Regierungsbericht für 400 Kreise Daseinsvorsorge – so weit unten ist Ostfriesland im Deutschland-Ranking
Kinderbetreuung, medizinische Versorgung, Erreichbarkeit der Schulen – ostfriesische Landkreise sind im Deutschland-Vergleich der Bundesregierung weit hinten. Nachbarkreise liegen teilweise besser.
Ostfriesland/Berlin - In dieser Analyse geht es um die Versorgung der Bevölkerung in Ostfriesland und den benachbarten Landkreisen Friesland, Ammerland, Cloppenburg und Emsland sowie der Stadt Wilhelmshaven. Um das, was als Daseinsvorsorge bezeichnet wird, um die Infrastruktur. Um die Betreuung kleiner und ganz kleiner Kinder, um die Erreichbarkeit von Krankenhäusern, Schulen und Supermärkten sowie um die Hausarztversorgung.
Die Bundesregierung strebt an, dass überall in Deutschland gleichwertige Lebensverhältnisse herrschen. Der „Gleichwertigkeitsbericht 2024“ ist eine Bestandsaufnahme. Darin sind Daten zur Wirtschaftslage, zur Entwicklung der Gesellschaft, zur Versorgungssituation (Daseinsvorsorge) sowie zu „Klima und Umwelt“ zusammengetragen. Für jeden Landkreis und für jede kreisfreie Stadt.
Der Autor dieser Analyse hat die Rohdaten ausgewertet und für die rund 40 Parameter des Gleichwertigkeitsberichts ein Deutschland-Ranking zusammengestellt.
Auf welchen Rängen sind die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie die Stadt Emden unter den 400 Kreisen und kreisfreien Städten in Deutschland? Und wo rangieren die Nachbarkreise Friesland, Ammerland, Cloppenburg und Emsland sowie die Stadt Wilhelmshaven? Es folgen die Ergebnisse aus dem Daseinsvorsorge-Vergleich des Regierungsberichts.
Kinderbetreuung – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Wenn es genug Angebote zur Kinderbetreuung gibt, haben Mütter und Väter die Wahl, wie früh und in welchem zeitlichen Umfang sie in ihren Beruf zurückkehren wollen – zumindest organisatorisch haben sie die Wahl, es gibt ja auch wirtschaftliche Zwänge. Zudem kann frühkindliche Betreuung laut Bundesregierung die Chancengerechtigkeit verbessern – beispielsweise für Kinder von Eltern, die kein Deutsch sprechen oder die sich schwer tun, die Begabungen ihres Nachwuchses zu fördern.
Die Regierung hat „den prozentualen Anteil der Kinder unter 3 Jahren“ betrachtet, die im Jahr 2022 in externen Einrichtungen betreut wurden. Das heißt, es wurden nicht die vorhandenen Betreuungsplätze, sondern nur die belegten Plätze gezählt. Folglich ist unklar, ob noch mehr Eltern die Wahl hatten, weil es noch freie Plätze gegeben hat – oder andere Eltern am Arbeiten gehindert waren, weil es zu wenig Betreuungsmöglichkeiten gab. Außerdem bleibt unklar, ob die Kinderbetreuung im gewünschten zeitlichen Umfang genutzt werden konnte.
Das muss man berücksichtigen, wenn man das Deutschland-Ranking in diesem Bereich betrachtet. Abgesehen davon kann man darüber streiten, ob viel Kinderbetreuung wirklich besser als weniger ist. Wenig Kinderbetreuung könnte theoretisch auch darauf hindeuten, dass das Lohnniveau so gut ist, dass es sich Eltern leisten können, ihre Kinder selbst zu betreuen und zu erziehen – oder dass die Familien noch nicht aus wirtschaftlichen Gründen örtlich auseinandergerissen wurden, so dass Großeltern die Kinder betreuen können.
Bei lebensnaher Betrachtung, dürften solch lebensqualitätssteigernden Umstände aber eher nicht die Regel für niedrige Betreuungsanteile sein – schon gar nicht nach den Preissteigerungen und der Inflation der vergangenen Jahre. Deshalb ist die Rangliste so aufgebaut, dass die Landkreise und kreisfreien Städte oben stehen, in denen ein großer Anteil der unter dreijährigen Kinder betreut wurde.
Das vorausgeschickt, ergibt sich aus dem Deutschland-Ranking, dass die ostfriesischen Landkreise und die Stadt Emden weit unten stehen – auf den Plätzen 278 (Wittmund), 284 (Emden), 288 (Leer) und 345 (Aurich). Die Nachbarlandkreise Ammerland, Emsland, Friesland und Cloppenburg haben einen höheren Anteil von betreuten Kindern unter drei Jahren. Das Ammerland kommt auf 38 Prozent und Platz 119, das Emsland auf 36,9 Prozent und Platz 129.
