Lesermeinung Fastfood | Aufrüstung | Ausbildungssystem
Bei der OZ reden die Leserinnen und Leser mit. Hier haben wir Leserbriefe der vergangenen Zeit gesammelt.
Emder und der Burger King
Ein Investor, der Emden ganz toll findet, ein Neffe, der unbedingt hier arbeiten will. Man könnte fast meinen, mit Burger King beginne am Harsweg eine neue Epoche der Stadtgeschichte. Natürlich ist die Ansiedlung eine lokale Nachricht. Es werden Millionen investiert, Gebäude abgerissen, Verkehrswege verändert und Arbeitsplätze angekündigt. Darüber sollte berichtet werden. Merkwürdig wird es nur, wenn die Berichterstattung beinahe aus der PR-Broschüre des Investors abgeschrieben scheint. Denn die eigentlich interessanten Sätze stehen eher nebenbei im Text. Die Wirtschaftsförderung habe „unterstützend gewirkt“, beim Bauantrag sei „Gas gegeben“ worden. Da würde mich schon interessieren: Was heißt das konkret? Wer bekommt solche Unterstützung? Wird auch Gas gegeben, wenn ein kleiner Emder Betrieb investieren will? Oder ein lokaler Laden ums Überleben kämpft? Auch 20 bis 30 angekündigte Vollzeitstellen klingen erfreulich. Aber zu welchen Löhnen und Bedingungen? Warum ist ein Boardinghouse für Mitarbeiter geplant? Und was bedeutet der angekündigte Abriss eines Wohnblocks? Vielleicht ist die spannendste Frage ohnehin eine andere: Was versteht Emden eigentlich unter erfolgreicher Wirtschaftsförderung? Zwischen McDonald’s und KFC entsteht nun Burger King. Die globale Fastfoodwelt ist damit fast komplett. Emden kann aufatmen. Noch Zweifel? Keine Sorge: Dem Investor schmeckt der Matjes.
Rudi Steiner
Emden
Aufrüstung führt zu Unsicherheit und Gewalt
Deutschland gibt erhebliche Summen für die Bundeswehr, die Waffenlieferungen in Kriegs- und Krisengebieten aus und hält gleichzeitig an der gesetzlichen Schuldenbremse fest. Um diese stark steigenden Rüstungs- und Infrastrukturausgaben über Kredite zu finanzieren, will die Koalition an der Gesundheit, der Rente, der Kultur -und Jugendförderung, am Wohngeld usw. sparen. Um diese gegen die Bevölkerung gerichtete Politik zu begründen, werden neue Feindbilder beschworen. Es wird völlig aus der Luft gegriffen behauptet, dass Russland das Nato-Gebiet angreifen will. Zudem sei China eine weltweite Bedrohung für die sogenannten westlichen Werte. Warum nicht auch die USA? Die Menschen in Deutschland sollen deshalb kriegstüchtig werden, weil nach den im Wesentlichen von Deutschland ausgegangenen Weltkriegen eine pazifistische Grundstimmung herrsche (übrigens im Grundgesetz verankert). Dafür brauchen Hasardeure und Profiteure und deren politische und mediale Helfershelfer gewaltbereite junge Menschen, die im staatlichen Auftrage töten sollen. Die so erzeugte Gewaltstimmung führt dazu, dass in den Schulen, auf der Straße und in vielen anderen Bereichen die tätliche, persönliche Gewalt, Aggressivität und Unsicherheit steigt. Ich antworte darauf: Es gibt nichts, wofür man tötet oder stirbt („Imagine“, Beatles); („Give peace a chance“, John Lennon).
Erwin Wenzel
Suurhusen
Junge Leute ungeeignet?
