Großbritannien Starmers Rücktritt: Daran ist der Premier gescheitert

Jan Mies, Christoph Meyer und Patricia Bartos, dpa
|
Von Jan Mies, Christoph Meyer und Patricia Bartos, dpa
| 22.06.2026 04:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der britische Premierminister Keir Starmer (links) und seine Frau Victoria (rechts) nach der Rücktrittsankündigung. Foto: Thomas Krych
Der britische Premierminister Keir Starmer (links) und seine Frau Victoria (rechts) nach der Rücktrittsankündigung. Foto: Thomas Krych
Artikel teilen:

Nach etwa zwei Jahren ist Schluss für Keir Starmer in der Downing Street. Der 63-Jährige kündigte seinen Rücktritt an - ein Schritt, der sich lange abgezeichnet hatte.

Keir Starmer sah erschöpft aus, als er vor der berühmten schwarzen Tür der 10 Downing Street seinen Rücktritt ankündigte. Der britische Premierminister hat in den knapp zwei Jahren seit seinem triumphalen Wahlsieg am 5. Juli 2024 etliche Krisen durchlebt - an vielen hatte er selbst großen Anteil. Seit Monaten wuchs der Druck stetig. Nun ist Schluss.

Der politische Schlingerkurs 

Bei seinem Antritt hat Starmer angekündigt, nach Jahren des Chaos unter den Konservativen wieder mehr Seriosität in den Politikbetrieb zu bringen. Er wollte Sozialreformen anstoßen, das Land wieder näher an Europa führen und das marode Gesundheitssystem sanieren. Doch er konnte nur wenige seiner Versprechen halten und eine große Vision für das oft als „broken Britain“ („kaputtes Großbritannien“) bezeichnete Land ließ er vermissen.

Etliche Reformprojekte musste Starmer wieder zurücknehmen, unter anderem die Kürzung staatlicher Zuschüsse zu den Heizkosten für ältere Menschen. Jedes Mal war es der Widerstand in den eigenen Reihen, der ihm ein Bein stellte. Sein zögerliches Vorgehen um den Verteidigungsetat kostete ihn mit John Healey zuletzt sogar seinen Verteidigungsminister.

Die satte Mehrheit im Parlament konnte er oft nicht nutzen. (Archivbild) Foto: House Of Commons
Die satte Mehrheit im Parlament konnte er oft nicht nutzen. (Archivbild) Foto: House Of Commons

Seine große letzte Ankündigung - das Social-Media-Aus für unter 16-Jährige - konnte das Ruder auch nicht mehr rumreißen.

Der verlorene Superwahltag

Dass die Stimmung zu Ungunsten Starmers kippte, zeichnete sich schon länger ab. Spätestens die schwere Niederlage der Sozialdemokraten von Labour bei den Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales im Mai galten als Wendepunkt.

Als großer Sieger gingen die Rechtspopulisten um Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage und seine Partei Reform UK hervor, die in allen Landesteilen ordentlich zulegten. Damals versicherte Starmer noch, er werde seine Zweifler überzeugen. Doch in den Wochen danach kehrten ihm mehrere Minister den Rücken und der Rückhalt innerhalb der Partei schrumpfte.

Der Umgang mit den Rechtspopulisten

Von Anfang an hatte der Premier Probleme mit dem Aufstieg von Reform. Das Thema Brexit fasste er gar nicht erst an, obwohl die Mehrheit der Briten den EU-Austritt inzwischen skeptisch sieht. 

Stattdessen versuchte Starmer verzweifelt, die traditionellen Labour-Anhänger aus der Arbeiterschaft mit harten Botschaften zum Thema Einwanderung zurückzugewinnen. Dass er damit moderate Wähler verprellte, merkte er viel zu spät. Etwa als er in einer Rede davor warnte, Großbritannien könne eine „Insel der Fremden“ werden - und damit einen Aufschrei auslöste. 

