Fußball-Nationalmannschaft Klopps Kater schon vorm Wiesn-Spiel - Weg „alternativlos“
Die erste Aufbruchstimmung ist schon wieder dahin. Jürgen Klopp liefert nach dem Griechenland-Flop Erklärungsversuche. Und vermeidet strikt eine Qualitäts-Debatte. Danach legt er mit Kader II los.
Das ganz besondere Oktoberfest-Spiel in München kommt erst noch - einen gehörigen Kater hat Jürgen Klopp aber schon davor. Der sogar historische 0:1-Flop gegen Griechenland schlug wie ein Blitz ein in die vom neuen Bundestrainer entfachte Jugendlager-Stimmung beim DFB-Team mit den vielen noch Namenlosen. „Wenn die Euphorie jetzt weg ist, tut mir das leid“, sagte Klopp nach seinem reichlich missglückten Heimdebüt.
Nach einer kurzen Nacht stürzte sich der 59-Jährige im abgeschirmten Homeground-Idyll in Herzogenaurach mit den Spielern seines zweiten 25-Mann-Kaders direkt wieder in die Arbeit. Um am Donnerstag (20.45 Uhr/ZDF) gegen den punktlosen Gruppenletzten Serbien in der Allianz Arena die schon drängende Ergebnis-Wende in der Nations League zu bewerkstelligen.
Die erste Druck-Situation ist da! Den nächsten, einmal mehr Augen öffnenden Realitäts-Check des deutschen Fußballs hatte Klopp vor der nächtlichen Busfahrt zurück nach Franken noch in der Kabine mit seiner ersten Kader-Gruppe um Kapitän Joshua Kimmich analysiert. Diese trat - wie vorher festgelegt - im Anschluss die individuelle Heimreise an.
Danach rang der rhetorisch gewiefte Menschenfänger Klopp 19 Minuten lang im kleinen Presseraum der Augsburger Arena um Erklärungsversuche für das, was sich die Fans im ausverkauften Stadion, Millionen TV-Zuschauer und auch er selbst an einem milden Spätsommer-Abend ganz anders vorgestellt hatten.
„Lieber ein schlechter Start als ein schlechtes Ende“
„Die Woche war alles top, bis auf das Spiel heute“, stöhnte Klopp. Um dann den für ihn typischen Ausweg nach einem respektablen 1:1 in den Niederlanden und seiner ersten Niederlage einzuschlagen: „Lieber ein schlechter Start als ein schlechtes Ende.“ Trotzdem war Deutschlands Premieren-Schlappe gegen glückselige Griechen auch für ihn ein denkwürdiges Ereignis. „Es gab einige Erkenntnisse, die ich nicht haben wollte. Gekriegt habe ich sie trotzdem.“
Schweinsteigers knallhartes Urteil
Wie schlecht ist der deutsche Fußball auch drei Monate nach dem viel zu frühen WM-Aus in Amerika? Das knallharte Urteil fällte ein Weltmeister, der in der letzten triumphalen Fußball-Nacht der Nationalmannschaft 2014 in Rio mit blutender Kopfwunde das symbolisierte, was die Nationalelf lange über viele Nationen erhob: Bastian Schweinsteiger. „Wir sind keine Topmannschaft mehr. Wir sind im Mittelmaß angekommen. Wir haben nicht diese Spieler mehr, die den Unterschied ausmachen“, sagte der 42-Jährige als ARD-Experte.
Klopp verzog gequält das Gesicht, als er in der Pressekonferenz davon hörte. Und er rang dann wortreich um die Deutungshoheit. Kein WM-Blues, bitte! „Es gibt für mich keinen Grund, jetzt in Depression zu verfallen und zu sagen, wir sind ja doch so schlecht. Sind wir nicht! Aber wir sind auch nicht jetzt schon wieder so gut, wie wir gerne wären“, sagte Klopp energisch.
Er übernimmt die volle Verantwortung für das, was gerade passiert; für den Fehlstart in die Nations League, für seine große Sichtung mit (zu) vielen neuen Gesichtern, für Aufstellung und Ergebnisse. „Wenn ihr euch auf dem Weg an jemandem auslassen und jemanden kritisieren wollt, macht das mit mir. Lasst euch an mir aus - und lasst die Jungs in Ruhe“, appellierte er an die Medien.
Der „alternativlose“ XXL-Kader-Weg
Als „alternativlos“ bezeichnete er seinen ungewöhnlichen Anfang mit einem 44-Mann-Kader, dem beim fast kompletten Austausch zur Spiele-Halbzeit nun weitere Substanz wegbricht. „Ich hatte bis zum Ende so ein bissel gehofft, zu bleiben“, gestand Kimmich nach seinem 116. Länderspiel. Ausgerechnet der Kapitän war es gewesen, der den Schuss von Dimitrios Kourbelis zum 0:1 unglücklich abfälschte. Klopp nannte das Tor „ein Drecksding“.
Das große Probanden-Casting soll ihm in den zwei Startwochen ganz viele Informationen liefern, damit er danach auf dem Weg zur EM 2028 personell umso klarer sieht. Fazit der ersten Woche: Wirklich empfehlen konnten sich der forsche Freiburger Philipp Treu, Abwehrkante Yann Bisseck und auch ohne einen mehrmals möglichen Torerfolg Turbo-Außenstürmer Karim Adeyemi.
Nun dürfen an der Seite weniger etablierter Nationalspieler wie Serge Gnabry, Nico Schlotterbeck oder Florian Wirtz die nächsten Debütanten vorspielen. Youngster wie Said El Mala, Mika Baur, Finn Jeltsch, Felix Keidel und Derry Scherhant sowie der schon 28 Jahre alte Premier-League-Profi Vitaly Janelt.
„Wir sind nicht das Bayern München des europäischen Fußballs“
Weltklasse herbeizaubern, das kann auch der neue Chefcoach nicht. „Dass der deutsche Fußball aktuell nicht in der besten Situation aller Zeiten ist und Jürgen Klopp nicht vorbeikommt und einfach kurz mit Handauflegen alle Probleme löst, das wusste ich vorher. Wenn es irgendwer nicht wusste, dann weiß er es jetzt“, sagte der erhoffte Heilsbringer. Ein wiederkehrender Standardsatz zum Ist-Zustand lautete: „Das ist kein Problem.“ Oder: „Das ist kein Problem für mich.“
Das Kardinalproblem in Länderspiel Nummer zwei war für Klopp dieses. „Das Schwerste im Fußball ist es, gegen einen tiefen Block anzuspielen.“ Die DFB-Elf hatte dominant viel Ballbesitz, aber kaum Lösungen. „Wir sind nicht das Bayern München des europäischen Fußballs“, meinte Klopp. „Fußball braucht Training. Fußball braucht Abläufe.“ Und Fußball braucht vor allem Qualität. Die fehlt.
Klopp mochte die Qualitäts-Debatte nicht aufnehmen. Er sieht sie nach wie vor: „Schritte sind nie groß genug. Es geht nie schnell genug. Aber am Ende wird es einen Moment geben in der näheren Zukunft, an dem wir bereit sind, gegen jeden Gegner ein unangenehmer zu sein“, versicherte er. Die Erwartungshaltung wird aber auch er rasch höherschrauben: „Die Jungs müssen irgendwann sehr selbstbewusst Fußball spielen.“ Klopp-Fußball.