Russlands Angriffskrieg Moskaus Krieg gegen Kiew - Eskalation statt Verhandlungen

Andreas Stein und Ulf Mauder, dpa
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Von Andreas Stein und Ulf Mauder, dpa
| 13.08.2026 04:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mit ihren massiven Drohnenangriffen im russischen Hinterland will die Ukraine Moskau wieder an den Verhandlungstisch zwingen. (Archivbild) Foto: Efrem Lukatsky
Mit ihren massiven Drohnenangriffen im russischen Hinterland will die Ukraine Moskau wieder an den Verhandlungstisch zwingen. (Archivbild) Foto: Efrem Lukatsky
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‚In ihrem Verteidigungskampf versucht die Ukraine, Moskau mit Drohnenangriffen im russischen Hinterland verhandlungsreif zu schießen. Hat diese Strategie Erfolg? Oder bewirkt sie gar das Gegenteil?

Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine stehen die Zeichen derzeit auf Eskalation. Verhandlungen sind nicht in Sicht. An der Front gibt es kaum Bewegung. Weder für Moskau noch für Kiew ist der Abnutzungskrieg zu gewinnen. Zugleich haben beide Seiten ihren Luft- und Seekrieg intensiviert - mit empfindlichen Treffern im Hinterland. Zur Lage und zu den Perspektiven im fünften Jahr der russischen Invasion einige Fragen und Antworten:

Wie ist die Lage entlang der Frontlinie?

Entlang der über 1.200 Kilometer langen Frontlinie gibt es seit Monaten nur wenig Bewegung zu verzeichnen. 

Trotz des langsamen russischen Vormarsches räumten aber selbst dem ukrainischen Verteidigungsministerium nahestehende Militärbeobachter von DeepState seit Jahresbeginn Gebietsverluste von mehr als 700 Quadratkilometer ein. Dagegen hat Kiew nach Darstellung von Präsident Wolodymyr Selenskyj etwa die gleiche Fläche zurückerobert.

Das russische Militär konzentriert sich nach dem weitgehenden Erlangen der Kontrolle über die Stadt Kostjantyniwka vor allem auf die weiter unter ukrainischer Kontrolle verbliebenen Teile des Gebietes Donezk um die Städte Slowjansk, Kramatorsk und Druschkiwka. Große Frontdurchbrüche werden dabei weiterhin erfolgreich von den ukrainischen Drohnenpiloten verhindert.

Beim aktuellen Tempo hält der Militärexperte Dmitri Kusnez des kremlkritischen Onlineportals „Meduza“ zwar keine vom Kreml geplante Eroberung des Donbass in diesem Jahr für möglich, wohl aber 2027.

Welche Entwicklungen gibt es bei den Angriffen auf das Hinterland?

Ukrainische Drohnen treffen seit Wochen immer wieder Ölraffinerien und Logistikzentren des größten russischen Online-Versandhandels Wildberries. Es gibt wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe, die Moskaus Kriegswirtschaft treffen. Russland verliert Einnahmen aus dem Ölexport, das Haushaltsdefizit wächst. Die Menschen klagen über Benzinknappheit. Der Rubel verliert an Wert - und ist aktuell so schwach wie seit Monaten nicht mehr.

Die Ukraine erzielt im russischen Hinterland immer wieder Treffer mit ihren Drohnenangriffen, dabei geraten seit Wochen Logistikzentren des Onlinehändlers Wildberries in Brand. (Archivbild) Foto: --/dpa
Die Ukraine erzielt im russischen Hinterland immer wieder Treffer mit ihren Drohnenangriffen, dabei geraten seit Wochen Logistikzentren des Onlinehändlers Wildberries in Brand. (Archivbild) Foto: --/dpa

Weniger sichtbar sind die Auswirkungen ukrainischer Angriffe auf den russischen Schiffsverkehr. Mehr als 200 Tanker und Frachter wollen die ukrainischen Drohnentruppen eigenen Angaben nach seit dem 6. Juli beschädigt haben. Russische Raketen- und Drohnenangriffe auf Schiffe, die ukrainische Schwarzmeerhäfen anliefen, führten wiederum zu einer Einstellung des für Kiews Getreideexport wichtigen Seehandels.

Entscheidend seien aber nicht die Luftangriffe im Hinterland, sondern die Lage am Boden, meint der Experte Kusnez. Sowohl Kremlchef Wladimir Putin als auch Wolodymyr Selenskyj haben ihren Truppen gerade neue Kommandeure zugeteilt, die nun das weitere Kriegsgeschehen bestimmen sollen.

