Sabotage und Datenklau Spionage-Windräder vor Borkum?
90 Kilometer vor Borkum will das Hamburger Unternehmen Luxcara einen Windpark mit chinesischen Turbinen bauen. Doch Sicherheitsexperten warnen vor möglicher Spionage.
Borkum/Hamburg - Sie sind die derzeit leistungsstärksten Turbinen am Markt und sollen sich ab 2028 auch in der Nordsee drehen. Doch die Pläne des Hamburger Vermögensverwalters Luxcara, in seinem neuen Offshore-Windpark „Waterkant“ rund 90 Kilometer nördlich von Borkum Windkraftanlagen aus chinesischer Fertigung zu bauen, stoßen auf massive Kritik. Die Sorge: Die Volksrepublik China könnte die Anlagen zur Spionage und Sabotage der deutschen Energieversorgung nutzen.
Sicherheitsexperten warnen vor chinesischer Beteiligung
„Es ist naheliegend,dass Offshore-Windparks ein geostrategisches Ziel für fremde Mächte sein können, da sie bereits jetzt einen Teil unserer Energieversorgung sichern und in Zukunft dieser Anteil steigen wird“, sagt Siemtje Möller, SPD-Bundestagsabgeordnete aus Friesland/Wittmund und Staatssekretärin im Bundesverteidigungsministerium, auf Nachfrage. Zudem stehen die Windkraftanlagen in Nähe zu den deutschen Küsten und zu relevanten Handelsrouten. „Ich halte es deshalb für nicht abwegig, dass es für China von strategischem Interesse ist, dort eigene WKA zu platzieren. Und natürlich könnte dort auch die Sammlung von Daten interessant sein, zum Beispiel zur Energienutzung oder zu Schiffsbewegungen“, sagt Möller. Sie schaue mit Sorgenfalten auf der Stirn auf die Pläne.
Möller verweist auf eine Analyse, die ihr Ministerium bei der Bundeswehr-Forschungsstelle GIDS - German Institute for Defence and Strategic Studies in Hamburg in Auftrag gegeben hatte. Das GIDS, eine Kooperation der Führungsakademie der Bundeswehr und der Universität der Bundeswehr Hamburg, untersucht als Denkfabrik sicherheitspolitische Fragen. In dem internen Papier zu dem Windpark-Projekt sei von ernstzunehmenden Risiken die Rede. „Das Papier zum Themenbereich Schutz der maritimen kritischen Infrastruktur empfiehlt, chinesische Windkraftprojekte kritisch zu prüfen und dort, wo geboten, zu verhindern, etwa mit Blick auf nationales Vergaberecht, europäische Regelungen, branchenspezifische gesetzliche Regelungen und sicherheitspolitische Einschätzungen“, teilte ein Sprecher von GIDS auf Nachfrage dieser Zeitung mit.
16 Turbinen von Ming Yang Smart Energy für Windpark „Waterkant“
Im Juli 2024 hatte Luxcara angekündigt, dass er auf der Offshore-Fläche „N6-7“ in der Deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) der Nordsee 16 Turbinen der chinesischen Firma Ming Yang Smart Energy mit bis zu 18,5 Megawatt Nennleistung bauen lassen wird. Den Zuschlag für die Fläche und den Bau eines 270-Megawatt-Offshore-Windparks hatte das Bieterunternehmen Waterkant Energy 2023 bei der deutschen Offshore-Windauktion erhalten. Bei der Fläche von 16 Quadratkilometern Größe handelt es sich um einen schmalen Streifen, der nördlich vor den bestehenden Windparks „Deutsche Bucht“, „Veja Mate“ und „Bard Offshore 1“ liegt.
Luxcara ist nach eigenen Angaben ein unabhängiger Vermögensverwalter, der internationalen Investoren im globalen Markt für erneuerbare Energien Möglichkeiten zur Kapital- und Fremdkapitalinvestition bietet. Das Portfolio des Unternehmens umfasse „saubere Infrastruktur in ganz Europa mit einer Gesamtkapazität von mehr als fünf Gigawatt und einem Investitionsvolumen von rund sechs Milliarden Euro“.
Europäische Windkraftbranche sieht Wettbewerbsverzerrung
Direkt nach Bekanntgabe der Windpark-Pläne hatte es bereits Kritik von Seiten der europäischen Windkraftbranche gehagelt: Der Deal zwischen Luxcara und Ming Yang Smart Energy öffne den chinesischen Windanlagenherstellern Tür und Tor zum europäischen Markt. Der Wettbewerb mit den hochsubventionierten – und deshalb kostengünstigen – Turbinen aus China könne der Anfang vom Ende der europäischen Offshore-Industrie sein, so wie vor zehn Jahren der Solarindustrie geschehen. Die Europäische Union hatte deshalb angekündigt, eine Marktüberprüfung wegen chinesischer Wettbewerbsverzerrungen vorzunehmen.
Auch Siemtje Möller hält es „hinsichtlich des wirtschaftlichen und geopolitischen Wettbewerbs mit China durchaus für schwierig, dass in dem Windpark WKA aus chinesischer Produktion errichtet werden sollen und nicht die von deutschen/europäischen Betrieben. Wir haben ja Marktführer im Bereich Windkraftanlagenbau und auch unsere Stahlbetriebe stehen in direkter und scharfer Konkurrenz mit dem billigen Stahl aus China.“
Gefahr von Spionage und Sabotage?
