Regierungsbericht für 400 Kreise Wirtschaftslage – so weit unten ist Ostfriesland im Deutschland-Ranking
Arbeitsentgelt, Produktivität und kommunale Steuereinnahmen – ostfriesische Landkreise liegen im Deutschland-Vergleich der Bundesregierung relativ hinten. Nachbarkreise sind teils besser platziert.
Ostfriesland/Berlin - In dieser Analyse geht es um die wirtschaftlichen Lebensverhältnisse in Ostfriesland und den benachbarten Landkreisen Friesland, Ammerland, Cloppenburg und Emsland sowie der Stadt Wilhelmshaven – um das Arbeitseinkommen, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die Arbeitslosigkeit, die örtlichen Steuereinnahmen, die Abhängigkeit von staatlichem Wohngeld, die Baulandpreise, um Geringverdiener, Spezialisten und Experten, um Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen sowie um den Anteil der Arbeitsverträge, die nur befristet abgeschlossen werden. Kurz: Es geht um Lebensqualität.
In Deutschland sollen überall gleichwertige Lebensverhältnisse herrschen. Das ist das Ziel der Bundesregierung, die derzeit SPD, Grüne und FDP bilden. Mit ihrem „Gleichwertigkeitsbericht 2024“ hat sie eine Bestandsaufnahme vorgelegt. Darin sind Daten zur Wirtschaftslage, zur Entwicklung der Gesellschaft, zur Versorgungssituation sowie zu „Klima und Umwelt“ zusammengetragen. Für jeden Landkreis und für jede kreisfreie Stadt. Über die Erkenntnisse der Bundesregierung hat der Autor dieser Analyse vor kurzem berichtet. Auch darüber, wie zufrieden oder unzufrieden sich Bürgerinnen und Bürger in Ostfriesland in einer Befragung der Bundesregierung geäußert haben. Das Bundeswirtschaftsministerium hat inzwischen mitgeteilt, wie viele Personen kontaktiert wurden: 76 im Landkreis Aurich, 71 im Kreis Leer, 72 im Kreis Wittmund und 63 in der Stadt Emden.
Mit Hilfe von Statistiken haben die Gutachter der Bundesregierung versucht, die Einschätzungen der Befragten zu objektivieren. Unsere Redaktion hat mittlerweile die Rohdaten ausgewertet und für die rund 40 Parameter des Gleichwertigkeitsberichts ein Deutschland-Ranking zusammengestellt.
Auf welchen Rängen sind die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie die Stadt Emden unter den 400 Kreisen und kreisfreien Städten in Deutschland? Und wo rangieren die Nachbarkreise Friesland, Ammerland, Cloppenburg und Emsland sowie die Stadt Wilhelmshaven? Es folgen die Ergebnisse für den Wirtschaftsbereich.
Arbeitslosigkeit – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Dass Arbeitslosigkeit weder für die betroffenen Menschen noch für die Region gut ist, in der die Betroffenen leben, versteht sich von selbst. Klar, dass die Bundesregierung beim Vergleich der Lebensverhältnisse in Deutschland die Arbeitslosenquoten in den 400 Landkreisen und kreisfreien Städten im Blick hatte. Die Gutachter haben die Zahlen aus dem Jahr 2022 verglichen.
Alle ostfriesischen Landkreise liegen dabei schlechter als Rang 250, die Stadt Emden sogar auf Platz 369. Der Landkreis Emsland schlägt sich im Nordwesten mit Abstand am besten: Platz 58.
Steuereinnahmen von Städten – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Steuereinnahmen der Städte und Gemeinden sind ein wesentlicher Faktor, was die Lebensqualität in einer Region betrifft. Einerseits vermittelt das Steueraufkommen einen Eindruck, wie es um Wirtschaft und Wohlstand in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt bestellt ist. Andererseits entscheiden die Steuereinnahmen darüber, wieviel Geld für Investitionen bereitsteht – für Straßen, Sporthallen, Kindergärten, Freizeiteinrichtungen und so weiter. Die Bundesregierung hat daher „das kommunale Steueraufkommen“ je Einwohner betrachtet.
Emden ist diesbezüglich – Stand 2021 – relativ weit vorne in der Rangliste, auf Platz 51. Die ostfriesischen Landkreise folgen auf den Plätzen 275 (Wittmund), 306 (Aurich) und 328 (Leer). Etwas besser schneiden im Vergleich dazu die ostfriesischen Nachbarkreise Emsland und Ammerland ab.
Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Als Kennzahl für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt hat die Bundesregierung das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je erwerbstätiger Person herangezogen. Die Definition: „Das Bruttoinlandsprodukt entspricht der Summe aller produzierten Güter und Dienstleistungen abzüglich der im Produktionsprozess verbrauchten oder verarbeiteten Vorleistungen, die in einem Jahr hergestellt wurden.“ Es geht also um den Wert, der in einer Region pro Erwerbstätigen erwirtschaftet wurde – und zwar im Jahr 2021.
Während Emden – in der Stadt gibt es unter anderem ein VW-Werk – mit 83.086 Euro auf Platz 59 von 400 rangiert, finden sich die ostfriesischen Landkreise über der 300er-Marke. Sie gehören demnach zum wirtschaftlich leistungsschwächsten Viertel der Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland. Der Landkreis Aurich befindet sich auf Platz 380. Im Vergleich dazu schneiden sogar ländliche Landkreise in wirtschaftlich relativ leistungsschwachen Regionen Ostdeutschlands besser ab.
Jobs für Spezialisten und Experten – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
„Ausschlaggebend für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die durchschnittlichen Einkommen der Beschäftigten einer Region“ ist nach Angaben der Bundesregierung das „Anforderungsniveau“ der Berufe. Soll heißen: Ein Landkreis oder eine kreisfreie Stadt mit hohem Spezialisten- und Expertenanteil ist tendenziell gut aufgestellt.
Betrachtet wurde das Jahr 2022: Da lag Ostfriesland bei den Spezialisten weit hinten. Der Landkreis Leer belegt Platz 366, dicht gefolgt vom Landkreis Aurich auf Platz 372. Und der Landkreis Wittmund belegt den vorletzten Rang: 399 von 400. Sogar der Industriestandort Emden kommt nur auf Rang 305.
Bei den Experten sieht es zumindest ein bisschen besser aus: Emden hat es in die obere Hälfte der Rangliste geschafft: Platz 184. Die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund landeten auf den Plätzen 278, 310 und 369.
Was die Arbeitnehmer verdienen – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Als Gradmesser für das Lohnniveau hat die Bundesregierung das Medianentgelt in den Landkreisen und kreisfreien Städten aus dem Jahr 2022 herangezogen: „Das regionale Medianentgelt (,mittleres Einkommen‘) entspricht dem Bruttoeinkommen, das bei einer aufsteigenden Sortierung aller Arbeitsentgelte aller in Vollzeit erwerbstätigen Personen in der jeweiligen Region (vor Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen) exakt in der Mitte liegt.“
Aus Arbeitnehmer-Sicht schneidet Ostfriesland bescheiden ab. Emden, wo unter anderem ein VW-Werk ist, steht zwar ziemlich weit oben im Deutschland-Ranking (Platz 68). Aber die Landkreise kommen erst auf den Rängen 317 (Aurich), 325 (Leer) und 335 (Wittmund). Nur der Landkreis Cloppenburg schneidet im Nordwesten noch schlechter ab.
Benachteiligung von Frauen – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
„Frauen erhalten trotz Diskriminierungsverbots für gleichwertige Arbeit immer noch eine geringere Entlohnung“, schreibt die Bundesregierung. Sie hat den „Gender Pay Gap“ der Landkreise und kreisfreien Städte verglichen. In der „unbereinigten“ Form steht der Parameter für den „Abstand zwischen dem Bruttotagesentgelt einer vollzeitbeschäftigten Frau und dem Bruttotagesentgelt eines vollzeitbeschäftigten Mannes“.
Bereits dieser Wert kann eine geschlechterabhängige Benachteiligung sichtbar machen. Die Landkreise Leer, Aurich und Wittmund liegen mit Einkommensunterschieden von etwas mehr als 20 Prozent nahe beieinander und im Deutschland-Vergleich auf den Plätzen 230 bis 249. In Emden verdienen Frauen sogar knapp ein Viertel weniger als Männer – das ergibt Rang 286.
Ein niedrigerer Lohn kann aus widrigen Rahmenbedingungen resultieren – beispielsweise aus der Arbeit in einer Branche, deren Lohnniveau relativ niedrig ist. Wird der Gender Pay Gap um solche Effekte bereinigt, bleibt der Einkommensunterschied übrig, der offenbar aus geschlechterabhängiger Diskriminierung resultiert. Die Stadt Emden schneidet nach der Bereinigung am besten in Ostfriesland ab: Platz 174. Die Landkreise Wittmund und Aurich befinden sich auf den Plätzen 237 und 256. Der Kreis Leer folgt deutlich dahinter auf Rang 325.
