Besuch in Suurhusen Warum der schiefe Turm so schief ist
Schieflage in Suurhusen: In dem Hinteraner Ortsteil befindet sich ein wahrer Weltrekordhalter. Wir haben uns hinter den Kulissen eines der schiefsten Türme der Welt umgesehen.
Hinte - Weiße Flocken fallen vom Himmel, sammeln sich auf dem Dach der alten Kirche von Suurhusen. Auf der Bundesstraße ganz in der Nähe fährt ein Traktor mit Streugut vorbei. Meine Fußspuren sind die ersten im Neuschnee an diesem Vormittag, der Friedhof direkt vor der Kirche scheint heute noch nicht besucht worden zu sein.
Aber wir sind ja auch gar nicht hier, um den Friedhof zu besuchen, sondern eine der größten Besonderheiten weltweit. Denn in Suurhusen steht der schiefste Kirchturm der Erde. „Auf der Kamera sieht der Turm gar nicht so schief aus“, sagt der Fotograf. Doch wenn man einmal davor steht, wird es ganz schnell deutlich: Gerade ist an diesem Turm fast nichts. Das Mauerwerk ist abgesackt, der Turm biegt sich nach rechts. Dafür gab es den Weltrekord. Am 8. November 2007 wurde der Suurhuser Kirchturm ganz offiziell vom Guinness-Buch der Weltrekorde als schiefster Turm der Welt ausgezeichnet. Pastor Frank Wessels nahm feierlich eine entsprechende Urkunde entgegen. Die hängt auch heute noch im Eingangsbereich der Kirche, gleich neben dem Aufgang zum weltberühmten schiefen Turm.
Liegen unter dem Turm Berühmtheiten begraben?
Auch innen in der Kirche ist vieles krumm und schief. Aber genau das macht den Charme der Kirche aus, findet Eilt Dirks aus Suurhusen. Schon seit über 20 Jahren führt der Rentner als Gästeführer Besucher durch die Suurhuser Kirche. Der schiefe Turm ist weltberühmt, selbst aus Amerika kamen schon Besucher, erzählt der 81-Jährige. Apropos Amerika: „Ich zeige Ihnen jetzt mal ein ganz besonderes Grab“, sagt Eilt Dirks, als er mich über etwas unwegsames Gelände zu einem unscheinbaren Grab auf dem kleinen Friedhof vor der Kirche führt. „Trump“ steht in großen Lettern auf dem schwarzen Grabstein. „Hier liegt der Bruder von Donald Trump begraben“, sagt Eilts. Er geht um das Grab herum, durch den Schnee, und läuft zielgerecht auf einen weiteren Grabstein zu. „Und hier liegt seine Schwester, Alida, ebenfalls eine geborene Trump.“
So ganz stimmt das natürlich nicht. Der jetzige US-Präsident hat zwar deutsche Vorfahren, die kommen allerdings aus der Pfalz. In Suurhusen liegen sie nicht begraben. Bei den amerikanischen Touristen komme die Geschichte trotzdem immer gut an, sagt Dirks. Überhaupt sei es immer wieder lustig, die Besucher mit kleinen Anekdoten aus der Kirchengeschichte zu erheitern. In den Genuss kommen wir heute auch. Früher soll ein Prediger beispielsweise einmal so leidenschaftlich auf die Kanzel geschlagen haben, dass die gesamte Kanzel samt Prediger hinabfiel, sagt Dirks. Doch der Mann habe sich einfach wieder aufgerappelt, den Staub abgeputzt und seine Predigt, neben der zerstörten Kanzel stehend, fortgeführt. Manchmal musste man während den Predigen eben etwas lauter werden, um die schlafenden Suurhuser bei Laune zu halten, erzählt Dirks mit einem Augenzwinkern.
Für die Suurhuser bleibt ihr Turm der schiefste von allen
Mit einem Augenzwinkern berichtet Dirks auch von den vielen Ehen, die bereits in der Kirche mit dem schiefen Turm geschlossen wurden. „Wenn man schließlich in so einer schiefen Kirche heiratet, da kann die Ehe nicht mehr schiefgehen“, so Dirks. „Aber das können wir natürlich nicht versprechen“, fügt er mit einem Lachen hinzu. Das Lachen vergeht ihm etwas, als ich ihn auf den neuen Rekordhalter anspreche. Denn im Jahr 2022 ernannte das Guinness-Buch der Rekorde einen Turm in Gau-Weinheim, einem kleinen Örtchen südwestlich von Mainz, zum schiefsten Turm der Welt. Von dem neuen Rekord will Eilt Dirks nichts wissen. „Das ist ja nur ein Wehrturm, das ist gar kein Kirchturm“, sagt er. Für ihn bleibt „sein“ Suurhuser Kirchturm der Rekordhalter.
