Fußball-Nationalmannschaft Klopps Adrenalin-Kick gegen Oranje: Kein Titelversprechen

Klaus Bergmann und Arne Richter, dpa
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Von Klaus Bergmann und Arne Richter, dpa
| 23.09.2026 12:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Los geht’s: Bei der Pressekonferenz in der Amsterdam-Arena war Jürgen Klopp noch total locker. Foto: Federico Gambarini/dpa
Los geht’s: Bei der Pressekonferenz in der Amsterdam-Arena war Jürgen Klopp noch total locker. Foto: Federico Gambarini/dpa
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87 Tage nach dem WM-Tiefpunkt hoffen die Fans auf ein Erweckungserlebnis beim Debüt des neuen Bundestrainers. Gegen Erzrivale Niederlande geht’s „direkt zur Sache“, weiß Jürgen Klopp.

Der Puls von Jürgen Klopp war noch im Normalbereich, als er gute 24 Stunden vor dem Anpfiff in der Arena in Amsterdam ganz locker und mit vielen Späßen über sein Bundestrainer-Debüt sprach. Aufgeregt sei er noch nicht: „Ich gehe mal davon aus, dass es noch kommen wird. Aber eine positive Anspannung ist schon da.“

Blendend gelaunt, voller Energie und mit einem flotten Spruch zu seinem ersten Trainer-Konkurrenten Xavi hatte sich der 59-Jährige schon am Vormittag mit einem Spontan-Interview im sonst streng geheimen Abschlusstraining noch in Herzogenaurach mal wieder alle verblüfft. „Die Jungs haben alle Lust, also dementsprechend empfinden wir Aufbruch“, sagte Klopp. 

Jürgen Klopp stellt sich beim Abschlusstraining spontan für Reporterfragen.  Foto: Federico Gambarini/dpa
Jürgen Klopp stellt sich beim Abschlusstraining spontan für Reporterfragen. Foto: Federico Gambarini/dpa

Er weiß genau, was ihn am Donnerstag (20.45 Uhr/RTL) im Prestigeduell mit den Niederlanden erwartet. Und er freut sich darauf, mit jeder Faser seines Körpers. „In Amsterdam habe ich nicht von vielen Freundschaftsspielen gehört. Also, da geht es direkt zur Sache.“ Ein Titelversprechen für seine bis zur WM 2030 vereinbarte Amtszeit als Nationaltrainer mochte der einst so erfolgreiche Vereinscoach vor dem ersten Spiel nicht abgeben: „Was ich versprechen kann, ist, dass man uns ansieht, dass wir es auf jeden Fall probieren wollen.“

Die knifflige Auftaktprüfung soll ein erster, kleiner Fingerzeig werden, wo der Weg mit Klopp hinführen könnte. Einen intensiveren Adrenalin-Kick als mit dem Klassiker gegen Deutschlands Fußball-Erzrivalen hätte er sich kaum ausmalen können für sein erstes Spiel als Bundestrainer. „Ich wüsste gar nicht, gegen wen ich lieber spielen würde. Brettstarker Gegner, neuer Trainer“, sagte Klopp. 

 

„Spaß unter Druck“, den sollen Deutschlands Fußballer ausstrahlen. Foto: Federico Gambarini/dpa
„Spaß unter Druck“, den sollen Deutschlands Fußballer ausstrahlen. Foto: Federico Gambarini/dpa

Mit seinem typischen Kratzbürsten-Charme sagte er Richtung des neuen Bondscoaches. „Ich kenne mehr Spieler von Holland persönlich als Xavi. Ob das ein Vorteil ist, weiß ich nicht. Ein Fakt ist es trotzdem.“ Dafür gab’s viele Lacher.

Holland verkloppen - das wär’s

Holland sinnbildlich verkloppen! Das wär’s doch zum Start in eine strahlende Zukunft, die sich die deutschen Fans so sehr wünschen exakt 87 Tage nach dem nächsten WM-Tiefpunkt gegen Paraguay in den USA. Ein Erweckungserlebnis wird erwartet in Spiel eins unter dem 13. Bundestrainer. Natürlich wünscht sich Klopp einen Auftaktsieg. Der gelang jedem seiner fünf Vorgänger (Völler, Klinsmann, Löw, Flick, Nagelsmann) in diesem Jahrhundert.

Die Aufbruchstimmung, die er entfacht hat, muss schnell mit Ergebnissen unterfüttert werden. Es geht dem neuen DFB-Chefcoach aber gleichzeitig auch um die Art und Weise, um Willen, um Leidenschaft, um Teamgeist. Klopp-Teams brennen. Klopp-Teams rennen. Klopp-Teams reißen die Menschen mit. 