„Sind Ostfrieslands junge Leute ungeeignet für die Ausbildung?“ Eine hübsch provokante Frage. Da lässt sich doch nachsetzen: „Was ist mit unserer Jugend los?“ Man kennt das. Die Jugend will nicht, kann nicht, taugt nicht und eigentlich schaut sie eh immer nur aufs Handy. Tatsächlich passen die Zahlen im Artikel erstaunlich schlecht zu dieser Erzählung. 1.148 unversorgten Bewerberinnen und Bewerbern stehen 1.063 freie Ausbildungsstellen gegenüber. Vielleicht müsste die Frage lauten: Was ist mit unserem Ausbildungssystem los? Besonders interessant wäre gewesen, was genau damit gemeint ist, Jugendliche „erfüllten die Voraussetzungen nicht“. Welche denn? Schulnoten? Führerschein? Deutschkenntnisse? Erwartungen der Betriebe? Wer an welchen Kriterien scheitert, bleibt offen. Einfacher ist es, die Jugend unter Generalverdacht zu stellen. Auch das erwähnte „Matchingproblem“ verdient mehr als ein Beispiel. Wer mit 16 in Leer wohnt und morgens nach Wiesmoor soll, braucht nicht unbedingt mehr Motivation, sondern womöglich schlicht einen Bus. Und dass Volkswagen leichter Nachwuchs findet als mancher kleine Betrieb, könnte ebenfalls Gründe haben: Vergütung, Tarifbindung, Ausbildungsqualität, Perspektiven. Vielleicht ist Ostfrieslands Jugend also gar nicht ungeeignet. Vielleicht stellt nur eine alternde Gesellschaft bemerkenswert gern Fragen an die Jungen, die sie sich selbst nicht stellen möchte.
Rudi Steiner
Emden
Im VW-Streik durchhalten
Ob das Erfolg hat, würde ich bezweifeln. Die Konzernchefs wollen mit Gewalt einen Rüstungskonzern draus machen. Der Chinese soll mit seinen Autos der Branche erhalten bleiben. Ich unterstütze deshalb diesen Streik. Militärindustrie darf es in Ostfriesland (im gesamten Nordwesten) nicht geben. Dieser Streik sollte so lange gehen, bis die Konzernchefs den Forderungen der Gewerkschaften, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zustimmen. Auch der OB von Emden und die Landräte sollten so lange durchhalten. Auch ein bundesweiter Generalstreik wäre denkbar. Die Regierung fordert, mehr zu arbeiten, aber baut Arbeitsplätze ab. Welch ein Widerspruch, ihr Politiker von CDU/CSU und SPD.
Wilfried Graf
Emden
Wo endet die Selbstbestimmung?
Die Selbstbestimmung in Bezug auf den Wunsch eines Sterbewilligen einzuschränken ist gleichzusetzen mit Entmündigung. Wie kann ein Außenstehender(sogenannter Experte oder der Staat) sich anmaßen, über das Lebensende eines Menschen zu bestimmen? Die persönliche Würde eines Menschen ist nicht verhandelbar. Dazu gehört, dass ich selbst entscheiden kann, wann ich für mich mein derzeitiges Leben so nicht mehr ertrage. Das bedeutet, dass ich mich für Sterbehilfe entscheiden kann. Ich muss mein Leben nicht auf andere fürchterliche Art und Weise beenden. Die begleitete Sterbehilfe findet in einem ruhigen, persönlichen Umfeld statt und wird von lieben Menschen, auch von Familienmitgliedern, je nachdem, wie der Sterbewillige es für sich wünscht, begleitet. Ähnlich, wie es bei unheilbar Kranken in den letzten Stunden vor deren natürlichen Tod stattfindet, zum Beispiel in einem Hospiz.
Monika Reinders
Bunde
Fifa ohne Rückrad
Mit Entsetzen habe ich die Nachricht über die Aufhebung der Rotsperre für US-Stürmer Balogun verfolgt. Dass ein einfacher Anruf von US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Chef Gianni Infantino ausreicht, um rechtskräftige sportliche Sanktionen auszuhebeln, ist ein Offenbarungseid für den Weltfußballverband. Die FIFA begräbt damit das fundamentale Prinzip des Fairplay vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Besonders bitter ist der direkte Vergleich zum Eröffnungsspiel: Während ein Spieler aus Südafrika für ein vergleichbares Vergehen ohne Federlesen für drei Spiele gesperrt bleibt, genießt der US-Verband dank politischer Protektion Sonderrechte. Diese himmelschreiende Ungleichbehandlung zeigt, dass auf dem Platz nicht mehr Leistung und Regeln zählen, sondern geopolitische Machtverhältnisse. Wenn die FIFA-Führung einknickt, sobald ein mächtiger Staatschef zum Hörer greift, verliert der Sport seine Seele. Die WM verkommt so von einem sportlichen Friedensfest zu einem abgekarteten Spielball der Supermächte. Wer soll diesen Verband und seine Schiedsrichter in Zukunft noch ernst nehmen?