Bei den Kindern von drei bis sechs Jahren hat die Bundesregierung den Anteil der Ganztagsbetreuung betrachtet – für das Jahr 2018. Hier schöpfen die Werte aus den Landkreisen und kreisfreien Städten fast das gesamte prozentuale Spektrum aus. Sie reichen von 6,7 Prozent im Landkreis Regen (Platz 400) bis 98,4 Prozent in der Stadt Jena (Platz 1). Die ostfriesischen Gebietskörperschaften liegen zwischen 13,8 Prozent (Kreis Leer) und 29,6 Prozent (Emden). In der Rangliste resultieren daraus die Plätze 292 (Emden), 335 (Wittmund), 343 (Aurich) und 384 (Leer).
Bildungsangebote – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Die Bundesregierung hat untersucht, wie nah- oder fernliegend Bildung in den 400 Landkreisen und kreisfreien Städten ist. Sie hat die Erreichbarkeit von Bildungseinrichtungen betrachtet und als Maß die Auto-Fahrzeiten herangezogen. Berücksichtigt worden sind „die nächstgelegene Grundschule, die nächstgelegene Schule mit Sekundarstufe I und die nächstgelegene Schule mit Sekundarstufe II“. Es musste ein Mittelwert errechnet werden.
In Ostfriesland sind die Fahrzeiten in Emden tendenziell am kürzesten – stadt-typisch. Trotzdem belegt die größte ostfriesische Stadt nur Platz 173 im Deutschland-Ranking. Die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund befinden sich im untersten Viertel der Tabelle. Die Mittelwerte liegen bei fünf bis acht Minuten Fahrzeit.
Supermarktversorgung – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Tante-Emma-Läden gibt es fast nicht mehr – die Nähe zum Supermarkt entscheidet in den meisten Fällen darüber, wie komfortabel die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniert und mit den meisten anderen Dingen, die man zum Leben braucht. Die Bundesregierung meint: „Eine flächendeckende Präsenz von Supermärkten trägt gemeinsam mit kleineren Lebensmittelläden und Fachgeschäften zur hohen Lebensqualität vor Ort bei.“
Als Messgröße diente die Auto-Fahrzeit zum nächsten Supermarkt. Allerdings ist die Nähe von Einkaufsmöglichkeiten vor allem für jene bedeutsam, die kein Auto haben – beispielsweise, weil sie sich keines leisten können, oder weil sie altersbedingt nicht mehr fahren können.
Aus dem Gleichwertigkeitsbericht beziehungsweise seiner statistischen Grundlage geht hervor, dass im Jahr 2017 die Fahrzeit zum nächsten Supermarkt im Emsland kürzer war als in der Stadt Emden – Emden liegt bei fünf Minuten und landet damit im Deutschland-Ranking auf Platz 230. Die ostfriesischen Landkreise liegen weiter hinten. 6,2 Minuten ist die Fahrzeit, die für den Kreis Wittmund ermittelt wurde. Das ist Rang 351 von 400.
Medizin und Pflege – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Im Unterschied zum Einkauf kann es bei der Fahrt ins Krankenhaus um Leben und Tod gehen. Die Bundesregierung hat „die Pkw-Fahrzeiten in Minuten“ verglichen, die Fahrzeiten „zu verschiedenen medizinischen und pflegerischen Versorgungseinrichtungen“, aus denen ein Mittelwert errechnet wurde. Stand der Berechnung ist das Jahr 2022.
Einmal mehr liegen die ländlich geprägten Landkreise Ostfrieslands ziemlich weit hinten: Leer (Platz 280), Aurich (298) und Wittmund (327). Emden schafft es auf Rang 128. Die gemittelten Fahrzeiten betragen in Ostfriesland zwischen sieben und elf Minuten. Bemerkenswert ist, dass die Vergleichszeit in Wilhelmshaven fast zwei Minuten kürzer ist als in Emden.
Hausarztversorgung – Ostfriesland im Deutschland-Vergleich
Die erste Anlaufstelle für Patienten sind bei Erkrankungen und kleineren Verletzungen die Hausärzte. Die Bundesregierung hat deshalb die hausärztliche Versorgungsdichte verglichen. Im Gleichwertigkeitsbericht ist die Anzahl der Einwohner je Hausarzt dargestellt. Stand: 2022.
In Ostfriesland ist ein Hausarzt – rechnerisch – für 1587 bis 1735 Bürger zuständig. Und es werden mehr, wie die Entwicklung seit dem Jahr 2012 zeigt. Im Deutschland-Ranking liegt der Landkreis Aurich auf Platz 153, der Landkreis Wittmund, die Stadt Emden und der Landkreis Leer kommen ein ganzes Stück weiter unten auf den Rängen 224, 274 und 292. Die naheliegende Stadt Wilhelmshaven sowie die Nachbarkreise Ammerland und Friesland sind deutlich besser aufgestellt: Platz 26, 28 und 29. Das Emsland und Cloppenburg hingegen deutlich schlechter: Platz 339 und 388.
Wirtschaftslage – so weit unten ist Ostfriesland im Deutschland-Ranking
Lebensqualität – so weit unten ist Ostfriesland im Deutschland-Ranking
Klima und Umwelt – Ostfrieslands Plätze im Deutschland-Ranking
Regierungsbericht – Ostfriesland und Umgebung im Deutschland-Ranking