Gewalttat in Niedersachsen Ermittlungen und Trauer nach tödlichen Schüssen in Stade

Helen Hoffmann und Leonard Fischer, dpa
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Von Helen Hoffmann und Leonard Fischer, dpa
| 30.06.2026 07:05 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Spezialisten des LKA Niedersachsen sind am Tatort eingetroffen. Foto: Kai Moorschlatt/dpa
Spezialisten des LKA Niedersachsen sind am Tatort eingetroffen. Foto: Kai Moorschlatt/dpa
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Ein Termin zum Sorgerecht für ein Baby endet tödlich. Sechs Menschen, die vermitteln und helfen wollten, sterben. Was ist bislang über die grausame Tat in Stade bekannt?

Sie gingen ihrem Job nach – und wurden dabei erschossen. Nach der Tötung von vier Frauen und zwei Männern in einer Mutter-Kind-Wohngruppe im niedersächsischen Stade ist die Trauer groß. Neben Beschäftigten der Einrichtung wurden drei Mitarbeitende des Jugendamtes der Region Hannover getötet.

Ersten Erkenntnissen zufolge hatten alle sechs Opfer einen Termin mit dem mutmaßlichen Täter. Dabei sollte es um das Sorgerecht für dessen drei Monate alte Tochter gehen. Doch dann fielen am Montag um die Mittagszeit plötzlich Schüsse. Fünf der Getroffenen erlagen am Tatort ihren Verletzungen, ein weiteres Opfer starb im Krankenhaus.

Kommt der Verdächtige in U-Haft?

Der 45 Jahre alte mutmaßliche Täter ist in Polizeigewahrsam. Die Staatsanwaltschaft entscheidet im Laufe des Tages, ob sie einen Haftbefehl beantragt. Wenn dies wie erwartet geschieht, muss das Amtsgericht Stade noch heute entscheiden, ob der Mann in Untersuchungshaft kommt.

Berichte, nach denen der 45-Jährige Mitglied eines Clans sein soll, bestätigten die Ermittler nicht. „Wir haben derzeit keine Hinweise dafür, dass eine Clanzugehörigkeit besteht“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft der dpa auf Anfrage.

Beamte schossen auf die Reifen des Fluchtwagens

Die Polizei hatte den tatverdächtigen Türken kurz nach der Tat festgenommen. Er versuchte mit einem Auto zu fliehen, das eine 65-Jährige fuhr. Beamte schossen auf die Reifen des Wagens. Nach derzeitigem Erkenntnisstand hat die Frau eine enge Verbindung zur Familie des Tatverdächtigen. Auch sie wurde nach Behördenangaben von der Polizei vernommen. Ob die 65-Jährige weiter in Gewahrsam ist, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft auf Nachfrage nicht. 

Die Ermittler sind jetzt damit beschäftigt, weitere umfangreiche Tatortaufnahmen und -vermessungen durchzuführen. Foto: Kai Moorschlatt/dpa
Die Ermittler sind jetzt damit beschäftigt, weitere umfangreiche Tatortaufnahmen und -vermessungen durchzuführen. Foto: Kai Moorschlatt/dpa

Ermittler suchen am Tatort nach Beweisen

Derweil läuft die Spurensicherung am Tatort weiter auf Hochtouren. Die Schüsse fielen in einem Backsteinhaus, das in einer ruhigen Wohngegend liegt. Nun ist die Lage anders: Die Polizei hat die Straße auf einer Länge von rund 200 Metern gesperrt.

Beamte des Landeskriminalamtes in Schutzkleidung vermessen den Tatort und fertigen spezielle Aufnahmen an. Auf der Straße sind Farbmarkierungen, eine kaputte Mülltonne liegt vor dem Haus. Zahlreiche Medienvertreter sind vor Ort. Der grausame Vorfall im beschaulichen Stade bekommt auch international Aufmerksamkeit.

Die Anteilnahme ist groß: Menschen legten Blumen nahe dem Gebäude der Mutter-Kind-Wohngruppen nieder und stellten Kerzen auf. Foto: Kai Moorschlatt/dpa
Die Anteilnahme ist groß: Menschen legten Blumen nahe dem Gebäude der Mutter-Kind-Wohngruppen nieder und stellten Kerzen auf. Foto: Kai Moorschlatt/dpa

Immer wieder legen Menschen Blumen ab oder stellen Kerzen auf

An dem Gebäude selbst sind von außen keine Beschädigungen zu sehen, wie ein dpa-Reporter berichtet. Bisweilen kommen Anwohner, die trotz Absperrung zu ihrem eigenen Haus dürfen.

Die Tat sorgt für große Bestürzung. Immer wieder kommen Menschen und legen in der Nähe des Tatortes Blumen ab oder stellen im Gedenken an die Opfer Kerzen auf. Die Straße soll voraussichtlich den gesamten Dienstag gesperrt bleiben.

Beratungstelefon für akute Hilfe durch psychosoziale Berater 

Während Ermittler am Dienstag weiter Spuren sichern, läuft auch die Hilfe für jene an, die zurückbleiben. Angehörige, Zeugen, Einsatzkräfte – viele Menschen haben am Montag schreckliche Dinge erlebt, die sich nicht einfach abschütteln lassen. Zahlreiche Menschen sind traumatisiert.

Niedersachsens Landesbeauftragter für Opferschutz, Thomas Pfleiderer, bietet Betroffenen Unterstützung an und lässt über ein kostenloses Beratungstelefon akute Hilfe durch psychosoziale Berater vermitteln. „Wir können nicht ungeschehen machen, welches Leid durch den Akt der Gewalt über so viele Menschen gebracht wurde“, sagte Pfleiderer. „Wir können aber nach besten Kräften an der Seite der Betroffenen stehen.“

Was ist bislang über die Tat bekannt? 

Zum Tatvorgang gibt es weiter viele Fragen. Aus ermittlungstaktischen Gründen sagte die Polizei bisher nicht, um welche Schusswaffe es sich handelt – oder wie der Täter an sie herankam. Eine Erlaubnis zum Besitz von Waffen hat der 45-Jährige nach Angaben der Behörden nicht. Demnach war er polizeilich bekannt. Laut Lüneburgs Polizeipräsidentin Kathrin Schuol galt er aber nicht als „absolut gewalttätig“.

Die 34-jährige Mutter des Kindes und deren drei Monate alte Tochter – das Kind des Tatverdächtigen – blieben bei der Tat unverletzt. Die Polizei befragte die Frau, das Baby wurde in die Obhut des Jugendamtes übergeben.

Zahlreiche Politikerinnen und Politiker, Vertreter von Behörden und Einrichtungen zeigten sich tief bestürzt. „Die Nachricht aus Stade erschüttert bis ins Mark“, schrieb Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf der Plattform X.

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