Analyse zum Industrie-Traum  Löhne in Ostfriesland – so hoch wie die Berge an der Nordsee-Küste

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 09.12.2024 14:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
7 Prozent mehr Lohn forderte die IG Metall im Oktober in Bayern. Das mittlere Monatseinkommen in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie lag nach Daten der Bundesarbeitsagentur aber schon im Jahr 2023 mehr als 800 Euro über dem branchenübergreifenden Deutschland-Wert. In ostfriesischen Landkreisen wurde das Medianentgelt der Metaller aber um gut 1000 Euro unterboten. Pro Monat. Foto: Daniel Karmann/dpa
7 Prozent mehr Lohn forderte die IG Metall im Oktober in Bayern. Das mittlere Monatseinkommen in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie lag nach Daten der Bundesarbeitsagentur aber schon im Jahr 2023 mehr als 800 Euro über dem branchenübergreifenden Deutschland-Wert. In ostfriesischen Landkreisen wurde das Medianentgelt der Metaller aber um gut 1000 Euro unterboten. Pro Monat. Foto: Daniel Karmann/dpa
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Niedersachsens Wirtschaftsminister träumt von der klimafreundlichen Industrialisierung des Nordwestens. Aber wie sollen Arbeitskräfte gewonnen werden? Ostfriesische Niedriglöhne dürften abschrecken.

Ostfriesland - „Industrie folgt Energie“, verkündete Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) – einmal mehr – am 5. Dezember 2024 per Pressemitteilung. „Diesem Leitspruch folgend [...] wollen wir den Nordwesten Deutschlands zur Vorzeigeregion für die klimafreundliche Weiterentwicklung unserer Industrie machen.“

Doch Industrie braucht auch Arbeitskräfte. Und zumindest an Fachkräften soll es in Deutschland mangeln, wie vielfach beklagt wird. Dass aus der ostfriesischen Bevölkerung heraus von der Dimension her ein weiteres VW-Werk personell versorgt werden könnte, kann bezweifelt werden: Im November 2024 registrierte die Arbeitsagentur Emden-Leer 2332 unbesetzte Stellen in ihrem Bezirk (Ostfriesland). Obwohl 15.817 Menschen arbeitslos gemeldet waren. Jobs sind unbesetzt – trotz Arbeitskräfte-Überangebots.

Ein mittleres Monatsentgelt in Ostfriesland – ein paar Hundert Euro weniger

Dass die Nordsee-Nähe und andere landschaftliche Reize nicht ausreichen, um genügend Arbeitnehmer nach Ostfriesland zu locken, haben in den vergangenen Jahren unter anderem Kliniken festgestellt. Bei beruflicher Arbeit geht es auch und gerade ums Geld. Und an der Höhe der Löhne krankt es in Ostfriesland, wie aus der Entgelt-Statistik der Bundesarbeitsagentur für das Jahr 2023 hervorgeht.

Das mittlere Monatseinkommen (Medianentgelt) der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten im Arbeitsagentur-Bezirk Emden-Leer lag demnach bei 3406 Euro: Das Spektrum reichte von 3211 Euro (Kreis Wittmund) bis 4106 Euro (Emden). Das ostfriesische Medianentgelt befand sich damit 221 Euro unter dem Landes-Wert, 390 Euro unter dem Deutschland-Wert – und 2231 Euro unter dem Medianentgelt des Spitzenreiters unter den 400 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland, der Stadt Ingolstadt. Jeweils pro Monat gerechnet.

In Ostfriesland arbeiten viele im Gastgewerbe – aber dort wird wenig bezahlt

Wird Beschäftigten in Ostfriesland einfach weniger bezahlt – oder senkt beispielsweise ein Branchen-Mix das Lohn-Niveau, in dem Wirtschaftszweige mit tendenziell niedrigeren Arbeitsentgelten überrepräsentiert sind?

Beispiel Gastgewerbe: Der Anteil an den sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten liegt bundesweit bei 2,38 Prozent, in der Urlaubsregion Ostfriesland bei 4,25 Prozent. Der Kreis Aurich kommt sogar auf 6,7 und der Kreis Wittmund auf 8 Prozent. Das Medianentgelt der Branche liegt fast 1300 Euro unter dem branchenübergreifenden Wert in Deutschland.

Wirtschaftszweige mit hohem Lohn-Niveau sind in Ostfriesland relativ dürr

Im Bereich von „Immobilien, freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen“ wird hingegen überdurchschnittlich entlohnt. Bundesweit arbeiten 8,9 Prozent der Vollzeitbeschäftigten in dem Bereich, in Ostfriesland 6,3 Prozent. Hinzu kommt, dass das ostfriesische Medianentgelt in diesem Wirtschaftszweig circa 850 Euro unter dem Bundeswert liegt.