Nun kommt noch der Spionage-Verdacht hinzu. Hintergrund ist, dass chinesische Konzerne im Ruf stehen, mit dem Regime in Peking zu kooperieren und sogar direkte Anweisungen zu befolgen. Die Volksrepublik China ist laut alljährlichem Verfassungsschutzbericht längst einer der vier Hauptakteure von „gegen Deutschland gerichteter Spionage, nachrichtendienstlich gesteuerter Cyberangriffe, von Proliferation (Abgreifen von militärischer Technologoe und Knowhow insbesondere zu Massenvernichtungswaffen) und von unzulässiger Einflussnahme“. Die anderen drei Spionage-Staaten sind laut Bundesamt für Verfassungsschutz die Russische Föderation, die Islamische Republik Iran und die Republik Türkei.
Die Spionage-Gefahr durch die VR China wird als so hoch bewertet, dass die Bundesregierung im vergangenen Jahr die deutschen Mobilfunkbetreiber verpflichtet hat, bis spätestens Ende 2026 technische Komponenten der Hersteller Huawei und ZTE aus den 5G-Kernnetzen zu nehmen.
„Auch mögliche Störungen durch Sabotage sind nicht aus der Luft gegriffen“, sagt Siemtje Möller und verweist auf die Möglichkeit, dass durch hybride Angriffe Windparks einfach abgeschaltet werden. Ein Beispiel: Im Februar 2022 hatte ein Cyber-Angriff auf einen Satelliten dazu geführt, dass die Firma Enercon die Verbindung zu 5800 Windenergieanlagen – Gesamterzeugungskapazität von rund 10 Gigawatt – vor allem in Deutschland, aber auch in Frankreich, Österreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg und Teilen Großbritanniens und Skandinaviens verlor. Wie sich später herausstellte, galt der Angriff nicht Enercon oder der deutschen Energieversorgung. Stattdessen sollen russische Militärstrategen einen Satelliten lahmgelegt haben, um eine Kommunikationsstörung auf ukrainischer Seite zu erreichen.
Kritische Infrastruktur Energie
Dass die Energieversorgung in Deutschland durchaus absichtliches Ziel von Cyberattacken ist, zeigt der „Lagebericht IT-Sicherheit“ des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik: 2024 gab es demnach 726 Angriffe auf Behörden, Einrichtungen und Unternehmen sowie Infrastruktur, in 137 Fällen war die Energieversorgung betroffen. „Kritische Infrastrukturen sind besonders von einer störungsfrei arbeitenden IT abhängig. Die Gefährdungslage für Unternehmen bleibt angespannt, die Zahl der Cybervorfälle steigt. Erfolgreiche Angriffe auf KRITIS-Betreiber können nicht nur zu wirtschaftlichen Schäden führen, sondern sich auch auf die Versorgung der Bevölkerung mit kritischen Dienstleistungen auswirken. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, müssen Betreiber ein hohes Niveau an Cybersicherheit erreichen und halten“, lautet das Fazit des Berichts.
Das sagt Luxcara zur Kritik an den Windpark-Plänen
All das sei auch den Projekt-Verantwortlichen in Hamburg bewusst, heißt es bei Luxcara. Man sei dennoch davon überzeugt, dass die ambitionierten Ausbauziele und letztlich die Energiewende in Deutschland ohne chinesische Komponenten nicht möglich sein werde. Man habe sich nach eingehender Prüfung aller Angebote für die leistungsstärkste Turbine entschieden.
Für das Projekt Waterkant seien insbesondere technische, wirtschaftliche und sicherheitsrelevante Aspekte der Windpark-Planung umfassend geprüft worden, teilte eine Luxcara-Sprecherin auf Nachfrage mit. Besonderes Augenmerk habe dabei auf dem KRITIS-Schutz gelegen. So würden die für die Cybersicherheit kritischen Komponenten des Windparkprojekts Waterkant wie das Steuerungselement in der Windturbine oder die windparkinternen Unterseekabel ausschließlich von europäischen Herstellern geliefert. Und weiter: „Alle kritischen Komponenten des Windparks werden vor Inbetriebnahme detaillierten Funktions- und Sicherheitstests unterzogen“, betont Luxcara. Im laufenden Betrieb werde der Windturbinenhersteller keinen unmittelbaren Zugriff auf die Steuerung der Anlagen haben, die Wartung werde „vollständig und ausnahmslos“ von deutschen und europäischen Fachfirmen vorgenommen.
Chinesische Hardware in Windkraftanlagen längst üblich
Luxcara vermisst in der Debatte, dass differenziert wird, welche Komponenten in Windkraftanlagen genau als kritisch zu betrachten sind. „Europäische Windkraftanlagenhersteller beziehen seit langem einen großen Teil ihrer Hardwarekomponenten von chinesischen Herstellern, die sie in ihren Anlagen verwenden und weiterhin verwenden werden. Zusätzlich werden auch in anderen EU-Staaten Windkraftanlagen chinesischer Hersteller geplant oder sind bereits im Einsatz“, so die Sprecherin. Man suche derzeit proaktiv den Austausch, um GIDS und Verteidigungsministerium einen direkten Einblick in die Sicherheitsarchitektur des Projektes zu gewähren „und darzulegen, welche Vorkehrungen wir im Rahmen des Projektes treffen“.