Schlimmstes Halbjahr seit 2013 Keine Atempause: Insolvenzwelle auf langjährigem Rekordhoch

Christian Ebner, dpa
|
Von Christian Ebner, dpa
| 11.09.2026 08:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
In Deutschland mussten im ersten Halbjahr so viele Unternehmen Insolvenz anmelden wie seit 2013 nicht mehr. (Symbolbild) Foto: Martin Schutt
In Deutschland mussten im ersten Halbjahr so viele Unternehmen Insolvenz anmelden wie seit 2013 nicht mehr. (Symbolbild) Foto: Martin Schutt
Artikel teilen:

Mehr als 12.800 Insolvenzen von Unternehmen haben die Amtsgerichte im ersten Halbjahr registriert. An dem Negativtrend wird sich so schnell nichts ändern, sagen Experten.

Die Pleitewelle rollt weiter: Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland ist im Juni wieder deutlich gestiegen, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Zur Jahresmitte waren damit 12.812 Fälle registriert, der höchste Wert für ein erstes Halbjahr seit 2013. Zum Vorjahreszeitraum ist das eine Steigerung um 6,7 Prozent.

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) sieht in der Entwicklung ein Warnsignal an die Koalition. Sie dürfe jetzt nicht von ihrem Reformkurs abweichen, sagt DIHK-Mittelstandsexperte Marc Evers. „Um von den Insolvenzrekorden wegzukommen, brauchen wir eine schnelle Umsetzung der vereinbarten Reformen und insgesamt eine Wirtschaftspolitik, die die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen wieder in den Fokus rückt.“

Nach einer leichten Entspannung im Mai haben die Amtsgerichte im Juni 2.266 Anträge auf Unternehmensinsolvenzen registriert und damit 15,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Laut IHK ist das der höchste Monatswert seit 2014. Auch die Zahl der Verbraucherinsolvenzen legte zu und stieg im Juni um 5,1 Prozent auf 6.839 Fälle.

Kleinere Forderungen

Die Forderungen der Gläubiger beliefen sich in den ersten sechs Monaten auf rund 18,5 Milliarden Euro nach 28,2 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Das bedeutet, dass im laufenden Jahr kleinere Verfahren angemeldet werden. 

Die Insolvenz trifft Unternehmen in allen Branchen. Bezogen auf 10.000 Unternehmen wurden im ersten Halbjahr 36,2 zahlungsunfähig. Besonders häufig waren Unternehmensinsolvenzen im Bereich Verkehr und Lagerei (71,6 Fälle auf 10.000 Betriebe) sowie im Gast- und Baugewerbe (59,6 und 53,4 Fälle).

Keine Besserung in Sicht

Die deutsche Wirtschaft wird seit längerem von einer Pleitewelle erschüttert. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der beantragten Unternehmensinsolvenzen laut Statistischem Bundesamt um gut zehn Prozent auf 24.064 - der höchste Stand seit 2014. Schon 2023 und 2024 war die Zahl der Firmenpleiten je um mehr als 20 Prozent gewachsen.

Einer von vielen Fällen: Die Baumarktkette Hellweg musste Insolvenz anmelden. (Archivbild) Foto: Fabian Strauch
Einer von vielen Fällen: Die Baumarktkette Hellweg musste Insolvenz anmelden. (Archivbild) Foto: Fabian Strauch

Auf der anderen Seite gründen mehr Menschen ein eigenes Unternehmen. Nach einer Auswertung des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) wurden im ersten Halbjahr dieses Jahres rund 143.000 gewerbliche Existenzgründungen registriert. Das waren rund 11.000 mehr als zwei Jahre zuvor. Den Gründungen standen rund 127.000 Schließungen gegenüber. „Wir haben trotz der schwachen Konjunktur einen positiven Trend. Auch weil das Risiko von Arbeitslosigkeit steigt, wagen mehr Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit“, sagte IfM-Gründungsexperte Peter Kranzusch. 

Eine Besserung der Lage bei den Firmenpleiten ist aber nicht in Sicht. Das geht aus Zahlen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hervor, das mit einem etwas anderen Ansatz bereits eine Hochrechnung für Insolvenzen von Kapital- und Personengesellschaften bis einschließlich August vorgelegt hat.

Nur eine Verschnaufpause

Destatis nimmt die Fälle erst nach einer ersten gerichtlichen Entscheidung in die amtliche Statistik und zählt zudem Kleinstunternehmen mit. Laut IWH hat es im Vergleich zum August 2025 mit 1.525 Fällen neun Prozent mehr relevante Unternehmensinsolvenzen gegeben. Verglichen mit dem August-Durchschnitt in den Jahren 2016 bis 2019 liege die aktuelle Zahl sogar um 63 Prozent höher. Auch seien deutlich mehr Beschäftigte betroffen gewesen.

Der Leiter der IWH-Insolvenzforschung, Steffen Müller, sprach wegen des Rückgangs im Vergleich zum Juli von einer „Verschnaufpause“. Frühindikatoren wiesen aber auf steigende Zahlen in den kommenden Monaten. „Trotz erster konjunktureller Erholungssignale bewegen wir uns beim Insolvenzgeschehen weiterhin auf einem hohen Niveau.“

Die Insolvenzprofis sehen hingegen keinen Grund zu „Alarmismus“. Die Entwicklung sei vor allem Ausdruck eines wirtschaftlichen Strukturwandels, hatte der Vorsitzende des Verbands der Insolvenzverwalter und Sachwalter, Christoph Niering, vor einigen Wochen erklärt. Entscheidend sei, dass nach einer Insolvenz Kapital, Flächen und Arbeitskräfte in zukunftsfähige Geschäftsmodelle fließen.

Ähnliche Artikel