Befristete Arbeitsverträge – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Ein Negativ-Merkmal für die Lebensqualität in einer Region ist der Anteil der neu abgeschlossenen Arbeitsverträge, die befristet sind. Befristet Beschäftigte werden laut Bundesregierung tendenziell schlechter bezahlt und ihnen fehlt es perspektivisch an finanzieller Sicherheit – was beispielsweise den Kauf eines Hauses verunmöglichen kann, weil die Kreditvergabe-Kriterien der Banken nicht erfüllt werden können.
Der Landkreis Leer liegt bezüglich der befristeten Arbeitsverträge, die im Jahr 2022 unterzeichnet wurden, überdurchschnittlich gut auf Rang 117. Die Kreise Wittmund und Aurich befinden sich im Mittelfeld der 400 Landkreise und kreisfreien Städte. Emden ist derweil fast Schlusslicht: Platz 392.
Anteil der Geringverdiener – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Wer zum 31. Dezember 2022 weniger als 2431 Euro pro Monat verdient hat, lag im „unteren Entgeltbereich“. Per Definition sind das Löhne, die niedriger als zwei Drittel des durchschnittlichen monatlichen Bruttolohns aller sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten liegen. Wer so wenig verdient, dessen Lebensqualität ist tendenziell relativ schlecht.
Bei diesem Parameter dürfte sich in Emden der VW-Standort positiv bemerkbar machen: Rang 57 im Jahr 2022. Die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund kommen hingegen erst auf den Plätzen 314, 317 und 333. Im Vergleich dazu schneiden auch umliegende Landkreise besser ab – von Cloppenburg mal abgesehen. Das Emsland hat es auf Platz 197 geschafft.
Abhängigkeit von Wohngeld – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Mit staatlichem Wohngeld will die Bundesregierung dazu beitragen, dass in Deutschland möglichst gleichwertige Lebensverhältnisse herrschen. Im Gleichwertigkeitsbericht geht es um Familien oder auch Ein-Personen-Haushalte, die „aufgrund eines geringen Einkommens von den Wohnkosten überdurchschnittlich belastet sind“ und deshalb unter bestimmten Voraussetzungen Wohngeld erhalten. Es wird erläutert: „Der Anteil der Wohngeldhaushalte ist dort höher, wo die Einkommen der Haushalte im Durchschnitt niedriger sind“ – beziehungsweise die Mieten relativ hoch.
Im Landkreis Wittmund ist demnach das Verhältnis der Arbeitseinkommen zu den Wohnkosten relativ gut: Platz 89 unter den 400 Landkreisen und kreisfreien Städten im Jahr 2021. Der Landkreis Aurich ist mit Platz 140 noch in der oberen Hälfte der Rangliste. Der Landkreis Leer (Platz 240) und die Stadt Emden (Platz 352) rangieren weiter unten.
Baulandpreise – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Ein Faktor der sich auf die Wohnkosten auswirkt, sind die Baulandpreise – egal, ob jemand ein Eigenheim kauft oder Wohnraum mietet. Im Gleichwertigkeitsbericht werden die „durchschnittlichen Kaufwerte für Bauland in Euro je Quadratmeter“ regional verglichen. Den Preisangaben nach zu urteilen, handelt es sich aber nicht um die Kaufwerte von Einfamilienhaus-Bauplätzen in Neubaugebieten, sondern um einen Mix aus Baulandpreisen. Das ändert aber nichts daran, dass niedrige Kaufwerte für die Bewohner einer Region besser sind als hohe.
In diesem Deutschland-Vergleich der Bundesregierung hat Ostfriesland relativ gut abgeschnitten. Emden ist – Stand 2022 – auf Platz 42, der Landkreis Wittmund auf Platz 75, der Landkreis Leer auf Platz 85, der Landkreis Aurich derweil nur auf Platz 160 von 400. Hier macht sich also der ländliche Raum kostensenkend bemerkbar. Schlusslicht ist die Stadt München, in der Bauplätze und Wohneigentum bekanntermaßen teuer sind.
Lebensqualität – so weit unten ist Ostfriesland im Deutschland-Ranking
Daseinsvorsorge – so weit unten ist Ostfriesland im Deutschland-Ranking
Klima und Umwelt – Ostfrieslands Plätze im Deutschland-Ranking
Wirtschaftslage in Ostfriesland – so entwickelt sich das Lohnniveau