Lesen Leseschwäche und Big Tech: Buchmesse stellt Demokratiefragen

Sandra Trauner und Jenny Tobien, dpa
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Von Sandra Trauner und Jenny Tobien, dpa
| 06.10.2026 04:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zum Auftakt der Messe stimmt die Branche nachdenkliche Töne an. Foto: Andreas Arnold/dpa
Zum Auftakt der Messe stimmt die Branche nachdenkliche Töne an. Foto: Andreas Arnold/dpa
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Lassen wir es zu, dass Maschinen für uns denken? Welche Folgen hat Pisa für die Demokratie? Und wie können Tech-Konzerne reguliert werden? Zum Auftakt der Buchmesse stehen große Fragen im Fokus.

Leseschwäche, Urheberrechte und die Bedrohung durch Künstliche Intelligenz: Diese Themen stehen im Fokus der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. In der Stadt dreht sich in dieser Woche alles um Bücher. Bis Sonntag werden mehr als eine Viertelmillion Besucher erwartet. 

Die US-Historikerin und Autorin Jill Lepore sieht die Menschheit „auf des Messers Schneide der Geschichte“. Die Menschheit müsse sich entscheiden, ob sie zulasse, „dass Maschinen das Lesen und Schreiben und sogar das Denken für uns übernehmen“, sagte die Pulitzer-Preisträgerin zum Auftakt der 78. Buchmesse. 

Sprach bei der Eröffnungs-Pressekonferenz: US-Historikerin Jill Lepore. Foto: Andreas Arnold/dpa
Sprach bei der Eröffnungs-Pressekonferenz: US-Historikerin Jill Lepore. Foto: Andreas Arnold/dpa

Künstliche Intelligenz bedrohe die Kunst und das Schreiben, die Freiheit des Denkens, die demokratischen Gesellschaften und - wie die Tech-Unternehmen selbst warnen - sogar die Menschheit selbst, sagte die Harvard-Professorin in ihrer Rede auf der Pressekonferenz vor der Eröffnung. „Wenn die Menschheit vor dem Maschinenstaat kapituliert, verlieren wir nicht nur unsere Freiheit, sondern auch unseren Verstand.“

Die Buchmesse sei eine Gelegenheit, unsere Unabhängigkeit zu erklären beim Schreiben und Lesen von Büchern. „Unsere Gedanken und unsere Worte - und unsere Bücher - gehören uns. Und die Zustimmung zu jedem Regierungssystem oder ihre Verweigerung muss von uns kommen.“

Warnung vor Leseschwäche bei jungen Leuten

Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, warnte vor gravierenden Folgen der zunehmenden Leseschwäche bei jungen Leuten. „Wie soll man sich eine fundierte Meinung bilden, wenn man nicht in der Lage ist, verschiedene Positionen lesend zu verstehen und zu vergleichen?“ Laut der jüngsten Pisa-Studie fehlt jedem dritten 15-Jährigen die grundlegende Kompetenz beim Lesen.

Zudem sprach der Vorsteher im Zusammenhang mit KI von einem „doppelten Raubzug“. „Wenn die Politik jetzt nicht handelt, beraubt uns die KI nicht nur weiterhin millionenfach urheberrechtlich geschützter Werke, sondern langfristig auch unseres Denkens.“

Minister Weimer will die Macht der Tech-Konzerne begrenzen. Foto: Andreas Arnold/dpa
Minister Weimer will die Macht der Tech-Konzerne begrenzen. Foto: Andreas Arnold/dpa

Bei der feierlichen Eröffnung warnte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer vor der Macht der Tech-Konzerne. Er warb darum, in Europa gemeinsam gegen diese vorzugehen. Die Macht von „Big Tech“ müsse mit allen Mitten bekämpft werden, sagte Weimer. Und: Vieles spreche für ein Social-Media-Verbot bei Kindern. Aber das sei nicht ausreichend, sagte Weimer. „Wir werden Meta und Co. zwingen müssen, die Algorithmen zu ändern.“ 