Erstes Lernziel: „Spaß unter Druck haben“

Er selbst nennt es „Lektion eins für unsere gemeinsame Zukunft: Wir lernen, Spaß unter Druck zu haben“. Zupacken. Nicht kneifen. Brust raus. „Wenn Druck da ist, dann geht’s um was. Wenn Druck da ist, dann weiß man, dass es wirklich wichtig ist in dem Moment. Dann ist es einfacher, sich voll zu fokussieren.“

Nur zwei Trainingseinheiten hatte er mit seinem ersten, 24 Spieler starken Kader vor dem Nations-League-Auftakt gegen Oranje. Im Homeground von Herzogenaurach war auf Anhieb diese ansteckende Liebe zum Fußball zu spüren, die Klopp so intensiv vorlebt, dass sie auf alle anderen abfärbt.

Der Kapitän spürt eine Anfangseuphorie“

„Wir wissen, dass wir jetzt aus einer nicht so einfachen Situation kommen. Mit einem neuen Trainer hat man natürlich immer eine gewisse Anfangseuphorie“, sagte Kapitän Joshua Kimmich im RTL/Sky-Interview. „Für uns wird es wichtig sein, unsere eigene DNA und unsere Identität wiederzufinden.“

Vier Partien in elf Tagen, das sind für Klopp im Expresstempo exakt so viele wie unter Julian Nagelsmann bei der desaströs verlaufenen WM. Als Klopp die mauen Auftritte des viermaligen Weltmeisters Deutschland in Amerika als TV-Experte einordnete und - „noch“ - sein Vorgänger die Aufstellung machte. 

Jetzt macht sie tatsächlich Klopp. Mutiger, innovativer, schlüssiger soll sie sein. Auch wenn er in seinen XXL-Kader mit noch 43 Akteuren viele neue Gesichter gepackt hat, dürfte die erste Startelf einen starken WM-Anstrich haben. 

Eine Achse um Mittelfeld-Chef Kimmich

„Eine Mannschaft braucht Stabilität, braucht eine Achse. Wenn die Achse stabil ist, dann kann man außen rum auch ein bisschen spinnen und verrückt sein und ganz viel Jugend dazu mischen. Dann geht das“, erläuterte Klopp.

Sein Tempo passt ideal zum Klopp-Fußball: Karim Adeyemi. Foto: Federico Gambarini/dpa
Sein Tempo passt ideal zum Klopp-Fußball: Karim Adeyemi. Foto: Federico Gambarini/dpa

Also: Rückkehrer Marc-André ter Stegen im Tor. Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck im Abwehrzentrum. Davor Kimmich im zentralen Mittelfeld. Da, wo der Kapitän für den Nagelsmann-Nachfolger hingehört. Dazu als weitere WM-Fahrer Felix Nmecha, Jamal Musiala und vorne Kai Havertz. 

Treu, Schade, Adeyemi - Chance für Power-Kicker 

„Wir haben uns schon noch relativ stark an der Weltmeisterschaft orientiert, eine eingespielte Mannschaft, in der sich die Spieler kennen“, erklärte Klopp. Um die Arrivierten herum kann Klopp die Jungen anordnen, den Freiburger Länderspiel-Neuling Philipp Treu und WM-Entdeckung Nathaniel Brown auf den Außenverteidiger-Positionen. Und womöglich Kevin Schade und Karim Adeyemi als offensive Turbo-Außen für den typischen Klopp’schen Power-Fußball. Hohes Pressing, sehr viel Energie und Tempo - so wie beim FC Liverpool. 

Viele neue Gesichter um Hennes Behrens, Younes Ebnoutalib und Phillip Treu.   Foto: Federico Gambarini/dpa
Viele neue Gesichter um Hennes Behrens, Younes Ebnoutalib und Phillip Treu. Foto: Federico Gambarini/dpa

Wer beim neuen Bundestrainer eine Zukunft haben will, muss seinen Weg konsequent mitgehen. Es dürfe am Anfang auch mal „wild“ zugehen auf dem Platz, sagte Klopp. Sogar eine Spur Chaos preist er in der Startphase ein. Nur: „Lebendig muss es sein.“ Klopp fordert mutige Spieler, aber er will sie auch total unterstützen. „Ich gehe für die Jungs durchs Feuer. Wenn die Jungs alles geben, bin ich für Niederlagen verantwortlich - ohne Wenn und Aber.“

Defensive Stabilität als erster Leitsatz

Die Arbeit gegen den Ball, gegen den Gegner, sie wird zum ersten Leitsatz. „Ich bleibe dabei: Fußballerische Qualität wird dann sichtbar, wenn eine Mannschaft eine Stabilität hat im Defensivverhalten. Das ist das Trampolin, das ist das Fangnetz, das man braucht“, predigte Klopp an den ersten Tagen: „Wenn du nur an die Offensive denkst, wird dich die Defensive immer killen.“

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