Friedhelm Christoffers
Jheringsfehn
Heißes Pflaster
Wenn Holzbänke auf dem Auricher Marktplatz über 43 Grad und Kinderspielgeräte mehr als 50 Grad erreichen, besteht offensichtlich Handlungsbedarf. Völlig unpassend ist dazu die Aussage der Stadtverwaltung, man müsse sich während der Hitzestunden nicht im Freien aufhalten. Das ist keine Lösung, sondern eine Kapitulation vor den Folgen des Klimawandels. Die Verantwortung wird auf die Bürger verlagert, statt den öffentlichen Raum an die sich verändernden Bedingungen anzupassen. Gleichzeitig soll die Innenstadt belebt und der Einzelhandel gestärkt werden. Doch wenn der Marktplatz gerade am Nachmittag zur Hitzefalle wird, bleiben die Menschen weg. Das schadet der Aufenthaltsqualität und letztlich auch den Geschäften. Die Tiefgarage und der Wochenmarkt sind Herausforderungen, aber kein Grund, nicht aktiv zu werden. Dass es geht, zeigen andere Städte. Diese setzen mobile Wanderbäume, Sonnensegel oder Verdunstungskühlung ein. Solche Lösungen könnten auch in Aurich geprüft werden. Dazu muss man auch einmal über den Tellerrand schauen, denn die Probleme sind lösbar. Was fehlt, ist der Wille, den Marktplatz fit für den Klimawandel zu machen – statt den Menschen zu empfehlen, ihn bei Hitze zu meiden.
Diedrich Kleen
Wiesmoor
Pressefreiheit und Festreden
Burkhard Ewert hat recht: Pressefreiheit wird nicht durch Festreden gesichert. Besonders wichtig ist sein Hinweis auf die geplante Schwächung des Informationsfreiheitsgesetzes. Wer Behörden den Rückzug ins Aktenhalbdunkel erleichtert, erschwert journalistische Kontrolle – und stärkt ausgerechnet jene, die sonst gern Transparenz predigen. Allerdings bleibt der Text merkwürdig unscharf. Angriffe auf Reporter durch Demonstranten, staatliche Überwachung, wirtschaftlicher Druck, Julian Assange und Medienbildung werden zu einem großen Bedrohungsnebel vermischt. Das schafft Stimmung, aber wenig Klarheit. Gewalt gegen Journalisten ist ein Angriff auf die Pressefreiheit. Eine gesetzliche Einschränkung von Auskunftsrechten ist es ebenfalls – nur auf andere Weise und mit erheblich größerer struktureller Wirkung. Ein weiterer Punkt fehlt fast völlig: Politiker können heute mit besonderem strafrechtlichem Schutz schneller gegen Bürger vorgehen, wenn sie sich beleidigt fühlen. Natürlich müssen Bedrohungen und üble Nachrede verfolgt werden. Aber wenn Amtsträger einen stärkeren Schutz vor scharfer Kritik genießen als andere, wird aus Schutz leicht Abschreckung. Demokratie verlangt nicht nur höfliche Bürger, sondern belastbare Politiker. Und dann die kleine Pointe: Nach der Kritik an Festreden endet die Kolumne bei der Bewerbung des eigenen Newsletters. Offenbar ist Symbolpolitik entbehrlich, Eigenwerbung jedoch unverzichtbarer Bestandteil der Pressefreiheit.
Rudi Steiner
Emden
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