Von Nigel Farage wurde Starmer monatelang vor sich her getrieben. (Archivbild) Foto: Jordan Pettitt
Von Nigel Farage wurde Starmer monatelang vor sich her getrieben. (Archivbild) Foto: Jordan Pettitt

Der Fall Peter Mandelson

Zu einem der größten Fallstricke für Starmer wurde seine Entscheidung, den Parteiveteranen und früheren Wirtschaftsminister Peter Mandelson zum Botschafter in den USA zu machen. Anfangs galt der skandalumwitterte Politiker noch als kluge Wahl, um mit dem wankelmütigen US-Präsidenten Donald Trump umzugehen. Doch bald wurde Mandelson, der einst eng mit dem verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein befreundet war, zur schweren Hypothek. Die Mandelson-Affäre endete auch nicht mit dessen Rauswurf, sondern haftete Starmer bis zuletzt an. 

Der Fall Peter Mandelson belastete Starmer (r.) schwer. (Archivbild) Foto: Carl Court
Der Fall Peter Mandelson belastete Starmer (r.) schwer. (Archivbild) Foto: Carl Court

Der Außenpolitiker ohne Autorität

Immer wieder versuchte Starmer, sich als Vorreiter in europäischen Sicherheitsfragen zu positionieren. Gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron rief er die Unterstützer der Ukraine im Krieg gegen Russland in der sogenannten Koalition der Willigen zusammen. Ein ähnlicher Verbund wurde für die Sicherung der Straße von Hormus nach einem Ende des Iran-Kriegs etabliert, jeweils auch mit deutscher Beteiligung.

Trotz Schmeicheleien und der historischen Einladung zu einem zweiten Staatsbesuch konnte Starmer das anfänglich gute Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump nicht bewahren. Als Großbritannien zögerlich war mit der Erlaubnis, Stützpunkte auf eigenem Gebiet für den amerikanisch-israelischen Krieg im Iran zur Verfügung zu stellen, kippte die Stimmung. Starmer sei kein Winston Churchill, sagte Trump mit Verweis auf den legendären britischen Kriegspremier und schoss von da an regelmäßig gegen ihn. Zuletzt verhöhnte er Starmer auch noch, in dem er dessen Rücktrittsankündigung mit einem Social-Media-Post vorwegnahm.

Keir Starmer, Friedrich Merz, Emmanuel Macron (l-r.) positionierten sich gemeinsam in den Krisen der Welt. (Archivbild) Foto: Kay Nietfeld/dpa-Pool/dpa
Keir Starmer, Friedrich Merz, Emmanuel Macron (l-r.) positionierten sich gemeinsam in den Krisen der Welt. (Archivbild) Foto: Kay Nietfeld/dpa-Pool/dpa

Der große Rivale

Seit Monaten waren die Beliebtheitswerte von Keir Starmer im Keller und die Labour-Regierung hatte es insgesamt schwer. Eine Person bildete dabei jedoch die Ausnahme: Manchesters Bürgermeister Andy Burnham. Der sogenannte „König des Nordens“, der nun aller Voraussicht nach neuer Partei- und Regierungschef wird, gilt als derzeit beliebtester Labour-Politiker im Land.

Als Bürgermeister von Manchester hat sich 56-Jährige den Ruf eines Machers erworben - einer, der die normalen Menschen versteht, weil er selbst einer ist. Im Gegensatz zu Starmer gilt Burnham als charismatisch. 

Vor knapp zehn Jahren kehrte Burnham nach einem gescheiterten Versuch, an die Parteispitze zu gelangen, London den Rücken und schickte sich an, den wirtschaftlich abgehängten Norden des Landes zu stärken. In Manchester hatte er durchaus Erfolg. Durch den Sieg bei der Nachwahl im Bezirk Makerfield gelang nun die Rückkehr in die Hauptstadt - und mit Starmers Rücktritt die Chance, ihn zu beerben.

Ähnliche Artikel