dazugehören. „Undenkbar früher“, sagt Friesenborg. „Da trank man als Student höchstens mal einen Kakao für `ne Mark.“

Aushilfen und Angestellte sind das Aushängeschild

Gepflegtes Bier am Abend, vor allem aber auch lecker Kaffee den ganzen Tag über - das gibt es nicht zuletzt deshalb, weil ein echter Barista im Einstein am Werke ist. Kawa Resho gehört zu den drei Festangestellten im Einstein. Der syrische Flüchtling arbeitet dort seit sechs Jahren und machte in dieser Zeit auch seine Ausbildung zum Barista. Heiko Röppke ist daneben „die gute Seele“ im Einstein. Ihm und allen studentischen Aushilfen überlässt Friesenborg voller Vertrauen das operative Geschäft. „Die, die den Laden verkörpern, stehen hinter dem Tresen.“

Soundcheck: Heiko Röppke als gute Seele des Lokals unterstützt die Musiker Jan Gohds und Tim Gressler. Foto: Schuurman
Soundcheck: Heiko Röppke als gute Seele des Lokals unterstützt die Musiker Jan Gohds und Tim Gressler. Foto: Schuurman

Der Laden läuft - auch ohne Laufkundschaft. „Zu uns kommen die Gäste gezielt“, sagt Friesenborg. Das Publikum sitzt auch an diesem Dienstagabend generationsübergreifend an einem Tisch. Es wird Geburtstag gefeiert, Muttern hat für ihre gar nicht so private Party den langen Tisch reservieren lassen, zu ihren erwachsenen Kindern gesellen sich auch noch andere Gäste dazu. Man kommt hier schnell ins Gespräch. Die Studentenkneipe von einst ist tatsächlich eine für alle Altersgruppen geworden - aber dennoch nicht für jede Klientel. Lautes Feierpublikum aus der Stadt verirrt sich hierher nur selten. „Zum Glück“, sagt Friesenborg.

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