Ganz nach oben auf den möglicherweise noch immer schiefsten Kirchturm der Welt kommt man leider nicht, aus Sicherheitsgründen. Aber auch vom ersten Zwischenboden, wo die große Glocke hängt, sieht man schon einiges. Da steht zum Beispiel ein Sarg, ein sogenannter Gemeindesarg. Särge waren auch früher schon teuer. Nicht jeder konnte sich für den verstorbenen Angehörigen einen eigenen Sarg leisten. Darum gab es in den Kirchengemeinden diese Gemeindesärge, in denen die Verstorbenen zum Grab transportiert wurden, worin sie aber nicht bestattet wurden. Der Sarg verblieb bei der Kirche.
Warum ist der Turm überhaupt so schief?
Der Turm der Suurhuser Kirche wurde auf Eichenbohlen über dem Boden erbaut. Das war etwa im Jahr 1450. Was damals noch gut funktionierte, sorgte einige Jahrhunderte später für große und schiefe Probleme. Denn ab dem 20. Jahrhundert verbesserten sich die Entwässerungsmöglichkeiten an der Küste. Das hatte unter anderem zur Folge, dass auch der Grundwasserspiegel in Ostfriesland gehörig sank. Die Hunderte Jahre alten Eichenbohlen waren bis dato vom Grundwasser konserviert worden, doch mit dessen Absenkung zersetzten sich auch die Bohlen nach und nach. Sie konnten die Masse des Turmes nicht mehr tragen, das Mauerwerk sackte immer weiter ab.
Schon 1885 wurde erstmals ein Überhang des Turmes festgestellt. Damals war die Schieflage allerdings bei Weitem noch nicht so auffällig wie heute. Im Jahr 1929 wurde beispielsweise ein Überhang von 1,15 Metern festgestellt. 1967 betrug der Überhang des Turmes bereits 2,03 Meter. Zehn Jahre später waren es noch mal gut 15 Zentimeter mehr. Schließlich wurden der Turm und der Giebel im Jahr 1989 durch ein Stahlkorsett gesichert. Ursprünglich befand sich oben auf dem Turm auch noch ein Dachreiter, etwa zwölf Meter hoch. Dieser wurde jedoch im Jahr 1926 abgebaut, um das weitere Kippen des Turms zu stoppen.
Die Kirche: Schon immer ein Zufluchtsort
Die Suurhuser Kirche diente damals wie heute vielen Menschen als Zufluchtsort. Zu Zeiten von Kriegen oder auch während der Sturmfluten retteten sich viele Suurhuser in das schützende Kirchengebäude, erbaut auf einer höher liegenden Warf. Als die Kirche gebaut wurde, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, war sie noch turmlos. Als dann etwa 200 Jahre später der Turm angebaut wurde, musste das Kirchengebäude verkleinert werden. Für den Turm wäre sonst auf der Warf kein Platz gewesen.
Ein ganz besonderes Denkmal der Geschichte findet sich an der nordwestlichen Ecke vom Mauerwerk des Turms wieder. Auf einigen Metern Höhe befindet sich dort, gleich neben der nicht ganz so historischen Regenrinne, ein gräulicher Stein, der sich ganz deutlich von den rotbraunen Backsteinen abhebt. „Dieser Stein bezeichnet die Allerheiligen-Sturmflut von 1570“, weiß Eilt Dirks. Damals wurde die gesamte Nordseeküste überspült, von der Küste in den südlichen Niederlanden bis zu Halbinsel Eiderstedt, auf der sich unter anderem der Küstenort Sankt Peter Ording befindet.
Über die Geschichte des wohl schiefsten Kirchturms der Welt möchte Dirks noch so lange wie möglich aufklären. „So lange, wie es noch geht“, wird er darum weiterhin Besucher durch diesen großen Rekordhalter im kleinen Suurhusen führen.