EWE  Leeranerin sollte für verkauftes Haus Strom und Gas zahlen

| | 05.05.2026 18:32 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Bis Ende 2025 wurde in diesem Gebäude in Nordenham ein Kino betrieben. Die Leeranerin Vera Struncius hatte es bereits 2012 verkauft. Foto: Timo Kühnemuth/Kreiszeitung Wesermarsch
Bis Ende 2025 wurde in diesem Gebäude in Nordenham ein Kino betrieben. Die Leeranerin Vera Struncius hatte es bereits 2012 verkauft. Foto: Timo Kühnemuth/Kreiszeitung Wesermarsch
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2012 verkaufte eine Leeranerin ein Gebäude in Nordenham. Bis Ende Dezember wurde dort ein Kino betrieben. Anfang Januar begrüßte sie die EWE als neue Kundin für das Gebäude. Es begann eine Odyssee.

Leer - Als Vera Struncius am 12. Januar einen Brief der EWE öffnete, war sie zunächst ratlos. In dem Schreiben wurde die Leeranerin als Kundin in der Grundversorgung für Strom begrüßt. „Ich hab erst gar nicht begriffen, worum es geht“, sagt sie. Erst beim genaueren Hinsehen habe sie erkannt, dass es um das Gebäude in der Hansingstraße 6 in Nordenham ging. Dieses hatte sie vor vielen Jahren geerbt. „Ich habe das Gebäude aber bereits 2012 an zwei Brüder verkauft“, sagt Struncius. Die EWE wusste das jedoch nicht.

Vera Struncius bekam von der EWE Briefe, in denen sie in der Grundversorgung für das Nordenhamer Gebäude begrüßt wurde. Foto: Sabrina Krabbenhoeft/Kreiszeitung Wesermarsch
Vera Struncius bekam von der EWE Briefe, in denen sie in der Grundversorgung für das Nordenhamer Gebäude begrüßt wurde. Foto: Sabrina Krabbenhoeft/Kreiszeitung Wesermarsch

In dem Gebäude war mehr als 100 Jahre lang ein Kino. Seit 2011 wurde es laut der Kreiszeitung Wesermarsch von Hans-Joachim Döring als Pächter betrieben. Er verstarb laut dem Artikel am 10. Dezember 2025, eine Woche nachdem er bekanntgegeben hatte, dass er den Filmpalast Ende des Jahres schließen wolle, „schweren Herzens und nach langer, vergeblicher Suche nach einem Nachfolger“. Der Kinobetrieb kam abrupt zum Erliegen.

Dokument im EWE-Shop in Leer abgegeben

Vera Struncius entschied sich, die Sache gleich zu klären. „Ich bin direkt am 12. Januar zum EWE-Shop in die Mühlenstraße in Leer gegangen – samt Grundbuchauszug“, sagt sie. Der Mitarbeiter habe das Schreiben und das Dokument eingescannt und habe es weiterleiten wollen. „Eine Empfangsbestätigung konnte er nicht ausstellen.“ Doch damit war die Sache nicht beendet. Am 15. Januar erhielt Vera Struncius ein erneutes Schreiben der EWE. Dieses Mal ging es allerdings um die Grundversorgung für Gas. Bei einem Anruf im Kundenzentrum habe man den Gasvertrag wieder stornieren können, aber nicht den Stromvertrag. „Mir wurde geraten, bei EWE Netz anzurufen“, sagt die Leeranerin. Das tat sie auch, doch dort sei ihr gesagt worden, dass sie nichts machen müsse. „Es besteht kein Handlungsbedarf“, habe ihr der Mitarbeiter wörtlich gesagt. Die Informationen würden direkt von EWE Vertrieb weitergeleitet.

Die EWE wusste nichts von dem Verkauf des Gebäudes. Vera Struncius versuchte, Belege nachzureichen. Doch die kamen nicht an der richtigen Stelle an. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Die EWE wusste nichts von dem Verkauf des Gebäudes. Vera Struncius versuchte, Belege nachzureichen. Doch die kamen nicht an der richtigen Stelle an. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Doch gelöst war das Problem noch lange nicht. Vera Struncius versuchte es ein weiteres Mal über das Kontaktformular und schilderte die Hintergründe. Doch am 30. Januar erhielt Vera Struncius erst einmal eine Rechnung für „ihren“ Gasvertrag.

Frage nach dem Zählerstand

Am 2. Februar folgte dann eine Mail der EWE. Diese liegt der Redaktion vor. „Wir verstehen Ihren Ärger“, heißt es darin. „Laut unserem System wurde für die Lieferstelle Hansingstraße 6 am 03.01.2026 ein Gasvertrag gestartet.“ Wenn die Immobilie 2012 veräußert worden sei, werde man eine Korrektur veranlassen. Dafür forderte die EWE einen Eigentumsnachweis als Kopie sowie das Datum der Übergabe sowie den Zählerstand an. „Wie soll ich denn den Zählerstand mitteilen?“, habe sie sich gefragt. Sie schickte aber erneut eine Kopie des Grundbuchauszugs zur EWE.