Das ist kein Einzelfall. Insbesondere in den ostfriesischen Landkreisen werden auch etliche der branchenorientiert berechneten Medianentgelte in Deutschland unterboten. Emden mit seinem VW-Werk schneidet besser ab. Allerdings prägen die Kreise das regionale Lohn-Niveau. Sie kamen laut Arbeitsagentur-Statistik anno 2023 zusammen auf 73.504 Vollzeitbeschäftigte, Emden auf 23.468.

So wird die Arbeit von Spezialisten und Experten in Ostfriesland entlohnt

Beispiel Metall-, Elektro- und Stahlindustrie: Bundesweit lag das mittlere Monatseinkommen bei 4538 Euro, in Emden bei 5114 Euro, im Kreis Aurich bei 3436 und im Kreis Leer bei 3435 Euro. Für Wittmund war kein Medianentgelt in der Statistik der Bundesarbeitsagentur nicht ausgewiesen.

Wirtschaftszweige mit höherem Lohn-Niveau sind in Ostfriesland unterrepräsentiert, Branchen mit niedrigerem Lohn-Niveau überrepräsentiert. Das niedrige Medianentgelt der Arbeitnehmer ingesamt rührt aber auch daher, dass in Ostfriesland zudem die Medianentgelte innerhalb einiger Branchen unterboten werden. Quelle der Daten: Bundesagentur für Arbeit.
Wirtschaftszweige mit höherem Lohn-Niveau sind in Ostfriesland unterrepräsentiert, Branchen mit niedrigerem Lohn-Niveau überrepräsentiert. Das niedrige Medianentgelt der Arbeitnehmer ingesamt rührt aber auch daher, dass in Ostfriesland zudem die Medianentgelte innerhalb einiger Branchen unterboten werden. Quelle der Daten: Bundesagentur für Arbeit.

Sogar Spezialisten verdienen in Ostfriesland weniger als anderswo: Emden kommt zwar auf 81 Euro an das entsprechende Medianentgelt auf Bundesebene heran, die Landkreise liegen aber ungefähr 600 bis 900 Euro darunter. Bei den Experten ist Emden rund 70 Euro über dem Medianentgelt in Deutschland, die Kreise bis zu 1000 Euro darunter. Pro Monat.

Selbst Spezialisten und Experten werden in Ostfriesland tendenziell schlecht bezahlt. Quelle der Daten: Bundesagentur für Arbeit.
Selbst Spezialisten und Experten werden in Ostfriesland tendenziell schlecht bezahlt. Quelle der Daten: Bundesagentur für Arbeit.

Niedrige Preise in Ostfriesland können Niedriglöhne nicht egalisieren

Das niedrige Preis-Niveau in Ostfriesland vermag das niedrige Einkommens-Niveau nur im Kreis Wittmund zu egalisieren. Nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) lagen im Jahr 2022 die Preise 4,7 (Kreis Aurich) bis 6,2 Prozent (Kreis Wittmund) unter dem Bundesschnitt. Die „Verfügbaren Einkommen“ je Einwohner waren nach Daten der Statistik-Ämter jedoch 4,5 (Kreis Wittmund) bis 19,3 Prozent (Emden) unter dem Schnitt.

Das Preis-Niveau in Ostfriesland liegt nicht so niedrig wie das Lohn-Niveau. Das wirkt sich entsprechend negativ auf die Kaufkraft aus. Quellen: BBSR/IW, Statistik-Ämter
Das Preis-Niveau in Ostfriesland liegt nicht so niedrig wie das Lohn-Niveau. Das wirkt sich entsprechend negativ auf die Kaufkraft aus. Quellen: BBSR/IW, Statistik-Ämter

Ob das bestehende Lohn-Preis-Gefüge in Ostfriesland attraktiv genug ist, um genügend geeignete Arbeitnehmer ausreichend zeitnah für einen etwaigen Energiewende-Boom anzulocken, erscheint fraglich. Möglicherweise können ansiedlungswillige Unternehmen aber das erforderliche Personal gewinnen, indem sie attraktive Löhne bieten – und damit das Lohn-Niveau in der Region anheben. Andere Arbeitgeber müssen dann womöglich nachziehen, wenn sie verhindern möchten, dass ihnen die bisherige Belegschaft sozusagen rausgekauft wird.

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