Fiat 124 feiert den 60. Geburtstag: Die erfolgreichste Baureihe aus Italien
Ein Teil der 23 Millionen Exemplare wurde von Fiat-NSU auch in Deutschland gefertigt und komplettierte als Limousine – immer mit Schiebedach – das Portfolio der „Neckar“-Produktion.
Ostfriesland - Die Erinnerung schmerzt. Es hätte nicht so weit kommen dürfen. In einer gemeinsamen Finanztransaktion mit WG-Mitbewohner Jens war Mitte der 90er Jahre der Kauf eines kurz zuvor aus Italien importierten Fiat 124 Spider gelungen. Eine Garage gab es nicht, ein überaus wackliger Kunststoffpavillon war der einzige Schutz für das wunderschöne Cabrio aus Italien, das bis dato nur Sonne kannte, nicht aber norddeutsches Schmuddelwetter. Das Klima setzte der schwarzen Schönheit in den Folgejahren arg zu, obwohl der 124 CS ausnahmslos als Sommerauto – stets mit per Hand zurückgeklapptem Stoffverdeck – ausgeführt wurde. Irgendwann war der Unterboden hin und die Kotflügel warfen erste Blasen. Einen Schweißer gab es in der WG in Idafehn nicht. Also folgte schweren Herzens die Trennung, da den beiden Mittdreißigern ansonsten ein finanzieller Kollaps gedroht hätte.
Der Grund für diese eher wehmütige Zeitreise ist ein runder Geburtstag, denn die Produktion des Fiat 124 begann vor 60 Jahren. Als die ersten kantigen Limousinen vom Band liefen, ahnte niemand, dass in Turin gerade das wohl größte Erfolgskapitel der italienischen Automobilgeschichte aufgeschlagen wurde. Mehr als 23 Millionen Exemplare entstanden weltweit. Neben der viertürigen, gut vier Meter langen Limousine komplettierten Kombi („Familiare“), Coupé und der schon erwähnte Spider – dessen wunderbares Blechkleid vom begnadeten Pininfarina-Designer Tom Tjaarda gezeichnet wurde – die Modellpalette des Typ 124.
Bereits ein Jahr nach der Premiere notierte Fiat in Europa mehr Neuzulassungen als VW und holte die Wolfsburger vom Thron. Und: Hinter General Motors, Ford und Chrysler stiegen die Italiener zum viertgrößten Autobauer der Welt auf.
Das ist Vergangenheit, der Rückblick ist jedoch höchst interessant: Während heutzutage Traditionsmarken zu großen Autokonzernen verschmelzen, wurde vor gut einem halben Jahrhundert in Lizenz produziert: Ab 1970 entstanden in der Sowjetunion bei Lada vom Fiat 124 in 44 Jahren mehr als 17,3 Millionen Einheiten. Shiguli wurde das Volksauto der Russen genannt.
In Spanien machten der 124er und das Schwestermodell (Typ 1430) die Marke Seat zum Vollsortimenter, in Korea zählte der Fiat 124 unter der Marke Kia-Asia zu den ersten Autos aus nationaler Fertigung, in Indien genoss der Mittelklassewagen Kultstatus als Premier 124, in der Türkei rollte die Baureihe als Tofas aus den Fabrikhallen. Und sogar in Deutschland gab es eine eigene Fertigung unter dem Namen „Neckar“. Fiat made in Germany? Das gab es tatsächlich schon seit 1929, nachdem die Deutsche Fiat AG die NSU Automobil AG übernommen hatte und im Werk Heilbronn teils eigenständige NSU/Fiat- und Neckar-Modelle produzierte. Seit Januar 1967 ergänzte der Fiat 124 mit Schiebedach das Neckar-Produktprogramm.
Anfangs verfügte der Vierzylinder (1,2 Liter Hubraum) über 60 PS. Genug Leistung für das Leichtgewicht (keine 900 Kilo), zu wenig für südländisches Temperament. So kam schnell ein 1,4 Liter-Motor mit 70 PS, ehe leistungsstärkere Versionen folgten (unter anderem von Fiat-Tuner Abarth). Der Spider aus Idafehn beispielsweise besaß einen 1,6-Liter-Benziner mit 109 PS.
Bemerkenswert war vor allem die unglaubliche Robustheit der Technik – bei Fiat ebenso wie bei den in Lizenz gefertigten Fahrzeugen. Im krassen Gegensatz dazu stand die enorme Rostanfälligkeit. Der braune Tod führte zum Massensterben.
Ein wirklich schönes Geschenk zum runden Geburtstag ist die Tatsache, dass einige Exemplare der Baureihe trotzdem bis heute überlebt haben – und in der Szene für ein Vielfaches des ursprünglichen Grundpreises gehandelt werden. So sind für den Kauf eines gepflegten Exemplars im Originalzustand inzwischen gut 30.000 Euro einzuplanen.
Für die beiden WG-Kumpels aus Idafehn hätte sich seinerzeit also ein für die Reanimation von Unterboden und Schwellern beauftragter Schweißer durchaus gelohnt. Immerhin: Der damalige Käufer scheute dann offensichtlich keine Kosten: Beim traditionellen Oldtimertreffen in Rastede präsentierte sich „Spydie“ vor ein paar Jahren jedenfalls in einem Topzustand. Fast: Eine ganz kleinen Macke im Lack verriet die frühere Herkunft.