Der Pächter Hans-Joachim Döring verstarb am 10. Dezember 2025. Foto: Timo Kühnemuth/Kreiszeitung Wesermarsch
Der Pächter Hans-Joachim Döring verstarb am 10. Dezember 2025. Foto: Timo Kühnemuth/Kreiszeitung Wesermarsch

Doch das Problem wurde nicht behoben – im Gegenteil. Sie erhielt zwar eine Kündigungsbestätigung für die Grundversorgungsverträge. Am selben Tag aber wieder Willkommensschreiben für einen neuen Vertrag. „Ich habe bei jeder Kündigungsbestätigung gehofft, dass es jetzt vorbei ist“, sagt sie. Doch das war es nicht. Anfang März erhielt sie die erste Mahnung für eine offene Rechnung. Bis Mitte April erhielt sie insgesamt 18 Schreiben. Darunter mehrere Rechnungen – zwei über rund 700 Euro beziehungsweise rund 2.300 Euro. Ein Schreiben war sogar von einem Inkassobüro. Dies erreichte sie am 11. April. „Leider haben Sie bisher an unseren Mandaten keine Zahlung geleistet, ohne dies zu begründen.“ Darüber kann Vera Struncius nur den Kopf schütteln: „Ich war am Ende ganz schön hilflos“, sagt sie.

EWE: Netzbetreiber über Eigentümerwechsel informieren

Die Leeranerin wendete sich an die Redaktion. Nach einer Anfrage in der Pressestelle der EWE konnte das Problem behoben werden. „Auslöser war die Kündigung von Lieferverträgen für Strom und Gas bei einem Vorlieferanten“, teilt EWE-Sprecher Dietmar Bücker mit. „Da dem Netzbetreiber kein neuer Lieferauftrag vorlag, veranlasste dieser die Anmeldung in die gesetzlich vorgegebene Grundversorgung auf die zuletzt bekannte Eigentümerin, um eine lückenlose Belieferung zu gewährleisten.“ Die Verträge seien lediglich gekündigt worden, ohne dass eine Neuanmeldung auf eine andere Person erfolgt sei. Der Sprecher betont, dass im Falle eines Eigentümerwechsels einer Immobilie der neue Eigentümer in jedem Fall dem Netzbetreiber genannt werden sollte. „Das kann über den neuen Eigentümer oder auch den bisherigen erfolgen.“

2012 hat Vera Struncius das Gebäube in Nordenham an zwei Brüder verkauft. Foto: Timo Kühnemuth/Kreiszeitung Wesermarsch
2012 hat Vera Struncius das Gebäube in Nordenham an zwei Brüder verkauft. Foto: Timo Kühnemuth/Kreiszeitung Wesermarsch

Und warum erhielt Vera Struncius nach der Kündigungsbestätigung unmittelbar einen neuen Vertrag? Der Sprecher erklärt: „Nach der Kündigung meldete der Netzbetreiber mangels Neuauftrag erneut die Grundversorgung auf die letztbekannte Eigentümerin an, wodurch ein weiterer Vertrag entstand.“

Unterlagen nicht weitergeleitet

Die Unterlagen, die die Leeranerin im EWE-Shop eingereicht hatte, seien „bedauerlicherweise nicht weitergeleitet“ worden, so Bücker. „Sie landeten nicht in dem zuständigen Bereich.“ Auch die per Mail übermittelten Unterlagen seien durch einen Bearbeitungsfehler nicht weiterbearbeitet worden. „Diese beiden Fehler hätten selbstverständlich nicht passieren dürfen“, betont der Sprecher. „Wir können uns dafür nur entschuldigen und sie zum Anlass nehmen, unsere Bearbeitungsqualität zu verbessern.“

Die EWE bat die Leeranerin um Entschuldigung. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Die EWE bat die Leeranerin um Entschuldigung. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Die erstellten Rechnungen basierten auf Schätzwerten von EWE Netz, da keine abgelesenen Verbrauchswerte vorgelegen hätten. Die Grundversorgungsverträge für Strom und Gas habe man zum nächstmöglichen Zeitpunkt gekündigt und auf den aktuell bekannten Eigentümer umgemeldet. „Die Rechnungen für den aktuellen Lieferzeitraum bis zum Lieferende werden direkt auf den neuen Eigentümer erstellt“, erklärt der Sprecher. Weitere Rechnungen werde Frau Struncius daher nicht erhalten. Das Mahnverfahren bei einem der Gasverträge sei so weit fortgeschritten gewesen, „dass gemäß unserem Forderungsprozess das Inkassoverfahren eingeleitet wurde“. Dieses habe man bereits beendet und das Verfahren storniert. „Frau Struncius entstehen diesbezüglich keine Kosten oder andere Nachteile“, betont Bücker.

EWE schickt Blumenstrauß als Entschuldigung

Es seien „leider mehrere unglückliche Situationen“ zusammengekommen. Vera Struncius habe im Januar 2026 sofort korrekt gehandelt, betont der Sprecher, indem sie bei ihrem Besuch im Shop den nötigen Nachweis zur Aufhebung der Grundversorgungsverträge erbracht habe. Da diese falsch weitergeleitet und die Mail Anfang Februar nicht weiterverarbeitet worden seien, sei es zu den entstandenen Unannehmlichkeiten gekommen. Für die wir uns auch noch mal persönlich bei Frau Struncius entschuldigen“, teilt Bücker mit.

Die Leeranerin wurde tatsächlich von der EWE mit einem Blumenstrauß überrascht, der ihr zugesendet wurde. Vera Struncius ist mittlerweile erleichtert, dass der Fall geklärt ist. „Ich kann absolut verstehen, dass man sich an den letzten bekannten Eigentümer wendet“, sagt sie. „Aber es muss doch dann irgendwann Klick machen.“

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