Weimer kündigte derweil eine neue Auszeichnung an - das „Literarische Wort des Jahres“, die 2027 erstmals vergeben werden soll. „Ist es nicht an der Zeit, die einzigartigen Möglichkeiten der Sprache und Literatur zu feiern und dem Unwort des Jahres sein positives Pendant gegenüberzustellen?“

„Frankfurter Appell“ und „Literarisches Wort des Jahres“

In einem „Frankfurter Appell“ fordern 120 Verlage, Transparenz über die für KI-Trainings genutzten Werke, faire Lizenzierungsmodelle und wirksame Instrumente zur Durchsetzung des Urheberrechts. 

Zum Auftakt der Messe stimmt die Branche nachdenkliche Töne an. Foto: Andreas Arnold/dpa
Zum Auftakt der Messe stimmt die Branche nachdenkliche Töne an. Foto: Andreas Arnold/dpa

Letzte Buchmesse für Boos - „Frankfurt leuchtet“

Der scheidende Direktor der Buchmesse, Juergen Boos, betonte: „Permanentes digitales Spektakel lenkt uns vom Denken ab.“ Für Boos ist diese Ausgabe nach 21 Jahren die letzte Messe. Er geht in den Ruhestand. Neuer Buchmessen-Chef wird Joachim Kaufmann, langjähriger Geschäftsführer des Carlsen Verlags. 

„Aufmerksamkeit ist heute umkämpft“, sagte Boos. Zwischen einem Buch und seinen Leserinnen und Lesern stünden immer mehr Plattformen, Empfehlungen und Algorithmen. Die Antwort darauf beginne mit Begegnungen - und die Messe bringe die Menschen zusammen: „Frankfurt leuchtet.“ Am Ende der Eröffnung wurde Boos per Videobotschaft unter anderem von Salman Rushdie verabschiedet.

Die Stimmung in der Buchbranche ist zu Beginn der Messe allerdings nicht besonders gut: Der Umsatz lag 2025 mit 9,62 Milliarden Euro 2,7 Prozent unter dem von 2024. In den ersten acht Monaten 2026 ging der Wert noch weiter runter, wie der Börsenverein berichtet. Dennoch war zum Auftakt auch Positives zu hören: „Die Liebe zum Buch blüht nach wie vor“, sagte Guggolz.

Protest bei tschechischem Minister 

Die Rede des tschechischen Kulturministers Oto Klempir wurde von Protesten begleitet. Tschechien ist der Ehrengast der diesjährigen Messe. Während Klempir sprach, gab es Zwischenrufe und Pfiffe, ein Mann hielt ein Plakat hoch. 

Die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarkova wird bejubelt. Foto: Andreas Arnold/dpa
Die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarkova wird bejubelt. Foto: Andreas Arnold/dpa

Die tschechische Autorin Radka Denemarkova („Stunden aus Blei“) hingegen wurde bejubelt, als sie sagte, Minister kämen und gingen, „aber die Literatur bleibt“. Sie betonte, man könne Literatur und Politik nicht trennen: „Der Kampf um die Wortmacht ist auch ein Kampf um die Weltmacht.“

1.000 Sprecher auf zehn Bühnen

Zu den prominentesten Gästen auf der Messe gehören in diesem Jahr der Musiker und Autor Wolf Biermann, die Französin Gisèle Pelicot und Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead. Auch Politiker wie Robert Habeck oder Filmemacher wie Volker Schlöndorff werden erwartet. Am Montagabend wurde der Deutsche Buchpreis verliehen - an Shida Bazyar für „Die Lücken“. 

Das Event-Programm wurde erweitert - auf zehn Bühnen sind mehr als 1.000 Sprecher zu erleben. Mit Spannung erwartet wird die Bekanntgabe des Jugendworts am Samstag. Zum Abschluss nimmt der französisch-britische Menschenrechtsanwalt Philippe Sands den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen.

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