Erreicht die Ukraine ihre Ziele mit den Angriffen auf Russland?

Der Ukraine gelingt es, mit ihren Angriffen zusätzlich zu westlichen Sanktionen Russlands Kosten für seinen Krieg weiter in die Höhe zu treiben. Präsident Selenskyjs erklärtes Ziel ist es, den Krieg nach Russland zurückzutragen. Das wirkt vor allem psychologisch bei den Menschen - auch weil es in den sozialen Netzwerken und anderen Medien eindrucksvolle Bilder von Großbränden in Russland gibt. Stärkere Auswirkungen auf die Logistik des russischen Militärs wurden aber nicht bekannt.

Selenskyj will auch durch weiteren militärischen Druck Kremlchef Putin an den Verhandlungstisch zwingen. Bisher aber ist nicht in Sicht, dass die Strategie aufgeht. Vielmehr registrierte das unabhängige russische Meinungsforschungszentrum Lewada zuletzt wieder eine steigende Zahl derer, die eine Fortsetzung des Krieges befürworten. Zugleich will laut Lewada aber weiter mehr als die Hälfte der Russen Friedensverhandlungen.

„Druck bewirkt keine Änderung der Position Putins“, sagt die Politikexpertin Tatjana Stanowaja. Hoffnungen, dass innere Probleme in Russland Putin zur Einsicht von Fehlern bei seinen Kriegszielen bewegten, hätten sich nicht erfüllt.

Wie sieht die russische Reaktion aus?

Moskaus Machtapparat räumt zwar ein, dass es Probleme gebe, betont aber, dass die Lage unter Kontrolle sei. Putin, der sich erst am Mittwoch in Militäruniform auf einem Kriegsschiff zeigte, demonstriert bei jeder Gelegenheit Siegessicherheit, obwohl seine Kriegsziele auch im fünften Jahr der Invasion in weiter Ferne liegen. Bei massiven Angriffen vor allem auch auf Kiew und Umgebung setzte Moskau zuletzt verstärkt ballistische Raketen gegen Ziele ein - und nutzt dabei die Schutzlosigkeit der Ukraine aus. 

Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren mit zerstörerischen Luftangriffen. (Archivbild) Foto: ---
Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren mit zerstörerischen Luftangriffen. (Archivbild) Foto: ---

Seitdem dabei zuletzt keine einzige ballistische Rakete mehr abgewehrt werden konnte, macht die ukrainische Luftwaffe keine Angaben mehr zur Zahl der von Russland abgefeuerten Raketen. Als besonders effektiv gelten zwar die Patriot-Raketen bei der Abwehr russischer Raketen. Doch Selenskyj beklagt fehlende Lieferungen durch die westlichen Verbündeten.

Welchen Einfluss hat Russlands Parlamentswahl auf den Krieg?

Bei der Abstimmung vom 18. bis 20. September sind nach dem Ausschluss der Anti-Kriegs-Partei Jabloko nur noch kremltreue Parteien zugelassen, die Russlands Invasion befürworten. Kremlchef Putin will mit dem von Oppositionellen als Farce kritisierten Urnengang zeigen, dass er anders als die Ukraine auch in Kriegszeiten Wahlen abhalten kann. Erstmals dabei sind die von Russland besetzten Teile der vier annektierten ukrainischen Regionen Luhansk und Donezk, Cherson und Saporischschja.

Den absehbaren Sieg der regierenden Kremlpartei Geeintes Russland dürfte Putin als Legitimation nutzen, den Krieg fortzusetzen - und den Einsatz zu erhöhen. „Putin ist so sehr darauf fixiert, die Ukraine um jeden Preis in die Knie zu zwingen, dass dies alle innenpolitischen Probleme in den Hintergrund drängt“, hält die Expertin Stanowaja in einer Analyse für die Denkfabrik Carnegie fest. 

In Putins Logik werde auf wachsenden Druck - auch vom Westen - nur noch radikaler reagiert. „Der Krieg Russlands gegen die Ukraine tritt in eine neue Phase“, meint sie. Die neue Qualität führe zu „einer allgemeinen Eskalation, einer geringeren Vorhersehbarkeit und wachsenden Risiken einer noch größeren geografischen Ausdehnung des Konflikts“.

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